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Ein radikaler Schnitt
Von Anke Brodmerkel. Aktualisiert am 16.10.2010 3 Kommentare
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Brustkrebs-Gene: Verlorene Schutzfunktion
Brustkrebs-Gene Verlorene Schutzfunktion
In der Schweiz erkranken jedes Jahr mehr als 5000 Frauen an Brustkrebs. Bei etwa jeder zwanzigsten Patientin ist der Tumor Folge einer Mutation in einem der beiden Hochrisikogene BRCA1 und BRCA2. Die Abkürzung BRCA steht für die englische Krankheitsbezeichnung Breast Cancer.
Entdeckt wurden die Gene in den Jahren 1994 und 1995. Von BRCA1 weiss man, dass es in seiner funktionsfähigen Variante Schäden am Erbmaterial in den Zellen des Brust- und Eierstockgewebes repariert. Falls in einer Zelle ein irreversibler Erbgutschaden vorliegt, löst BRCA2 den Tod dieser Zelle aus. So wird verhindert, dass sich gesunde Zellen in Krebszellen verwandeln. Sind die beiden Gene verändert, können sie ihre Schutzfunktion nicht mehr ausreichend wahrnehmen.
Während in der Allgemeinbevölkerung etwa 10 Prozent aller Frauen im Laufe ihres Lebens an Brustkrebs erkranken, sind es unter den Trägerinnen der Hochrisikogene rund 70 Prozent. In den betroffenen Familien tritt der Krebs in nahezu jeder Generation und oft schon in jungen Jahren auf. Häufig endet er tödlich.
Frauen mit einem hohen familiären Risiko sollten sich deshalb in einem der zehn genetischen Zentren der Schweiz (Adressen unter http://sakk.ch/de/download/183) oder in einem zertifizierten Brustzentrum beraten lassen und regelmässig zur Früherkennung gehen. Diese beinhaltet, anders als bei Frauen ohne erhöhtes Brustkrebsrisiko, neben der Mammografie auch regelmässige Ultraschall- und Kernspinuntersuchungen. Die Kosten dafür übernehmen die Krankenkassen.
Evelyn Heeg war erst dreissig Jahre alt, als sie eine der vielleicht schwierigsten Entscheidungen ihres Lebens traf. Völlig gesund beschloss die glücklich verheiratete Lehrerin aus dem deutschen Freiburg, sich beide Brüste entfernen zu lassen. So wollte sie dem Brustkrebs entgehen, an dem sie sehr wahrscheinlich eines Tages erkranken würde.
Ihre Mutter, zwei Tanten und eine Grosstante waren bereits in jungen Jahren an Brustkrebs verstorben. Und nach einem Gentest erfuhr Evelyn Heeg, dass sie das Schicksal ihrer weiblichen Verwandten vermutlich teilen würde – falls sie sich nicht zu dem radikalen Schritt einer Brustentfernung entschied. An einem Morgen im November 2005 liess die junge Frau die Operation in einer Münchner Klinik vornehmen.
Keine Zahlen für die Schweiz
Während in den USA und in einigen Ländern Europas ein solches Vorgehen üblich ist bei Frauen mit erblichem Brustkrebsrisiko, ist der Eingriff in Deutschland und in der Schweiz nicht unumstritten. Viele Mediziner hierzulande sind der Ansicht, dass eine regelmässige Früherkennung – die bei Risikopatientinnen pro Jahr eine Mammografie, eine Kernspin- und zwei Ultraschalluntersuchungen umfasst – ähnlich gute Ergebnisse liefert. Anders ausgedrückt: Frauen, die sich vorbeugend die Brust abnehmen lassen, leben nicht unbedingt länger als solche, die regelmässig zur Vorsorge gehen. «Offizielle Zahlen über präventive Mastektomien in der Schweiz gibt es aber nicht», sagt Susanne Bucher, Leitende Ärztin am Brustzentrum Luzern.
Einen Vorteil hat die Brustentfernung unzweifelhaft: Sie nimmt den Frauen die ständige Angst, dass die nächste Vorsorgeuntersuchung ein auffälliges Ergebnis liefern wird. Und dass der Brustkrebs dann, wie es bei Risikopatientinnen häufig der Fall ist, rasch voranschreitet. Auch eine grosse, kürzlich veröffentlichte Studie zeigt, dass die Entscheidung zu einer vorbeugenden Mastektomie sinnvoll sein kann («Journal of the American Medical Association», Bd. 304, S. 967).
Risiko bedeutend geringer
Das Team um Susan Domchek von der School of Medicine an der University of Pennsylvania hatte für seine Untersuchung 2482 Frauen aus Europa und Nordamerika rekrutiert, die alle ein genetisch bedingtes Brustkrebsrisiko aufwiesen. Bei ihnen war entweder, so wie bei Evelyn Heeg, das BRCA1-Gen oder das BRCA2-Gen verändert. Beide Erbanlagen unterdrücken in ihrer ursprünglichen Variante die Entstehung von Tumoren in der Brust und in den Eierstöcken (siehe Artikel rechts).
Frauen, die eine Mutation in einem der beiden Gene aufweisen, erkranken hingegen mit einer Wahrscheinlichkeit von 56 bis 84 Prozent bis zu ihrem siebzigsten Lebensjahr – oft schon viel früher – an einer aggressiven Form von Brustkrebs. Auch das Risiko für Eierstockkrebs ist bei Trägerinnen der Risikogene stark erhöht.
Risiko sinkt auf ein bis drei Prozent
Um der drohenden Gefahr zu entgehen, hatten sich 247 der Studienteilnehmerinnen zu einer vorbeugenden Brustentfernung entschieden. Sie alle wurden nach der Operation über mindestens drei Jahre hinweg beobachtet. Wie sich herausstellte, erkrankte keine von ihnen während dieser Zeit an Brustkrebs. «Im Gegensatz dazu wurde im gleichen Zeitraum bei sieben Prozent der Frauen, die auf die Mastektomie verzichtet hatten, ein Tumor in der Brust diagnostiziert», schreiben Domchek und ihre Kollegen.
Die Wissenschaftler bestätigen damit die Ergebnisse kleinerer Studien, denen zufolge das Brustkrebsrisiko nach einer Entfernung der Brüste nur noch bei etwa ein bis drei Prozent liegt. Vollständig eliminieren lässt sich die Gefahr auch durch die Operation nicht, weil nie alle Zellen des Brustgewebes entfernt werden können.
Hilft auch bei Eierstockkrebs
Das Team um Domchek untersuchte auch, wie sich eine vorbeugende Entfernung der Eierstöcke und der Eileiter, Salpingo-Oophorektomie genannt, auf das Risiko von Eierstockkrebs auswirkt. «Da bei dieser Krebsart die Heilungschancen noch geringer sind als beim Brustkrebs und es zudem keine effizienten Methoden der Früherkennung gibt, sind präventive Massnahmen besonders wichtig», sagt Marion Kiechle, die Direktorin der Frauenklinik am Klinikum rechts der Isar der TU München, die zugleich das Interdisziplinäre Brustzentrum Münchens leitet.
Auch das bestätigt die aktuelle Studie. In einem Zeitraum von sechs Jahren verstarben drei Prozent der Probandinnen, die sich keiner Operation unterzogen hatten, an Eierstockkrebs. Bei den 939 Teilnehmerinnen, die sich die Eierstöcke und Eileiter hatten entfernen lassen, waren es nur 0,4 Prozent.
Für den Laien überraschend wirkte sich die Entfernung der Eierstöcke auch auf die Brustkrebssterblichkeit aus: Während innerhalb der sechs Jahre zwei Prozent der Frauen, die sich der Operation unterzogen hatten, an Brustkrebs verstarben, waren es bei den Probandinnen, die ihre Eierstöcke behalten hatten, sechs Prozent.
Zufrieden nach dem Eingriff
«Warum die Entfernung der Eierstöcke das Risiko von Brustkrebs senkt, wissen wir nicht», sagt Kiechle. «Für viele Frauen, die sich vor einer Brustentfernung scheuen und in deren Familie der Brustkrebs noch nicht in ganz jungen Jahren aufgetreten ist, ist eine Salpingo-Oophorektomie mit Anfang vierzig, wenn die Familienplanung abgeschlossen ist, aber eine sehr gute Option.» Durch den Eingriff seien die Frauen vor Eierstock- und zu einem gewissen Grad vor Brustkrebs geschützt.
Auch Evelyn Heeg denkt darüber nach, sich in einigen Jahren einer Salpingo-Oophorektomie zu unterziehen. Derzeit geniesst sie aber erst einmal ihr Leben. Denn auch mit dem kosmetischen Ergebnis des Eingriffs ist sie sehr zufrieden. Ihre Brust wurde mit Gewebe aus dem Gesäss wieder aufgebaut, viele Nerven haben sich in den vergangenen Jahren regeneriert. Die neuen Brüste sind Teil ihres Körpers geworden.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 16.10.2010, 09:23 Uhr
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3 Kommentare
Sich bloss auf diese eine grössere und die wenigen kleinen, kaum aussagefähigen Studien abzustützen ist es sich sehr einfach gemacht. Es sind immer mehrere Faktoren im Spiel bei Krebs als nur zwei Erbgutdefekte. Ich hoffe, eine solche reduktionistische Sichtweise in der Medizin wird bei uns nie Einzug halten. Antworten
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Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.
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