In Berlin stirbt ein Kleinkind an Masern

Die deutsche Hauptstadt wird von einer Masernwelle heimgesucht. Gesundheitspolitiker der Regierungskoalition sprachen sich für eine Impfpflicht für Kleinkinder aus.

Hochansteckend: Masern-Erreger unter dem Elektronenmikroskop.

Hochansteckend: Masern-Erreger unter dem Elektronenmikroskop.

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In Berlin sind die Masern so heftig ausgebrochen wie seit Jahren nicht mehr. Wie gestern bekannt wurde, ist am vergangenen Mittwoch ein Knabe im Alter von anderthalb Jahren an der Infektion gestorben. Das Kleinkind sei in einem Spital der Krankheit erlegen, sagte Berlins Gesundheitssenator Mario Czaja. Wie es sich angesteckt hat, ist noch unklar. Laut Czaja war das Kind nicht gegen Masern geimpft. Die in diesem Fall üblichen Massnahmen wurden ergriffen, sagte eine Sprecherin der Senatsverwaltung für Gesundheit und Soziales von Berlin. Dazu gehörten unter anderem die medizinische Überwachung derjenigen, die mit dem Kind Kontakt hatten.

Die Masern grassieren in der deutschen Hauptstadt schon seit Oktober des letzten Jahres – seither wurden gut 570 Fälle gemeldet. Das ist mehr, als es im letzten Jahr in ganz Deutschland gab, und der grösste Ausbruch in Berlin seit Einführung einer Meldepflicht im Jahr 2001. Am Montag schlossen die Behörden in Berlin sogar vorsorglich eine Schule im südlichen Stadtteil Lichtenrade, da bei einem Schüler die Krankheit besonders schwer verlief. Mitschüler und Lehrer sollen nun mit ihren Impfbüchern nachweisen, dass sie geimpft sind – und dann am heutigen Dienstag regulär mit ihrem Stundenplan weitermachen.

Viele mussten ins Spital

Masern sind hochansteckend. Sie werden über Tröpfchen übertragen, etwa beim Husten, Niesen oder Sprechen. Die Infektion kann schwere Komplikationen nach sich ziehen. Die leichtere davon ist eine Mittelohrentzündung. Aber auch eine Gehirn- oder Lungenentzündung können die Folge sein. Die Berliner Erfahrungen zeigen, dass die Krankheit oft nicht harmlos verläuft: Etwa ein Viertel der Erkrankten musste ins Spital.

«Nach dem Ausbruch können Ärzte nur die Symptome behandeln und beispielsweise fiebersenkende Medikamente abgeben. Der weitere Verlauf der Krankheit ist schicksalshaft», erklärt Ronald G. Schmid vom deutschen Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte. Besonders gefährdet sind: Erwachsene über 20 und Kinder bis fünf Jahren. Masern werden zwar als Kinderkrankheit bezeichnet, sie treffen aber auch Erwachsene.

Eigentlich hat sich Deutschland in Absprache mit der Weltgesundheitsorganisation WHO das Ziel gesetzt, die Masern bis Ende 2015 auszurotten. Davon ist das Land nun weit entfernt. Die Behörden nehmen an, dass der Ausbruch unter Asylbewerbern aus Bosnien und Herzegowina sowie Serbien begonnen hat. In den Wirren des Bürgerkriegs der 1990er-Jahre in Ex-Jugoslawien konnte nicht mehr durchgeimpft werden. Nur kurze Zeit nach den Masernfällen in Flüchtlingsunterkünften trat die Infektion auch anderenorts in der Stadt auf – betroffen sind viele Männer und Frauen, die nach 1970 in Deutschland zur Welt kamen. Für diese Jahrgänge gibt es in der Bundesrepublik eine Impflücke.

Autismus-These widerlegt

Seit 1973 empfiehlt die ständige Impfkommission der Bundesrepublik Deutschland bereits eine Impfung gegen Masern. Doch erst seit 1991 wird bundesweit zu einer zweiten Impfung für den vollständigen Schutz geraten. Ältere Jahrgänge hingegen sind geschützt, weil sie vor dem Beginn der Impfkampagne vor 40 Jahren geboren wurden – und die Masern durchmachten. Manche entscheiden sich allerdings auch bewusst gegen eine Impfung – aus Angst vor Nebenwirkungen, wenn ihnen abgeschwächte Erreger gespritzt werden. Ende der 1990er-Jahre hatte ein Brite die These aufgestellt, der Impfstoff gegen Masern, Mumps und Röteln könne Autismus auslösen.

Dies sei längst widerlegt, betonte der Gesundheitsexperte der Sozialdemokraten Karl Lauterbach am Wochenende. Er ist selbst Mediziner und plädierte für einen «breit angelegten Kraftakt zur Steigerung der Impfbereitschaft». Gelinge das nicht, müsse «eine Impfpflicht für Kleinkinder der nächste Schritt sein». Auch der Gesundheitspolitiker der mit den Sozialdemokraten zusammen regierenden CDU, Jens Spahn, sprach sich für einen Zwang zur Spritze aus. Und für seinen Parteifreund und Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe hat Beratung zwar Vorrang, die Impfpflicht sei aber «kein Tabu». (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.02.2015, 13:21 Uhr

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