«Die Zahlen sind nicht seriös»

Passivrauchen schadet, behaupten viele «Studien». Doch stimmen diese Zahlen überhaupt? Der Wissenschaftler Beda Stadler ist da anderer Ansicht.

Elf Kantone erlauben bediente Fumoirs und Raucherbeizen, sieben bediente Fumoirs. In acht Kantonen ist beides verboten.

Elf Kantone erlauben bediente Fumoirs und Raucherbeizen, sieben bediente Fumoirs. In acht Kantonen ist beides verboten. Bild: Keystone

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Mit der Initiative «Schutz vor Passivrauchen», über die das Schweizer Volk am 23. September abstimmt, will die Lungenliga Schweiz dreierlei erreichen: Erstens sollen künftig sämtliche öffentlichen Gebäude wie Restaurants, Bars, Schulen oder Spitäler rauchfrei sein – Raucherlokale und bediente Fumoirs sind nicht mehr möglich. Rauchfrei müssen, zweitens, alle Arbeitsplätze in Innenräumen sein. Drittens will die Initiative eine schweizweit einheitliche Regelung, was heute nicht der Fall ist. Gar nichts von diesen Ideen hält Beda Stadler, Direktor des Instituts für Immunologie an der Universität Bern und bekennender Raucher. Er findet die Studien zur Schädlichkeit des Passivrauchens «zum Rauchen» und ist überzeugt: Das eigentliche Ziel «ist eine Gesellschaft, in welcher der Genuss tabu ist».

Sie leiten das Institut für Immunologie an der Universität in Bern. Wie immun sind Sie gegen das Rauchen?
Überhaupt nicht. Ich rauche schon lange, rauche viel – und das mit grosser Leidenschaft. Ich habe nie versucht, aufzuhören. Nicht, weil ich es mir nicht zutraue, sondern weil ich es nicht will. Ich habe immer gesagt: Ich kämpfe nicht gegen jemanden, der stärker ist als ich.

Ihr Institut befindet sich am Inselspital, einer der medizinischen Hochburgen der Schweiz. Der Weg ins Büro muss für Sie doch jeden Tag wie ein Gang nach Canossa sein.
Schon lange nicht mehr; die Kollegen wissen, dass bei mir Hopfen und Malz verloren ist. Der einzige Mensch, der mich noch immer täglich bekehren will, ist meine Frau. Sie wird es nie aufgeben – und das ist schön.

Das Rauchen will Ihnen die Initiative «Schutz vor dem Passivrauchen», über die wir am 23. September abstimmen, gar nicht verbieten; es geht einzig darum, die Mitmenschen vor den gesundheitlichen Folgen des Passivrauchens zu schützen. Da kann man doch nichts dagegen haben!
Ich bin der Letzte, der sich gegen einen wirksamen Schutz wehrt. Ich mache mich für das Impfen stark – weil es nützt und dieser Nutzen wissenschaftlich erwiesen ist. Das ist beim Passivrauchen nicht der Fall. Es gibt keine seriöseStudie, die belegt, dass Passivrauchen wirklich tötet. Was mich besonders ärgert: Es geben viele Möchtegern-Wissenschaftler ihren Senf zum Thema ab. Trotz mangelnder Datenbasis wird dies dann grossmundig als Studie publiziert.

Nehmen Sie nun nicht selber den Mund etwas zu voll? Es gibt mehrere Studien, die zeigen, dass Passivrauchen schadet. Eine dieser Untersuchungen kommt zum Schluss: Wer acht Stunden im Tag in einem Raucherlokal arbeitet, «raucht» 15 bis 38 Zigaretten mit.
Ich bleibe dabei: Diese Zahlen sind nicht seriös. Sie beruhen auf Glaubensbekenntnissen der Weltgesundheitsorganisation WHO und haben keinen wissenschaftlichen Hintergrund. Man darf nicht ein Volk massregeln, wenn keine Wissenschaft hinter den Daten steckt.

Nun ja: Als unseriös kann man die WHO beim besten Willen nicht bezeichnen.
In diesem Bereich schon. Es gibt Zahlen, die das Gegenteil belegen. Was die WHO und in ihrem Gefolge die Lungenliga macht, ist Rosinenpickerei. Man nimmt die Zahlen, die einem passen, und blendet die anderen aus.

Verwechseln Sie da nicht etwas? Das wirft man sonst der Tabakindustrie vor.
Zugegeben: Auch hier gab es gekaufte Studien. Aber das ist lange her.

Noch einmal: Die Folgen des Passivrauchens sind längst klar nachgewiesen.
Und noch einmal: Nein. Die meisten Daten basieren auf einer einzigen Hochrechnung, die in Deutschland gemacht wurde. Diese kam auf 3000 Tote pro Jahr. Nun nahm man diese Zahl und rechnete sie einfach auf die Schweizer Bevölkerung herunter. (Lacht.) Mit Studien kann man im Übrigen fast alles belegen. So soll das Tragen von Büstenhaltern ebenfalls zu Todesfällen führen.

Aber …
… Nichts aber. Oder haben Sie schon einmal einen Totenschein gesehen, in dem als Todesursache Passivrauchen stand? Ich nicht.

Sagen Sie das einer Serviceangestellten, die acht Stunden pro Tag in einem verrauchten Lokal arbeiten muss.
Halt: Niemand darf gezwungen werden, in einem Raucherlokal zu arbeiten. Dieser Grundsatz ist für mich zentral und unantastbar. Mit dem Bundesgesetz zum Schutz vor Passivrauchen haben wir genau das geregelt. Mehr braucht es nicht. Jeder Kanton kann zudem autonom entscheiden, ob er weiter gehen will oder nicht. Das passt zur Schweiz, das ist Föderalismus pur. Als regelmässiger Gast von Raucherlokalen weiss ich zudem, dass viele Serviceangestellten selber rauchen und gerne in einer Raucherbeiz arbeiten. Auch dies muss möglich sein.

Die heutige Regelung ist also perfekt?
Nein, aber ich kann damit leben. Wenn es nach mir ginge, würde man die Regeln wieder lockern. Ich stehe für einen liberalen Staat ein, am liebsten wäre mir ein libertärer. Ich finde, ein Wirt muss ab der Gasthaus­türe selber entscheiden können, was er machen will. Es gibt einen Markt für Raucherbeizen und es gibt keinen Grund, diesen nicht spielen zu lassen.

Bei allem Liberalismus: Eine Gesellschaft braucht Regeln.
Klar, und deshalb akzeptiere ich die heutige Regelung ja auch. Um das geht es gar nicht. Wenn künftig jemand jedoch freiwillig in einem Raucherlokal arbeiten will, verbietet es ihm der Staat. Das geht zu weit.

Zu weit geht auch, dass das Passiv­rauchen die Gesellschaft jährlich an die 500 Millionen Franken kostet.
Das ist auch so eine Zahl, die am Rauch herbeigezogen ist. Sie beruht auf einer Studie der Uni Neuenburg im Auftrag des Bundesamtes für Gesundheit. Zum Totlachen. Alle anderen Studien zeigen das Gegenteil. Es ist doch so: Wir Raucher rentieren. Wir zahlen über die Zigarettenpreise massiv mehr Steuern und sterben erst noch fünf Jahre früher.

Das muss nicht sein. Wer nie raucht, lebt länger. Deshalb ist Prävention wichtig. Studien zeigen, dass der Anteil rauchender Jugendlicher mit einem konsequenten Rauchverbot in öffentlichen Räumen massiv reduziert werden kann.
Ha! Das funktioniert ebenso wenig wie die Warnhinweise und grausigen Fotos auf den Zigarettenpackungen. Steuern lässt sich das Rauchverhalten allenfalls über den Preis.

Nehmen wir an, die Initiative wird am 23. September angenommen. Kehrt dann Ruhe an der Raucherfront ein?
Garantiert nicht. Danach kommt die nächste Attacke. Eine Genfer Gruppe sammelt ja bereits Unterschriften für eine noch schärfere Initiative. Diese will das Rauchen unter gewissen Bedingungen sogar draussen verbieten.

Das eigentliche Ziel ist also eine rauchfreie Gesellschaft?
Nicht nur eine rauchfreie Gesellschaft, sondern eine Gesellschaft, in welcher der Genuss tabu ist. Ich garantiere Ihnen: Sind die Raucher erst einmal erledigt, werden andere Minderheiten wie die Übergewichtigen an den Pranger gestellt. Dagegen wehre ich mich: Ich will mein Leben genussvoll gestalten können. Ich glaube nämlich nicht an ein zweites Leben und will deshalb das eine intensiv geniessen. Ich will es nicht verpassen. Wer asketisch leben will, darf das. Genauso muss man es aber mir überlassen, wenn ich es nicht will.

Stadler, der Robin Hood der Geniesser.
Mein Credo ist: Jeder ist für sich selber verantwortlich. Heute sind wir aber auf dem Weg zu einer Gebots- und Verbotsgesellschaft. Dagegen wehre ich mich. Ich fahre auch konsequent ohne Helm Velo. Ich gefährde so höchstens mich selber und das muss man mir überlassen. In dem Moment, in dem der Helm Vorschrift wird, stelle ich das Velo in die Ecke.

Eine rauch- und suchtfreie Gesellschaft ist für mich …
… eine Gesellschaft ohne Kultur. Wir müssen unbedingt wieder lernen, zu geniessen. Denn ein Leben ohne Genuss ist ein verpasstes Leben. (Basler Zeitung)

(Erstellt: 17.07.2012, 09:53 Uhr)

Beda Stadler ist Raucher und wehrt sich gegen den Kampf gegen den Genuss. (Bild: Keystone )

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