Wissen
Schizophrenie im Gehirnscanner
Stefan Borgwardt: Psychiater an der Psychiatrischen Poliklinik des Basler Uni- Spitals.
Früherkennungs-Sprechstunden:
Psychiatrische Universitätspoliklinik Basel, Tel. 061-265 50 40
http://fepsy.uhbs.ch
Ambulatorium West, Zürich, Tel. 01-296 74 50, www.pukzh.ch
Beratungsstelle für Jugendliche, Winterthur, Tel. 052 267 68 55, www.frueherkennung.ch/bsj/impressum.php.html
Sie gleichen sich wie ein Ei dem anderen. Ihre Gene stimmen zu 100 Prozent überein. Und doch gibt es messbare Unterschiede in den Gehirnen von eineiigen Zwillingen, wenn der eine an Schizophrenie erkrankt ist und der andere nicht. Der Wahn hinterlässt schon im frühen Stadium Spuren im Gehirn.
Dies ist die verblüffende Erkenntnis des Basler Psychiaters Stefan Borgwardt, der Hirnbilder solcher Zwillingspaare ausgewertet hat. «Es ist erstaunlich, wie gross die Hirnunterschiede zwischen Kranken und Gesunden sogar bei eineiigen Zwillingen sind», sagt der Schizophrenieforscher, der an der Psychiatrischen Poliklinik des Universitätsspitals Basel arbeitet.
Die Untersuchung, die gestern online im Fachblatt «Biological Psychiatry» veröffentlicht wurde, wirft neues Licht auf die Mechanismen der psychischen Krankheit. Etwa jede hundertste Person weltweit erleidet eine schizophrene Psychose. Betroffene hören zum Beispiele Stimmen, die sonst niemand vernimmt, oder glauben wahnhaft, dass sie bespitzelt oder gar vergiftet werden. Ihr oft bizarres Verhalten, ihre Ängste und Zurückweisungen befremden ihr Umfeld und führen zur sozialen Isolation. Jeder Zehnte verübt einen Suizid.
Möglichst frühzeitig behandeln
Der Deutsche Stefan Borgwardt untersucht die Gehirne solcher Patienten. Ziel ist es, die Biologie der Psychose besser zu verstehen und sie früher behandeln zu können. Dabei kommt ihm gelegen, dass die Chefärztin Anita Riecher-Rössler an der Psychiatrischen Poliklinik in Basel schon 1998 eine Früherkennungs-Sprechstunde aufgebaut hat – eine der ersten weltweit. Früher wurde Schizophrenie oft erst nach vielen Krankheitsjahren diagnostiziert. «Dabei sind die Behandlungsaussichten viel besser, je früher interveniert wird», sagt Borgwardt.
Wenn Menschen in der Früherkennungs-Sprechstunde Hilfe suchen, fühlen sie sich bereits nicht mehr gut. Es passieren Sachen, die ihnen unheimlich sind, die nicht wahr sein können. Das sind frühe Anzeichen der Krankheit, aber noch keine ausgewachsene Psychose. In der Basler Poliklinik werden alle Patienten zunächst im Kernspintomographen (MRI) untersucht, um gefährliche Alternativen wie Hirntumore oder Schlaganfälle auszuschliessen. Diese Hirnbilder ermöglichen den Psychiatern aufregende neue Einblicke in das psychotische Gehirn. Schon vor 30 Jahren ergaben Computertomographien, dass bei Schizophrenen die Gehirnkammern vergrössert und die graue Substanz in gewissen Regionen vermindert war. Aber was bedeuten diese Veränderungen im Gehirn?
Hirn beim Arbeiten beobachten
Mit den modernen Verfahren wie dem MRI lassen sich diese Phänomene heute in Echtzeit studieren. Der Kernspintomograph schaut dem Gehirn quasi beim Arbeiten zu, indem er den Sauerstoffverbrauch in unterschiedlichen Arealen sichtbar macht. Unter Wissenschaftlern ist es derzeit in Mode, Testpersonen zu scannen, während sie allerlei psychologische Aufgaben lösen – nach Wörtern suchen oder Gedächtnisaufgaben lösen – und dabei die Hirnaktivität zu beobachten. Diverse Forscher taten das auch mit Psychose-Patienten.
Dabei zeigte sich, dass bei ihnen gewisse Hirnregionen nicht nach Plan funktionieren. Es sind Areale, in denen höchste gedankliche Leistungen vollbracht werden: Stirnlappen, Schläfenlappen und Hippocampus, die fürs Planen, Entscheiden, das Verarbeiten von Gedächtnisinhalten und für emotionale Bewertungen zuständig sind.
Wahn fast entschlüsselt
Die Neurobiologie des Wahns ist weitgehend entschlüsselt: Wegen einer Fehlfunktion des Stirnlappens ziehen Patienten mit Wahnvorstellungen weitreichende Schlüsse aus ganz banalen Gegebenheiten – etwa, dass die Leute im Fernsehen von ihnen reden oder sie ein Messias sind. Bei Halluzinationen hingegen werden im Schläfenlappen irrtümliche Wahrnehmungen als echte Begebenheiten interpretiert. So können Betroffene zum Beispiel nicht existierende Stimmen hören oder glauben, bewaffnete Soldaten auf den Hausdächern zu sehen.
Eine wichtige Frage blieb indes lange ungelöst. Was war zuerst da, die Krankheit oder die Hirnanomalie? Weil Borgwardt Menschen mit sehr frühen Symptomen untersucht, fand er eine überraschende Antwort: «Schon ein bis zwei Jahre vor Ausbruch der Krankheit sieht man Veränderungen bei jenen Patienten, die eine Psychose bekommen werden», sagt Stefan Borgwardt. Die Zwillingsstudie weist jedoch darauf hin, dass die Hirnanomalien nicht angeboren sind.
80-prozentige Genauigkeit
Diese Erkenntnisse bieten Möglichkeiten für die künftige Frühdiagnose und -behandlung. «Wir könnten die Patienten viel früher mit antipsychotischen Medikamenten behandeln», sagt Borgwardt. Neuroleptika stellen die Ordnung im Gehirn wieder her. Von Betroffenen mit Frühsymptomen, wie sie in der Früherkennungs-Sprechstunde Hilfe suchen, entwickelt nur jeder Dritte eine volle Psychose. Der Rest erholt sich wieder. Da aber derzeit nicht klar ist, wer zu diesen 30 Prozent gehört, wird keiner der Patienten vorsorglich mit Neuroleptika behandelt. Das ist gravierend angesichts des Leidensdrucks und der hohen Selbstmordrate.
Wissenschaftler der Ludwig-Maximilians-Universität in München versuchten die Vorhersage mit Hilfe des Computers zu verfeinern. Mit einer Software werteten sie die Muster der Veränderungen auf den Hirnbildern aus. So konnten sie mit etwa 80-prozentiger Genauigkeit vorhersagen, wer von den Risikopatienten in eine Psychose schlittern würde und wer nicht.
Im Einzelfall nicht eindeutig
Trotzdem lässt sich die Schizophrenie noch nicht per Hirnscan diagnostizieren. Denn im Einzelfall sind die Hirnbilder von gesunden Personen und von Personen mit einem erhöhten Risiko für eine Psychose nicht immer eindeutig zu unterscheiden. «Für sich allein sind die Kernspinuntersuchungen noch zu wenig aussagekräftig», sagt Anastasia Theodoridou. Sie ist Oberärztin an der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich, wo ebenfalls seit 1998 eine Sprechstunde zur Früherkennung von Psychosen angeboten wird. In Kombination mit anderen Diagnosemethoden wie psychologischen Tests können die Hirnbilder aber durchaus dabei helfen, den Risikozustand klarer zu bestimmen.
Eine ganz konkrete Empfehlung kann Borgwardt auf Grund seiner Hirnforschungen indes abgeben: Bei einer Veranlagung zur Psychose zur Entspannung einen Joint zu rauchen, sei keine gute Idee. Der Cannabis-Konsum ist bei vielen Schizophrenen gang und gäbe, denn das Rauschmittel mindert Ängste und relaxt. Doch eine MRI-Untersuchung Borgwardts zeigt, dass der Cannabis-Wirkstoff THC genau in jenen Hirnarealen die Aktivität dämpft, in denen Psychosen entstehen. Das sei wie Öl ins Feuer zu schütten, sagt Borgwardt: «Cannabis macht psychotisch.»
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 15.12.2009, 10:47 Uhr










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