Mit Heilern und Gesundbetern auf die Bestseller-Liste

Die Ethnologin Magali Jenny hat mit einem Leitfaden über Heiler und Gesundbeter den Nerv der Zeit getroffen – und einen überraschenden Erfolg erzielt.

Magali Jenny mit ihrem Buch, das vor allem wegen der Heilerliste begehrt ist.

Magali Jenny mit ihrem Buch, das vor allem wegen der Heilerliste begehrt ist. (Bild: Beatrice Devenes)

Als Magali Jennys Buch im November auf den Markt kam, sagte sie im Scherz zu einigen Kollegen: «Bald werde ich in Buchhandlungen und Warenhäusern mein Werk signieren müssen.» Die Freiburger Ethnologin wusste zwar, dass das Wirken von Heilern, Glieder-Einrenkerinnen und Gesundbetern die Leute interessiert. Dennoch wurde sie von der Erfolgswelle ihres Buchs überrollt: Die Startauflage von 6000 Exemplaren war in weniger als einer Woche ausverkauft. In fünf Monaten druckte der Verlag sechs Auflagen. 37'000 der 41'500 Exemplare sind bereits verkauft.

In ihrem Büro an der Universität Freiburg kreuzt Magali Jenny beide Arme über der Brust. Die Geste unterstreicht, wie mulmig ihr zumute war, als ihre scherzhafte Prophezeiung eintraf. «Ich ging in die Stadt und sah plötzlich mein Gesicht auf einem riesigen Plakat, das für eine Signierstunde warb.» Journalisten aus der Westschweiz und später aus Frankreich überhäuften sie mit Anfragen für Interviews. Als Jenny Ende März ihr Buch in Lausanne an der Mednat vorstellte – der grössten Schweizer Messe für Naturheilkunde – drängten sich 500 Personen im Saal.

Reaktion auf spezialisierte Medizin

Warum ist das Heiler-Buch ein Bestseller geworden? «Ich will den Wert meiner Forschungsarbeit nicht schmälern. Aber ich glaube, die Leute kaufen das Buch in erster Linie wegen der Liste mit 230 Adressen», sagt Jenny. Seit etwa zehn Jahren suchen wieder mehr Menschen Heiler auf oder rufen einen Gesundbeter an. «Die moderne Medizin spezialisiert sich immer stärker und arbeitet mit komplexen Maschinen. Dabei kommt die menschliche Seite zu kurz», erklärt die Ethnologin dieses gesellschaftliche Phänomen. Ärzte würden im Gespräch mit Patienten technische Begriffe benutzen, die diese nicht verstünden. «Zudem bekämpfen Schulmediziner gezielt die Symptome einer Krankheit, während Naturheiler den Mensch als Ganzes sehen.»

Zu Beginn ihrer Nachforschungen vor sechs Jahren fand Jenny nicht auf Anhieb den Zugang zur verborgenen Welt der Heilerinnen und Gesundbeter. Oft brauchte es die Fürsprache von Drittpersonen, bis sie zu einem ausführlichen Gespräch empfangen wurde. Was Jenny in 60 Interviews mit Heilpraktikern erfuhr, hat sie erstaunt. «Ihre Lebensläufe sind sehr unterschiedlich, und jeder hat seine eigenen Heilmethoden.»

Wird Gott oder der Teufel angerufen?

Im Unterschied zur Lizenziatsarbeit, die sie an der Universität Bern über die Tradition der Heiler im Kanton Freiburg schrieb, ist das neue Buch keine wissenschaftliche Abhandlung. «Ich wollte erklären, was Volksheilkunde ist, und die verschiedenen Richtungen aufzeigen», sagt Jenny. Zum Beweis schlägt sie das Inhaltsverzeichnis ihres Buches auf. Es besteht aus lauter Fragen: Was ist der Ursprung der Volksmedizin in der Westschweiz? Sind Heiler Scharlatane? Wird Gott oder der Teufel angerufen?

Wegen eines Skiunfalls musste Magali im Alter von neun Jahren das linke Bein eingipsen lassen. Als der Gips entfernt wurde, zeigte ihr Fuss leicht einwärts. Der Arzt habe ihr gesagt, das sei nun halt so, erinnert sich die 38-Jährige. Ihre Mutter schickte sie aber zu einer «Rebouteuse», die den Fuss mit Massagen und kräftigem Druck wieder richtete. Das Erlebnis weckte Jennys Interesse an Volksmedizin.

Mit Tantiemen Töff gekauft

Ob sie am 17. Mai der Vorlage über Komplementärmedizin zustimmen wird, weiss Jenny noch nicht. Sie neigt zum Ja, wenn sie sagt: «Komplementarität ist für mich wichtig. Es sollte jedermann möglich sein, nebst Schulmedizinern auch Heiler aufzusuchen.»

Was sie mit den Tantiemen aus dem Verkauf ihres Bestsellers macht, hat Magali Jenny hingegen schon früh gewusst. In jener Woche, als ihr Buch auf dem Markt kam, sagte sie zu ihrem Motorradhändler: «Wenn es eine 2. Auflage gibt, kaufe ich einen neuen Töff.» Sie wird die mittelschwere Maschine demnächst einfahren. Motorradfahren ist Jennys Leidenschaft und zugleich ihr neues Studienobjekt: Die Assistentin am Lehrstuhl für Religionswissenschaft schreibt eine Doktorarbeit über Wallfahrten von Töfffahrern.

Magali Jenny, «Guérisseurs, rebouteux et faiseurs de secrets en Suisse romande», Editions Favre, 34.50 Franken.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 04.05.2009, 14:46 Uhr

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12 Kommentare

veronika walker

18.05.2009, 18:54 Uhr
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Sehr geehrte Damen und Herren Kann man das Buch auch auf Deutsch kaufen? Besten Dank Veronika Walker Antworten


Peter Zurbrügg

04.05.2009, 20:45 Uhr
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Jeder Mensch sehnt sich im Grunde nach einem Halt. Jeder Mensch weiss in seinem Innersten, dass nach dem Tode eben nicht alles aus ist. Schade, dass die meisten Hilfe bei einem Geschöpf suchen, statt beim Schöpfer. Antworten


Daniel Javet

04.05.2009, 14:37 Uhr
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Ja, Herr König, der Mensch sucht und er begreifft bei weitem nicht alles was um ihn und in ihm abläuft. Das Bedürfniss danach ist gross. Die Wissenschaftsgläubikeit vieler Menschen ist mindestens so unrealistisch wie die Wundergläubigkeit anderer. Die Zeit lehrt, dass sich viele Erkenntnisse, zu der Wissenschaft in einer Epoche gelangen, in der nächsten als einseitiger Trugschluss entpuppen. Antworten


Tobias Lienhard

04.05.2009, 14:30 Uhr
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Möglich wäre alles, doch keiner kanns. Viele Verbrecher (oft zwar guter Absicht, aber leider vollkommen unwissend und unfähig) tummeln sich auf diesem Gebiet. Wäre besser, z:B. Handauflegern und anderen Kurpfuschern wieder vor den 90ern Jahren das Handwerk zu verbieten. Für alternative Methoden wie Homöopathie oder Ayurveda bräuchte es strenge stattliche Prüfungen, gleich der Medizin. Antworten


Maya OConnor

04.05.2009, 13:50 Uhr
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Sind Schulmediziner rein wissenschaftlich? Sind komplementäre Therapeuten/Naturärzte allesamt Amateure? Wie interessant, dass oft weder das eine noch andere respektiert wird! Als qualifizierte und erfahrene "Holistic Therapist" folge ich dem langbewährten Dreiergespann - Body, mind and spirit -und respektiere die Schulmedizin, arbeite ich doch mit Aerzten zusammen. So funktioniert es gut. Antworten


Eliane Escher

04.05.2009, 12:28 Uhr
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Das Problem mit dem "Hauptsache ist doch, dass es hilft": wenn der Placebo-Effekt die tatsächliche Ursache nicht wirklich beseitigt, sondern nur Symptome kaschiert, kann alles nur noch viel schlimmer werden. Es ist fast unglaublich, wie sehr der Placebo-Effekt einen Patienten beeinflusst. Ich empfehle "Trick or Treatment: Alternative Medicine on Trial" von Simon Singh zu lesen. Antworten


Ronnie König

04.05.2009, 11:31 Uhr
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Hurra das Irrationale triumphiert wieder! Hauptsache der Mensch ist glücklich. Ob durch Beten oder Placebo, der Mensch sucht immer Dinge die er nicht begreift, um verlorene Religion oder sonst was zu ersetzen. Fast wie beim Glücksspiel. Hauptsache es hilft einem, wie ist egal. Antworten


Urs-Peter Blaser

04.05.2009, 11:16 Uhr
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Die Aussage von Herr Mundwyler erinnert mich schwer an die Islamisten u.a., die behaupten,dass sie die einzig wahre Religion auf Erden vertreten. Ebensowenig ist sie unfehlbar, darum heilt sie auch nicht. Schulmedizin bearbeitet die grobstoffliche, Volksmedizin die feinstoffliche Seite. Die Heilerfolge als solches sind der Beweis. Antworten


Jean Pierre Cotti

04.05.2009, 10:49 Uhr
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Ob wissenschaftlich oder pseudo-wissenschaftlich. Ob dogmatisch oder weil ich daran glaube... entscheidend ist, was mir hilft.... Es braucht beides und der mündige Bürger entscheidet, wem er sich eher anvertrauen will. Kluge Mediziner halten sich nicht für päpstlich und Natur-/Geist-Heilung oder was auch immer kann nicht alles erst recht nicht besser, aber anders, eben alternativ. Antworten


Franz Herzog

04.05.2009, 09:48 Uhr
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Wo bleibt denn hier die wissenschaftliche ethnologische Distanz zum Untersuchungsgegenstand? Antworten


Werner Obrecht

03.05.2009, 23:40 Uhr
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Jenny behauptet, Schulmediziner bekämpften Symptome von Krankheiten, während Naturheiler swn Mensch als Ganzes sähen. Das erstere ist falsch, das zweite Bauernfängerei: Die Frage ist, was das Ganze ist, was man über das "Ganze" unabhängig von Details wissen kann und wie, ob daraus überhaupt Methoden und ableitbar sind und ob sie wirksam sind? Wetten, im Buch fehlen die Antworten auf diese Fragen! Antworten


Mundwyler Roman

03.05.2009, 23:37 Uhr
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«Zudem bekämpfen Schulmediziner gezielt die Symptome einer Krankheit, während Naturheiler den Mensch als Ganzes sehen.» Wie bitte? Eine Ethnologin richtet über die Medizin? Schulmedizin ist die einzige wissenschaftlich bewiesene Methode. So lange nicht bewiesen ist, dass "Volksmedizin" funktioniert, handelt es sich dabei höchstens um den Placeboeffekt (und mit dem lässt sich viel Geld verdienen!) Antworten



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