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Psychiater Gasser bricht sein Schweigen

Aktualisiert am 28.07.2009

Der Schweizer Psychiater Peter Gasser behandelt Schwerkranke mit LSD. Lange gab er keine Auskunft über sein umstrittenes Experiment. Nun spricht er über erste Resultate. Diese sind vielversprechend.

Will zeigen, dass LSD in der Medizin Positives bewirken kann: Der Solothurner Psychiater Peter Gasser.

Will zeigen, dass LSD in der Medizin Positives bewirken kann: Der Solothurner Psychiater Peter Gasser.

Farbiger Rausch: LSD-Illustration.

Farbiger Rausch: LSD-Illustration.

LSD als Medikament? Der Schweizer Psychiater Peter Gasser setzt die Droge ein, um Schwerkranken ihre Angst vor Schmerzen und dem Tod zu nehmen. Eineinhalb Jahre hat er geschwiegen und Journalisten aus der ganzen Welt Absagen erteilt, um sein umstrittenes Forschungsprojekt nicht zu gefährden. Nun hat er erstmals mit dem «Spiegel» über sein Experiment gesprochen.

Gasser macht das, woran sich Mediziner seit dreissig Jahren nicht mehr herangewagt haben: Die berüchtigte halluzinogene Droge LSD als Medizin zu verabreichen. Von den Ergebnissen seiner Studie hängt massgeblich ab, ob in den USA und Europa die Forschung mit LSD und anderen psychoaktiven Wirkstoffen fortgesetzt werden darf.

«Kein Messias»

Deshalb wohl vermeidet es Gasser tunlichst, sich dem falschen Verdacht auszusetzen, er sei ein Messias oder ein gesellschaftspolitischer Veränderer. Ihm gehe es nicht um eine schleichende Legalisierung der Droge, sondern einzig um die Forschung, erklärt er gegenüber dem «Spiegel». Er wolle nur zeigen, dass man mit LSD in der Psychotherapie Positives bewirken könne.

Bei 12 Patienten, die wegen einer schweren Erkrankung an Angststörungen leiden, darf Gasser eine Kurztherapie durchführen und wissenschaftlich auswerten. Nur acht von ihnen erhalten aber in zwei ganztägigen Sitzungen tatsächlich LSD in einer wirksamen Dosis. Die übrigen vier Patienten schlucken bloss ein Placebo, und bilden damit die Kontrollgruppe, welche die Wirksamkeit von LSD belegen sollen. Dieses Verfahren sei bei einer Substanz wie LSD fragwürdig, aber so üblich in der Medikamentenforschung, so Gasser.

Er sagt, dass die drei Patienten, die bisher die wirksame Dosis bekommen haben, allesamt von der Behandlung profitiert hätten. Das ist ein Teilerfolg – wenn auch die Studie noch nicht abgeschlossen ist; und die Zahl von nur zwölf Patienten für fundierte statistische Aussagen ohnehin viel zu klein ist. Letzteres ist aber auch nicht das Ziel des Experiments: «Was wir am Schluss hoffentlich belegen können, ist vor allem, dass es zu keinen schweren Zwischenfällen kommt und dass die Ergebnisse darauf hindeuten, dass es sich um eine wirksame Behandlungsmethode handelt.»

LSD gab Energieschub

Einer der Patienten, der die Behandlung bereits hinter sich hat, und davon überzeugt ist, dass ihm das LSD geholfen hat, ist der krebskranke deutsche Udo Schulz. Nach der Diagnose Magenkarzinom wurde ihm ein Drittel der Speiseröhre und ein Grossteil seines Magens entfernt. Der Mann fürchtete, nie wieder leistungsfähig zu sein, wurde immer mehr von Angstzuständen geplagt rieb sich bis zu völligen Erschöpfung auf.

Vergangenes Jahr dann wurde ihm in Solothurn LSD verabreicht. Heute bezeichnet er die Therapie als «grandios». Die Droge habe ihm einen Schub gegeben, einen Energieschub in einer Zeit, als er sich elend und lustlos fühlte, Schulz ist heute wieder voll berufstätig. Im Rausch habe er erstmals seine ganze Trauer und Wut auf den Krebs gespürt. «Da konnte ich auf einmal richtig flennen, wie so'n Baby», gab er dem «Spiegel» zu Protokoll.

Nur eines beklagt Schulz: Die zwei Sitzungen seien viel zu kurz gewesen. «Ich würde die LSD-Therapie ja gern fortsetzen, aber nicht wenn es illegal ist.» (dvp)

Erstellt: 28.07.2009, 14:56 Uhr

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