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«Ein Meilenstein bei der Bekämpfung von Krebs»
Von Anke Fossgreen. Aktualisiert am 20.02.2010
Bei allen Menschen anders: Tumorzellen.
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«Wir haben einen Meilenstein bei der Bekämpfung von Krebs erreicht.» Das hat Victor Velculescu gestern an der Jahrestagung der amerikanischen Vereinigung zur Förderung der Wissenschaften in San Diego verkündet. Denn Velculescu von der Johns-Hopkins-Universität in Baltimore und sein Team haben eine neue Methode entwickelt, um das Erbgut von einzelnen Krebszellen im Körper von Patienten aufzuspüren.
Bisher muss bei Patienten nach einer Krebsbehandlung, also nach einer Operation, Bestrahlung oder Chemotherapie, in gewissen Zeitabständen kontrolliert werden, ob der Tumor nachgewachsen ist oder ob sich Metastasen gebildet haben. Mit Hilfe der neuen Methode könnten die Ärzte in Zukunft schon wenige Tage oder Wochen nach einer Krebstherapie feststellen, ob sie erfolgreich war - oder ob im Blut des Behandelten noch die typische DNA der Krebszellen nachweisbar ist.
«Eines der Probleme, diese DNA zu finden, war, dass es bisher keine universelle Methode gab, dieses spezielle Erbgut aufzuspüren», sagte Luis Diaz, einer der Mitautoren der Studie, die nächste Woche in der Fachzeitschrift «Science Translational Medicine» erscheint.
Bereits heute können Mediziner den Erfolg einer Therapie gegen das Aids-Virus HIV testen, indem sie das Virus im Blut der Patienten vor und bei der Therapie kontrollieren. Geht die Virus-DNA während der Behandlung zurück und ist schliesslich nicht mehr nachweisbar, so ist die Therapie erfolgreich.
Kein Erbgut wie das andere
Bei Krebszellen funktioniert diese Methode laut Diaz nicht so leicht. Denn das Erbgut der Krebszellen ist bei jedem Patienten einzigartig, wogegen die Virus-DNA immer die gleiche ist. Verglichen mit gesunden Körperzellen eines Patienten ist das Genom der Krebszellen zum Teil sogar dramatisch verändert.
Charakteristisch für Krebszellen ist, dass die Chromosomen nicht mehr stabil sind. Das heisst, sie können sich vervielfältigen, einzelne Chromosomen können verloren gehen, Teile können sich umdrehen, komplett verschwinden oder sich in andere Chromosomen der Krebszelle einbauen. Laut Diaz sind bei solch grossen Umbauten im Erbgut - man könnte dieses auch Buch des Lebens nennen - nicht nur einzelne Buchstaben falsch geschrieben, sondern ganze Kapitel vertauscht, ausgelassen oder vervielfältigt.
Britische Forscher vom Wellcome Trust Sanger Institute in Hinxton haben unlängst das Erbgut von 24 Brustkrebspatientinnen untersucht. Sie fanden eine Vielfalt an umgestalteter DNA. Während in einem Fall nur eine einzige Veränderung im Genom ausgereicht hatte, dass sich die Zelle unkontrolliert vermehrte, zeigten andere Proben mehr als 200 Umbauten in der DNA. Dieses Ergebnis bestätige die These, dass Brustkrebs nicht als eine, sondern als viele Krankheiten angesehen werden müsse. So befand der Studienleiter Mike Stratton, der seine Arbeit im Dezember veröffentlichte («Nature», Bd. 462, S. 1005).
Nadel im Heuhaufen
Damit wird die Suche nach einem einzigen Biomarker - nach der typischen Veränderung im Erbgut einer Krebszelle - bei manchen Krebsarten unmöglich. Velculescu und sein Team konnten die grossen Unterschiede im Erbgut der Krebszellen bestätigen. Die US-Forscher haben vier Proben von Darmkrebspatienten und zwei von Brustkrebspatientinnen untersucht. Auch sie fanden, dass jeder Patient ein individuelles Muster von Veränderungen im Erbgut der Krebszellen zeigte.
Um nun diese je nach Patient typische Krebszellen-DNA zu finden, entwickelten die Forscher einen aufwendigen Test. Sie entschlüsselten einerseits die DNA der Darm- und Brustkrebsproben der Patienten, andererseits die DNA ihrer gesunden Körperzellen. So fanden die Wissenschaftler die charakteristischen Veränderungen im Erbgut. Nun galt es, die Krebs-DNA von der überwiegenden DNA der gesunden Körperzellen zu unterscheiden. «Es gelang uns, ein einziges Krebsgenom inmitten von 390'000 gesunden Genomen nachzuweisen», sagt Velculescu.
Dass diese Methode tatsächlich in der Praxis angewendet werden kann, zeigte das Team am Beispiel eines Patienten, dem ein Tumor im Darm entfernt worden war. Die Forscher stellten zuerst an einer Krebsgewebeprobe fest, dass bei diesem Patienten in den Krebszellen ein Teil des Chromosoms 4 an das Chromosom 8 gefügt war. Dann suchten sie nach diesem Fehler im Blut des Patienten. Vor der Operation fanden sie eine grosse Anzahl dieser Krebszellen-DNA, nach Entfernung des Tumors ging die Menge der für diesen Patienten typischen Krebszellen-DNA zurück. Sie stieg jedoch wieder an. Nachdem der Patient eine Chemotherapie erhalten hatte und erneut operiert worden war, sank die Menge an Krebszellen-DNA zwar deutlich, war aber immer noch nachzuweisen. Der Grund dafür war eine kleine Tochtergeschwulst in der Leber des Kranken.
Therapieverlauf überwachen
«Noch kostet dieser Genomtest um die 5000 Dollar pro Patient», räumte Velculescu ein. Er sagte jedoch voraus, dass sich die Kosten für die Sequenzierungen schnell verringern werden. Das hätten die letzten Jahre gezeigt.
«Wir haben die klinische Anwendung für eine Sequenzierungs-Technologie entwickelt, die Krebspatienten zugute kommen kann», sagte Velculescu. Mit dieser Methode könnten Ärzte in Zukunft prüfen, ob ein Patient nach einer Operation tatsächlich acht Wochen später eine Bestrahlung oder Chemotherapie benötigt. Denkbar wäre zudem, per Bluttest zu prüfen, ob Lymphknoten befallen sind - oder ob ein Tumor schnell oder langsam wächst. Auch könnte so schneller festgestellt werden, ob neue Medikamente wirken. Velculescu ist optimistisch: «Wenn es uns gelingt, die Kosten zu senken, könnte es in zwei bis drei Jahren einen entsprechenden Test auf dem Markt geben.» (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 20.02.2010, 19:12 Uhr










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