Wissen
Lächle, bis du stirbst
Lächeln als Maske: Die Annahme, dass jede Krise eine Chance sein muss, kann den Leidensdruck verschärfen. (Bild: fotolia)
Bücher
- Barbara Ehrenreich: Smile or Die. Wie die Ideologie positiven Denkens die Welt verdummt. Kunstmann, 2010. 288 S., Fr. 33.50.
- Thomas Prünte: Vom Sinn schlechter Laune. Warum es gut tut, sich schlecht zu fühlen. Orell Füssli, 2010 (erhältlich ab 16. September). 192 S.,
Fr. 34.90.
Optimisten leben länger. Sie sind gesünder. Und sie sind glücklicher als Menschen, die zu viele schwere Gedanken wälzen. Wo keine Studie zur Hand ist, um das zu belegen, gibt es zahllose Beispiele, die es beweisen. Es lohnt sich also, in jeder Krise eine Chance zu sehen und sich nicht mit negativen Gefühlen aufzuhalten. Jedenfalls suggerieren das die Ratgeber, Motivationstrainings und Berater, die die Lehre des positiven Denkens vermitteln. Eine Lehre, der die amerikanische Sachbuchautorin und Journalistin Barbara Ehrenreich in ihrem Buch «Smile or Die» (das heute auf Deutsch erscheint) kritisch auf den Grund geht.
Ehrenreich schildert – unter anderem am Beispiel ihrer eigenen Brustkrebserkrankung – , wie allgegenwärtig der Zwang ist, auch der schlimmsten Situation etwas Gutes abzugewinnen. Sie stellt dabei nicht in Abrede, dass positive Gefühle tatsächlich Einfluss auf unseren Gesundheitszustand und unsere Lebenserwartung haben, dass wir unsere Gedanken ein Stück weit steuern können und dass es beeindruckend ist, wenn jemand eine Krankheit mit Würde erträgt. Doch sie zeigt auch überaus anschaulich, wie gross die gesellschaftliche Erwartung geworden ist, Schicksalsschlägen mit einer immer positiven Einstellung zu begegnen und deren negative Seiten zu leugnen.
Dankbar für den Krebs
Barbara Ehrenreich begegnete nach ihrer Brustkrebsdiagnose der selbstverständlichen Annahme, dass sie den Krebs als Chance begreifen, durch die Krankheit zu einem neuen Lebensgefühl finden und dafür am Ende nichts als dankbar sein müsse. Ein Druck, der kaum angstvolle oder hoffnungslose Äusserungen zulässt und der zum Teil von den Kranken untereinander geschürt wird.
Etwa, wenn Brustkrebspatientinnnen öffentlich verkünden, der Krebs sei «mehr als alles andere die Quelle meines Glücks gewesen», oder wenn Radprofi Lance Armstrong mitteilt, der Krebs sei «das Beste, was mir im Leben passiert ist». Wer die Situation nicht so positiv sieht, muss moralisch an sich arbeiten. Das gelte, so Ehrenreich, auch für die Wirtschaftswelt, für Entlassene, Ausgebeutete, Diskriminierte.
Zwang zur guten Laune macht krankt
Der Hamburger Psychologe Thomas Prünte schildert weniger lebensbedrohliche Situationen, teilt mit Ehrenreich aber die Kritik an der Idee, dass wir mit positivem Denken so gut wie alles beeinflussen können und dass Schuld auf sich lädt, wer nicht mit einer durchwegs positiven Einstellung an Probleme herangeht. In seinem Buch «Vom Sinn schlechter Laune», das am 16. September erscheint, geht er der Funktion negativer Gedanken und Gefühle nach. Ohne die Anerkennung unguter Gefühle gebe es kein seelisches Gleichgewicht, so Prünte, vielmehr mache der Zwang zur guten Laune krank.
Anders als Ehrenreich nimmt Prünte nicht gesellschaftliche Vorgänge in den Blick, sondern konzentriert sich auf Einzelfälle. So sehr er gegen Positiv-Ratgeber wettert, am Ende hat sein Buch denselben Anspruch: Sowohl bei «Think positive»-Anleitungen als auch in Thomas Prüntes Lob der schlechten Laune geht es darum, sich am Ende mit sich selbst wohlzufühlen. Die Wege zum Ziel aber sind äusserst unterschiedlich. (Basler Zeitung)
Erstellt: 01.09.2010, 11:39 Uhr


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