Wissen

Mann oder Frau? Medizinisch nicht immer eindeutig

Von Anke Fossgreen. Aktualisiert am 28.08.2009 3 Kommentare

Mediziner tun sich schwer, Menschen ein Geschlecht zuzuordnen, wenn eine Störung in der Sexualentwicklung vorliegt.

Geschlechtstest angeordnet: Weltmeisterin aus Südafrika, Caster Semenya.

Geschlechtstest angeordnet: Weltmeisterin aus Südafrika, Caster Semenya.
Bild: Keystone

Die frisch gekürte 800-Meter-Weltmeisterin in Berlin, Caster Semenya, ist in mehrerer Hinsicht eine Ausnahmeerscheinung. Nicht nur ihre Schnelligkeit, sondern vor allem ihr Äusseres sorgt derzeit für Schlagzeilen. Die ausgeprägten Muskeln, Waschbrettbauch und sehnige Oberarme, das herbe Gesicht und die tiefe Stimme der Südafrikanerin erinnern eher an einen Mann als an eine Frau. Deshalb verkündete letzte Woche der Internationale Leichtathletik-Verband (IAAF), nachdem die Athletin all ihren Konkurrentinnen davongelaufen war, dass er das Geschlecht der Südafrikanerin testen lassen wolle.

Eines von 5000 Kinder

Dieses unsensible Vorgehen des IAAF gegenüber der 18-Jährigen hat weltweit Empörung hervorgerufen – vor allem in Südafrika. Inzwischen hat der Verband Fehler eingeräumt und erklärt, dass Semenya kein Fehlverhalten vorgeworfen wird.

Wie auch? Der Geschlechtstest wird möglicherweise kein eindeutiges Ergebnis bringen. Wahrscheinlich können auch die angefragten Mediziner nicht klären, ob die Läuferin eine Frau oder ein Mann ist. So wie Geburtshelfer bei etwa einem von 5000 Neugeborenen den Eltern im Kreisssaal nicht zum Jungen oder Mädchen gratulieren können. So häufig kommen Kinder zur Welt, deren Geschlechtsorgane nicht eindeutig ausgebildet sind.

«Disorder of Sex Development»

Früher sprach man von Hermaphroditen oder Zwittern. Heute nennt man die Betroffenen Intersexuelle. Mediziner sprechen von einer Störung der Sexualentwicklung (englisch: Disorder of Sex Development, DSD). Die Gründe für derartige Störungen sind vielfältig, erklärt Primus-Eugen Mullis von der Universitätskinderklinik des Inselspitals in Bern.

In der Schweiz kommen pro Jahr etwa 20 bis 30 Kinder zur Welt, deren Geschlechtsorgane so ungewöhnlich ausgebildet sind, dass das Geschlecht nicht eindeutig zuzuordnen ist. «Die Abklärungsschritte sind dann von Fall zu Fall festzulegen», sagt der Endokrinologe. «Jedoch muss zuerst der Chromosomensatz geklärt werden.» Normalerweise haben Frauen zwei gleiche Geschlechtschromosomen XX und Männer zwei unterschiedliche XY.

Zu viele Androgene

Eine Störung der Sexualentwicklung liegt dann vor, wenn die Chromosomen nicht mit den Gonaden, also Hoden oder Eierstöcken, übereinstimmen oder das äussere Erscheinungsbild abweicht. Das ist zum Beispiel dann der Fall, wenn zwar zwei X-Chromosomen vorhanden sind, sich aber äusserlich ein Junge entwickelt. Das tritt am häufigsten bei einer angeborenen Nebennierenstörung auf, dem sogenannten Adrenogenitalen Syndrom (AGS). Dabei sind die Nebennieren des Ungeborenen übermässig stimuliert und produzieren während der Schwangerschaft zu viele Androgene, Geschlechtshormone. Dadurch kann ein Mädchen vermännlichen, die Klitoris kann wie ein Penis aussehen.

«Schwieriger ist es, bei einem Menschen mit XY-Geschlechtschromosomen und weiblichem Körper die Ursache der gestörten Sexualentwicklung festzustellen», erklärt Ute Thyen von der Medizinischen Universität Lübeck. Das könnte ein Grund dafür sein, warum bei Caster Semenya mehrere Tests angeordnet wurden und noch keine Ergebnisse vorliegen.

Beim Embryo wird zwischen der siebten und zwölften Woche im Mutterleib das Geschlecht bestimmt. Wenn in dieser Zeit keine oder nur wenig männliche Geschlechtshormone gebildet werden, entwickeln sich Mädchen. «Zur Frau wird man automatisch», fasst Thyen dieses biologische Programm salopp zusammen, «der Weg zum Mann ist komplizierter.» Und damit auch anfälliger für Störungen.

Beispielsweise liegen auf dem Y-Chromosom bestimmte Gene, welche die Entwicklung zu einem Jungen prägen. Wenn eines davon verändert ist, bleibt der Weg zur männlichen Entwicklung verschlossen. Ebenso, wenn zwar männliche Geschlechtshormone produziert werden, aber die Andockstellen im Körper, die Rezeptoren, defekt sind. Das ist zum Beispiel beim sogenannten Androgen-Insensitivitäts-Syndrom (AIS) der Fall.

Insel der Intersexuellen

Je nach Ausprägung können Betroffene, die überhaupt nicht auf Androgene reagieren, äusserlich eine normal ausgebildete Vagina haben, aber im Unterleib statt Eierstöcken Hoden. Ähnlich sehen Menschen mit einem sogenannten 5-alpha-Reduktase-Mangel aus. Das Enzym 5-alpha-Reduktase ist für die Funktion des männlichen Geschlechtshormons Testosteron notwendig. Bei dieser Störung kann es in der Pubertät zu einer Vermännlichung des zuvor weiblichen Geschlechtsorgans kommen, da dann die im Körper verborgenen Hoden massenhaft männliche Geschlechtshormone produzieren.

Auf einer Insel in der Dominikanischen Republik trat diese vererbbare Störung in der Sexualentwicklung so gehäuft auf, dass die Menschen den betroffenen Kindern eine eigene Bezeichnung gegeben haben: «Guevedoces» – zu Deutsch: «Die einen Penis mit 12 bekommen.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 28.08.2009, 08:50 Uhr

3

Kommentar schreiben







 Ausland



Verbleibende Anzahl Zeichen:

Mit dem Absenden des Kommentars erklärt sich der Leser mit nachfolgenden Bedingungen einverstanden: Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt. Telefonische Auskünfte werden keine erteilt. Ihr Kommentar kann auch auf Google und anderen Suchseiten gefunden werden.

3 Kommentare

theo tanner

28.08.2009, 16:09 Uhr
Melden

es ist ein skandal wie sich die iaaf verhalten hat. sollte der frau semenya schmerzensgeld zahlen müssen. verstehe die negativen reaktionen aus südafrika voll und ganz. Antworten


Daniela Truffer

02.09.2009, 08:22 Uhr
Melden

Die aktuellen Öffentlichen Spekulationen und Ferndiagnosen, ob Caster Semenya ein intersexueller oder zwischengeschlechtlicher Mensch, Zwitter, Hermaphrodit sei (Betroffene lehnen die Bezeichnung DSD Störung der Geschlechtsentwicklung ab), sind entwürdigend. Was die MedizinerInnen im obigen Artikel verschweigen: ... Antworten



Populär auf Facebook Privatsphäre


Live @ Sunset

11. bis 22. Juli - Zürich Dolder u.a. mit B.B. King, Elton John und Alanis Morissette!