Wissen
Ein «Wundermittel» löst einen Streit aus
Von Claudio Habicht. Aktualisiert am 22.10.2009
Video der Sendung
Artikel zum Thema
Fast scheint es, als sei ein Märchen wahr geworden. Nachdem der deutsche Sender ARD am Montagabend den Dokumentarfilm «Heilung unerwünscht - Wie Pharmakonzerne ein Medikament verhindern» ausgestrahlt hat, wird auf der Homepage der kleinen Firma Mavena in Baden die Ankündigung einer neuen Arznei aufgeschaltet. Sie lautet: «Regividerm. Zur äusserlichen Behandlung von Psiorasis und Neurodermitis. Voraussichtlich werden wir Mitte November lieferfähig sein». Regividerm ist genau jenes Mittel, das, wie der Doku-Film zeigt, von zwei Studenten in den 80er-Jahren entwickelt und darauf jahrelang von der Pharmaindustrie blockiert worden war.
Mavena erwarb erst im September die Vertriebsrechte, wie Klaus Sippel, Verwaltungsratspräsident der Muttergesellschaft Salt of Life International, auf Anfrage von baz.ch/Newsnet sagt. Dass die Ankündigung des Medikaments zeitlich mit der Ausstrahlung des Dokumentarfilms zusammenfiel, sei ein Zufall. Sippel betont auch, dass Mavena das Medikament als Vertriebspartner übernommen hat.
Hunderttausende leiden
Den Neurodermitis- und Schuppenflechte-Patienten werden diese Umstände der Lancierung letztlich egal sein, schätzungsweise 10 Prozent der Bevölkerung leiden an den Hautkrankheiten. In der Schweiz sind dies rund 800'000 Personen, darunter viele Babys und Kinder, die besonders mit dem Juckreiz zu kämpfen haben.
Der Erfolg scheint Mavena darum sicher. «Das Produkt wird erfolgreich sein», sagt Mavena-Geschäftsführer Hans-Joachim Zeisel. Denn Regividerm, das hauptsächlich aus Avocadoöl und Vitam B12 besteht, habe keine Nebenwirkungen und könne im Gegensatz zu chemischen Neurodermitis-Medikamenten mit Cortison auch längere Zeit angewendet werden. Einen Haken hat das Medikament dennoch: Zwar hat es alle klinischen Tests bestanden und ist gesetzlich zugelassen, doch Langzeitstudien zur Wirkung gibt es keine. «Wir haben jedoch kleine Versuche durchgeführt, die alle zum gewünschten Resultat geführt haben», sagt Zeisel.
Ohne Aussicht auf Heilung
Beda Stadler, Direktor des Instituts für Immunologie an der Universität Bern, verfolgt die Debatte um das Medikament mit Skepsis. «Ein bisschen Avocadoöl mit etwas Vitaminen drin kann diese schweren Krankheiten nicht kurieren. Das ist Betrug. Neurodermitis und Schuppenflechte können nicht geheilt werden». Den Doku-Film über die Entstehungsgeschichte verurteilt er. «Wenn man anfängt, auf diese Art Wundermittel zu promovieren, spielt man mit den Hoffnungen der Patienten.» Stadler kann durchaus nachvollziehen, warum grosse Pharmafirmen nicht am Medikament interessiert waren: «Ein Patent, dass sich auf Avocadoöl abstützt, ist leicht kopierbar. Die Firmen werden sich hüten, die Rechte an einem solchen Mittel zu erwerben.»
Die Experten werden sich wohl noch länger uneins sein. Immerhin können die Patienten nun selbst entscheiden, ob die das Mittel ausprobieren wollen oder nicht. (baz.ch/Newsnet)
Erstellt: 22.10.2009, 17:24 Uhr


Die Welt in Bildern


