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«Herr Sarrazin hat da etwas falsch verstanden»

Von Anke Fossgreen. Aktualisiert am 01.09.2010

Der genetische Einfluss auf die Intelligenz ist tatsächlich hoch. Es gibt aber keinen wissenschaftlichen Beweis, dass sich ethnische Gruppen in ihren Intelligenzgenen unterscheiden.

Er hat etwas falsch verstanden: Der Intelligenzquotient ist keine absolute Grösse, sondern gibt an, wie stark jemand vom Durchschnitt abweicht.

Er hat etwas falsch verstanden: Der Intelligenzquotient ist keine absolute Grösse, sondern gibt an, wie stark jemand vom Durchschnitt abweicht.
Bild: Keystone

Elsbeth Stern ist seit 2006 Professorin an der ETH Zürich. Die Psychologin forscht zum Lernen und zur Intelligenz.

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Von jüdischen und anderen Genen

Als Thilo Sarrazin von Journalisten der «Welt am Sonntag» gefragt wurde, ob es eine genetische Identität eines Volkes gebe, antwortete er: «Alle Juden teilen ein bestimmtes Gen...» Damit erntete er massive Kritik in Deutschland.

Sarrazin bezog sich mit seiner Äusserung auf zwei kürzlich veröffentlichte wissenschaftliche Studien, in denen Genetiker das Erbgut einiger jüdischer Gruppen im Vergleich zu nicht jüdischen untersuchten («American Journal of Human Genetics», Bd. 86, S. 850; «Nature», Bd. 466, S. 238). Die Forscher fanden kein «Juden-Gen», sondern leichte Veränderungen an zahlreichen Stellen des Erbguts. Diese sogenannten SNPs sind einzelne Bausteine in der DNA, die vom bekannten menschlichen Genom abweichen. Solche Veränderungen treten bei allen Menschen auf. Je näher jedoch Individuen miteinander verwandt sind, um so ähnlicher sind ihre SNPs.

Das machten sich die israelischen und US-Forscher zunutze, um Jahrhunderte zurückliegende Verwandtschaftsverhältnisse und damit die Abstammung heutiger jüdischer Gruppen zu rekonstruieren. Die Geschichte spiegelt sich tatsächlich im Erbgut der untersuchten Juden wider.

Die Forscher sahen zum Beispiel Hinweise auf die Aufspaltung der arabischen Juden, der sogenannten Misrachim, von den Aschkenasim, die vor rund 2500 Jahren stattfand. Oder sie fanden einen «Flaschenhals» im Erbgut der Aschkenasim, als deren Zahl nach der Judenverfolgung im 15. Jahrhundert auf etwa 50'000 schrumpfte. Die fünf Millionen aschkenasischen Juden, die zu Beginn des 19. Jahrhunderts lebten, stammten alle von diesen 50'000 Menschen ab.

Diese Veränderungen im Erbgut der Juden sagen nichts über äussere Merkmale oder die Intelligenz aus, lediglich etwas über die Verwandtschaftsverhältnisse. Diese verrät auch das Y-Chromosom, das stets über die Väter an ihre Söhne vererbt wird. Mit dessen Hilfe fanden kürzlich britische Forscher heraus, dass europäische Männer vermutlich von einem Bauern aus Anatolien abstammen. Der lebte allerdings in der Jungsteinzeit. Vielleicht trägt auch Thilo Sarrazin das Chromosom dieses frühen Türken in sich.

Von jüdischen und anderen Genen

Als Thilo Sarrazin von Journalisten der «Welt am Sonntag» gefragt wurde, ob es eine genetische Identität eines Volkes gebe, antwortete er: «Alle Juden teilen ein bestimmtes Gen...» Damit erntete er massive Kritik in Deutschland.

Sarrazin bezog sich mit seiner Äusserung auf zwei kürzlich veröffentlichte wissenschaftliche Studien, in denen Genetiker das Erbgut einiger jüdischer Gruppen im Vergleich zu nicht jüdischen untersuchten («American Journal of Human Genetics», Bd. 86, S. 850; «Nature», Bd. 466, S. 238). Die Forscher fanden kein «Juden-Gen», sondern leichte Veränderungen an zahlreichen Stellen des Erbguts. Diese sogenannten SNPs sind einzelne Bausteine in der DNA, die vom bekannten menschlichen Genom abweichen. Solche Veränderungen treten bei allen Menschen auf. Je näher jedoch Individuen miteinander verwandt sind, um so ähnlicher sind ihre SNPs.

Das machten sich die israelischen und US-Forscher zunutze, um Jahrhunderte zurückliegende Verwandtschaftsverhältnisse und damit die Abstammung heutiger jüdischer Gruppen zu rekonstruieren. Die Geschichte spiegelt sich tatsächlich im Erbgut der untersuchten Juden wider.

Die Forscher sahen zum Beispiel Hinweise auf die Aufspaltung der arabischen Juden, der sogenannten Misrachim, von den Aschkenasim, die vor rund 2500 Jahren stattfand. Oder sie fanden einen «Flaschenhals» im Erbgut der Aschkenasim, als deren Zahl nach der Judenverfolgung im 15. Jahrhundert auf etwa 50'000 schrumpfte. Die fünf Millionen aschkenasischen Juden, die zu Beginn des 19. Jahrhunderts lebten, stammten alle von diesen 50'000 Menschen ab.

Diese Veränderungen im Erbgut der Juden sagen nichts über äussere Merkmale oder die Intelligenz aus, lediglich etwas über die Verwandtschaftsverhältnisse. Diese verrät auch das Y-Chromosom, das stets über die Väter an ihre Söhne vererbt wird. Mit dessen Hilfe fanden kürzlich britische Forscher heraus, dass europäische Männer vermutlich von einem Bauern aus Anatolien abstammen. Der lebte allerdings in der Jungsteinzeit. Vielleicht trägt auch Thilo Sarrazin das Chromosom dieses frühen Türken in sich.

Thilo Sarrazin, ehemaliger Berliner Finanzsenator und heutiges Vorstandsmitglied der Deutschen Bundesbank, hat am Montag in Deutschland sein umstrittenes Buch «Deutschland schafft sich ab. Wie wir unser Land aufs Spiel setzen» vorgestellt. Die Kernaussagen sind, dass in Deutschland zukünftig überwiegend Kinder von bildungsfernen Schichten vor allem von Muslimen geboren werden, während gut gebildete Bürger weniger Kinder bekommen. Sarrazin geht davon aus, dass die Intelligenz in hohem Masse vererbbar ist, und sagt eine Verdummung der Deutschen voraus.

Frau Stern, Thilo Sarrazin bezieht sich unter anderem auf Ihre Aussagen, wenn er seine Thesen belegen will. Sarrazin sagt, dass 50 bis 80 Prozent der Intelligenz erblich sind, also nur 20 bis 50 Prozent von der Umwelt abhängen. Stimmt das so?
Nein, Herr Sarrazin hat da etwas fundamental falsch verstanden. Es muss heissen: 50 bis 80 Prozent der Intelligenzunterschiede sind auf Gene zurückzuführen. Der Intelligenzquotient ist keine absolute Grösse, sondern gibt an, wie stark jemand vom Durchschnitt nach unten oder oben abweicht.

Aber Intelligenz ist doch erblich?
Ja, alle Menschen verfügen über Gene, dank deren sie sprechen und schreiben lernen oder mathematische Symbolsysteme verstehen können. Diese Gene können aber nur zum Tragen kommen, wenn die Menschen entsprechende Lerngelegenheiten bekommen. Angenommen die gesamte Bevölkerung eines Landes hätte vergleichbare Lernchancen, dann würden Unterschiede in der geistigen Kompetenz der Einzelnen deutlich. Viele dieser Unterschiede haben genetische Ursachen.

Demnach müssten eineiige Zwillinge, weil sie identische Gene haben, auch gleich intelligent sein?
Man muss es umgekehrt sagen: Alle Unterschiede, die man zwischen eineiigen Zwillingspaaren findet, können nicht auf die Gene zurückgeführt werden. Tatsächlich haben eineiige Zwillinge, die zusammen aufgewachsen sind, fast denselben IQ. Interessant ist aber, dass zweieiige zusammen aufgewachsene Zwillingspaare, die sich genetisch ähneln wie normale Geschwister, nur eine mittlere Übereinstimmung im IQ zeigen. Das spricht für den starken Einfluss der Gene.

Wie viele Intelligenzgene gibt es?
Wir wissen derzeit fast nichts darüber, wo die Gene sitzen oder welche geistigen Fähigkeiten sie steuern. Sicher ist, dass sehr viele solcher Gene über alle Chromosomen verteilt sind und auf sehr komplexe Weise zusammenspielen. Die Suche nach einzelnen Intelligenzgenen war bisher trotz grosser Anstrengungen vergebens.

Was geschieht mit intelligenten Menschen, die nicht gefördert werden?
Das Gleiche wie mit einer Pflanze an einem schlechten Standort. Die Menschen bleiben hinter ihren genetischen Möglichkeiten zurück. Jemand, der die idealen Gene für das Schreibenlernen mitbringt, aber in einer Umgebung ohne Schrift aufwächst, hat nichts von seinen guten Voraussetzungen.

Sarrazin vertritt die These, dass dumme Menschen nur dumme Kinder in die Welt setzen. Lohnt sich eine Förderung immer?
Ja natürlich. Um die genetischen Voraussetzungen in geistige Fähigkeiten umzusetzen, braucht jeder eine entsprechende Förderung. So wie eine Pflanze auch nur die in ihren Genen vorgesehene Grösse an einem guten Standort erreicht. Es gilt aber auch, dass weniger intelligente Menschen mit Fleiss und Anstrengung in ausgewählten Gebieten die gleichen Erfolge erzielen wie intelligente Menschen. Spezifisches Wissen schlägt Intelligenz.

Wie aussagekräftig sind IQ-Tests?
Sie sagen etwas über das Lernpotenzial eines Menschen aus. Es muss aber klar sein, dass sie das Wissen und Können eines Menschen nicht vollständig erfassen. Es ist wie beim Blick durch ein Mikroskop, da sieht man auch nicht alles.

Stimmt es, dass unsere Grosseltern viel schlechter in den Intelligenztests abschnitten als wir heute?
Das ist tatsächlich so. Es wäre aber vermessen, sie als dümmer zu bezeichnen. Sie hatten im Durchschnitt weniger schulische und ausserschulische Gelegenheiten, ihre genetischen Anlagen in geistige Kompetenz umzusetzen.

Gibt es bestimmte Ethnien, die in Intelligenztests schlechter abschneiden?
Man muss bei der Deutung von entsprechenden Befunden vorsichtig sein. Wenn Studien aus den USA zeigen, dass dunkelhäutige Amerikaner im Durchschnitt 15 Punkte weniger in einem IQ-Test erreichen als hellhäutige, dann können wir nichts über die Ursachen solcher Ergebnisse sagen, da die Afroamerikaner durchschnittlich in schlechteren Lebensbedingungen aufwachsen. Bekannt ist aber, dass Kinder aus Slums in hohem Masse von Förderungen profitieren. Es gibt nicht den geringsten Hinweis, dass Gene, welche die Haut- oder Haarfarbe bestimmen, in irgendeinem Zusammenhang zu Intelligenzgenen stehen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 31.08.2010, 22:19 Uhr

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