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Schmerzmittel, Kokain und Co. im Kanal
Von Barbara Reye. Aktualisiert am 14.07.2009 4 Kommentare
Bringt Licht in die Dunkelheit: Eine Neonröhre über einen Abwasserkanal. (Bild: Keystone)
Mit Ozon Abwasser richtig reinigen
Wenn das gereinigte Abwasser die Kläranlage verlässt und in Flüsse geleitet wird, enthält es immer noch Spuren von anthropogenen Schadstoffen in äusserst geringen Konzentrationen – zum Beispiel in Milliardstelgramm pro Liter. Dies entspricht ungefähr der Menge des Wirkstoffs einer einzigen Kopfschmerztablette in einem üblichen Schwimmbecken mit 25 Meter Länge.
Weil auch kleine Verunreinigungen etwa aus Medikamentenrückständen auf Dauer Tiere in Gewässern und in der Umwelt schädigen können, hat die Eawag im Auftrag des Bundesamts für Umwelt vor kurzem in der Abwasserreinigungsanlage Regensdorf bei Zürich einen Pilotversuch gemacht. Im Nachklärbecken wurde das Abwasser mit gasförmigem, sehr reaktionsfähigem Ozon behandelt, wodurch sich etliche Rückstände von Chemikalien und Medikamenten zerstören liessen. Für den Versuch hat das Chemikerteam die Konzentrationen von mehr als 220 Stoffen vor und nach der Massnahme untersucht.
«Durch Ozon liess sich der Eintrag von Spurenstoffen in den Furtbach um 70 Prozent reduzieren», sagt Juliane Hollender von der Eawag. Das heisst, dass unterm Strich insgesamt 27 Kilogramm Schadstoffe pro Jahr weniger in den Bach gelangen. (bry)
In aller Herrgottsfrühe fuhr Jörg Rieckermann während seines Aufenthalts in Kalifornien zwei Wochen lang jeden Tag an den Stadtrand von San Diego. Neben einer recht befahrenen Strasse hob er immer zur gleichen Zeit einen schweren Gullideckel hoch, zog ein Paar saubere Einmal-Handschuhe aus Latex an und schloss an die unterirdische Kanalisation eine kleine Pumpe an, die morgens ab halb sieben alle fünf Minuten eine Probe des übel riechenden Abwassers nahm.
«Es ist eine eklige Brühe dort unten», sagt der Umweltingenieur, der heute beim Wasserforschungsinstitut (Eawag) in Dübendorf arbeitet und vor anderthalb Jahren im Rahmen eines Stipendiums des Schweizerischen Nationalfonds nach Spuren von illegalen Drogen im Abwasser von San Diego gesucht hat. Dort hat er eine Methode entwickelt, um mit Hilfe von Abwasseranalysen abzuschätzen, wann wie viel Kokain oder etwa Ecstasy in einem Siedlungsgebiet konsumiert wird.
Tatort Toilette
Weil jeder einmal aufs WC muss und die Rauschmittel oder ihre Abbauprodukte im Körper über den Urin ausgeschieden werden, kann man mit dieser Methode, ohne viel Aufsehen zu erregen, anonym auf den Drogengebrauch der Bevölkerung schliessen.
Bereits vor dreieinhalb Jahren hat der Chemiker Fritz Sörgel vom Institut für Biomedizinische und Pharmazeutische Forschung in Nürnberg im Schweizer Abwasser Rückstände von Kokain aufgespürt. Das Ergebnis seiner Messung sorgte damals für Aufsehen. So ergaben seine Berechnungen, die sich jeweils auf 1000 Einwohner im Alter von 20 bis 59 Jahren bezogen, dass St. Moritz mit 14,3 Lines an der Spitze lag, gefolgt von Zürich mit 8,6 Lines und Bern mit 2,5 Lines. Eine Line wurde dabei jeweils mit 100 Milligramm Kokain angenommen.
Sörgel gibt jedoch zu bedenken, dass es nur Eintagesmessungen waren und sie wissenschaftlich keine Aussagekraft hätten. Deshalb plane er jetzt, in mehreren Städten weltweit das ganze Jahr über Drogen im Abwasser zu analysieren. Auch Norbert Frost vom Europäischen Drogen-Monitoring Center in Lissabon befürwortet solche Untersuchungen, da dies ein weiteres Element der Suchtprävention sein könnte. Zusätzlich zu den Informationen der Polizei und Kennern der Szene über die im Umlauf befindlichen Drogen könnte man auf diese Weise die Wirksamkeit von ergriffenen Interventionen überprüfen und Probleme früher erkennen.
Rückschlüsse auf Drogenkonsum
Um die Unsicherheiten und Grenzen dieses Verfahrens zu ermitteln, hat Jörg Rieckermann ein spezielles Computer-modell entwickelt, mit dem man Rückschlüsse auf die Menge des Drogenkonsums in einem Gebiet machen kann. Die Chemikerin Jennifer Field von der Oregon State University in den USA hatte für ihn in San Diego die chemischen Substanzen mithilfe der Flüssigchromatografie und Massenspektrometrie analysiert.
«Natürlich gibt es auch ethische Bedenken», betont Rieckermann. «Einige haben Angst, dass in Zukunft bei gravierenden Verdachtsfällen der Kriminalpolizei neben dem Abhören von Telefongesprächen auch noch das Abwasser überprüft werden könnte.» Doch seine Ergebnisse liefern Durchschnittswerte für eine grosse Gruppe in einem Gebiet und beziehen sich auf viele Tausend Personen.
In Italien hat das Mario-Negri-Institut für Pharmakologische Forschung sich auf solche Untersuchungen spezialisiert. Der Wissenschaftler Ettore Zuccato hat beispielsweise gezielt nach der Substanz Benzoylecgonin im Abwasser gesucht. Es ist ein Abbauprodukt von Kokain, das mit dem Urin ausgeschieden wird. Aber auch Tetrahydrocannabinol aus Cannabis, 6-Acetyl-Morphin aus Heroin oder der Wirkstoff MDMA aus Ecstasy sowie weitere Amphetamine mit stimulierenden Eigenschaften hat Zuccato im Abwasser von Mailand gefunden.
Alles geht den Abfluss runter
«Bei einem Vergleich der Messungen von 2006 und 2007 stellte sich heraus», erklärt Norbert Frost, «dass in Mailand der Konsum von Heroin und Cannabis zurückging, der von Kokain gleich blieb und der von Amphetamin-ähnlichen Substanzen stark zunahm.» Allerdings müssten weitere Untersuchungen über einen längeren Zeitraum solche vorläufigen Ergebnisse noch bestätigen.
Neben den verbotenen Partydrogen und deren Abbauprodukten werden mit dem Drücken der Toilettenspülung aber noch ganz andere Wirkstoffe in die Kanalisation geschickt – und zwar völlig legale aus der medizinischen Behandlung. Zum Beispiel diverse Antibiotika, Schmerzmittel, Betablocker, Anti-Epileptika, Östrogene oder Röntgenkontrastmittel.
Solche Substanzen sind auch nach der Kläranlage immer noch zu einem gewissen Anteil vorhanden und fliessen direkt in Flüsse oder Seen. «Wie sich diese Stoffe auf die Umwelt auswirken, können wir bisher noch nicht genau sagen», erklärt die Umwelttoxikologin Kristin Schirmer von der Eawag. Es gäbe dazu noch keine Langzeituntersuchungen.
Ungewollte Verhütung
Nur von einer speziellen Substanz hat man nicht nur Laborstudien, sondern auch einen Versuch im Freiland gewagt. Denn Forscher in den USA und Kanada haben die Wirkung von dem in Antibabypillen vorkommenden synthetischen Hormon Ethinylöstradiol auf die Reproduktion von Fischen in der Natur nachgewiesen. Dazu injizierten sie unter kontrollierten Bedingungen drei Jahre in Folge die hormonaktive Substanz in einen entlegenen See im Norden Ontarios. «Tatsächlich kam es bei diesem Experiment zum Kollaps der Population», sagt Schirmer. Und die Fische hätten sich nicht mehr vermehrt.
Welche Mengen solcher anthropogener Spurenstoffe die Gewässer in der Schweiz belasten, wurde in einer Eawag-Studie anhand des Schmerzmittels Diclofenac gezeigt, das unter anderem in Voltaren vorkommt. Demnach werden hierzulande jedes Jahr 4000 Kilogramm davon verbraucht. Weil der Körper nicht alles aufnimmt, strömen insgesamt 600 Kilogramm weiter in die Kläranlagen; nur ein Teil dieser Menge kann entfernt werden, so dass immer noch 450 Kilogramm jährlich in die Schweizer Gewässer fliessen.
Werte könnten Image schaden
Im Gegensatz zu Medikamenten, von denen es offizielle Zahlen über den Verbrauch gibt, fehlen detaillierte Angaben über illegale Drogen weiterhin. Erschwerend kommt hinzu, dass durch die chemische Analyse im Untergrund womöglich Werte ans Licht kommen, die dem Image der Stadt schaden könnten.
«Oft haben sie schon genug Probleme», sagt Jörg Rieckermann, dem die Behörden bei seiner Forschungsarbeit in San Diego am Anfang Steine in den Weg gelegt haben. Im Moment ist er Berater für ein ähnliches Projekt in der Schweiz. Welche Drogen sie wann und wie im Abwasser messen, möchte er, solange keine verlässlichen Angaben über die Datenqualität vorliegen, noch nicht verraten. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 14.07.2009, 20:27 Uhr
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4 Kommentare
Toll, wenn der schweizerische Nationalfond Stipendien spricht, um in den Untergründen von San Diego nach Drogen zu suchen, während in unserem Lande Leute unter dem Existenzminimum leben müssen. Von den unzähligen Working Poor möchte ich mal gar nicht reden. Kopfschüttelnde Grüsse aus der schönen, reichen Schweiz. Antworten
Nach Kokain zu suchen ist gut um das Forschungsgeld zu bekommen, denn den Gehalt von Diclofenac interessiert weniger. Eine tickende Zeitbombe sind die künstl. Hormone. Aber was sollte denn geändertwerden, wenn genaue Daten vorliegen? Keine Oerlikon Waffen gegen Heroin mehr? Anstatt Antibabypillen gratis Kondome? Zunahme von Gewalt auf Abnahme des THC schliessen? Zieht die Pharma weg? Antworten
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Jens Gloor
Gute Idee - könnte bitte mal jemand das Abwasser analysieren, welches von der Stadtpolizei verbraucht wird? Test auf den Toiletten zu welchen nur Parlamentarier im Deutschen Bundestag Zutritt haben, wurden auch Drogenspuren gefunden... Antworten