Was Angehörige von Alkoholikern tun können

Von Martina Frei. Aktualisiert am 22.01.2010 4 Kommentare

Unter jedem Menschen, der trinkt, leiden durchschnittlich fünf weitere – Kinder, Ehegatten, Arbeitskollegen. Ein zwölfstündiges Trainingsprogramm hilft den Betroffenen, den Kranken zur Therapie zu motivieren.

Die Angehörigen verzweifeln: Rolling-Stones-Gitarrist und Trinker Ron Wood.

Die Angehörigen verzweifeln: Rolling-Stones-Gitarrist und Trinker Ron Wood. (Bild: Keystone)

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Seit Wochen sorgt der Gitarrist der Rolling Stones, Ron Wood, für Schlagzeilen: Er trinkt zu viel. Nun hat seine Familie den Frontman der Band, Mick Jagger, um Hilfe gebeten. Sie hätte sich auch an den Lübecker Psychologen Gallus Bischof wenden können. In einem zwölfstündigen Programm lernen Angehörige bei ihm dreierlei: wie sie ein alkoholabhängiges Familienmitglied darin unterstützen, weniger zu trinken, wie sie es zu einer Therapie bewegen und wie sie sich selbst Gutes tun.

Der Erfolg der sogenannten Craft-Methode* ist bemerkenswert: «In einer Reihe von Studien in den USA führte das Angehörigentraining dazu, dass etwa 60 bis 70 Prozent der Abhängigen eine Therapie begonnen haben», sagt Bischof, der seit letztem November im Kanton Zürich Fachkurse für Therapeuten gibt. In seiner eigenen, noch laufenden Studie an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie in Lübeck hätten sich nach drei Monaten 44 Prozent der alkoholabhängigen Familienmitglieder in Behandlung begeben. Für die Bilanz nach zwölf Monaten, die diesen Sommer vorliegen soll, rechnet der Psychologe mit einer Behandlungsquote von über 50 Prozent.

Es braucht klare Aussagen

Im Trainingsprogramm analysieren der Therapeut und der Angehörige zunächst, wann, wo und mit wem der Alkoholabhängige zur Flasche greift. Dient das Bier beispielsweise der Entspannung nach einem Krach mit dem Chef? Könnte ihn eventuell ein entspannendes Gespräch bei einer Tasse Tee vom Trinken abhalten – oder das Alkoholtrinken zumindest hinauszögern? Massage, gemeinsamer Kinobesuch, Scrabble-Spiel: In Sitzungen wird besprochen, was der Hilfe suchende Angehörige als erfolgversprechend erachtet. Anschliessend probiert es der Angehörige aus.

Auch gute Kommunikation wird geübt: «In den betroffenen Ehen ist oft das Gekeife die Norm, nach dem Motto ‹Immer machst du ...› oder ‹Nie kannst du ...›», sagt Bischof. Diese negative Kommunikation soll sich durch das Training ändern zugunsten von klaren Aussagen.

Anstatt von «Stell dich nicht so an!» schlägt der Psychologe zum Beispiel mitfühlende Sätze wie diese vor: «Da wäre ich auch ganz schön stinkig. Ich würde mich freuen, wenn du dich jetzt trotzdem nicht einigelst und den ganzen Abend Bier trinkst.» Solche Kommunikationsstrategien übt der Angehörige zuerst beim Therapeuten, bevor er sie zu Hause anwendet. Nicht anklagen, sondern einfühlen und klar sagen, was man möchte, lautet die Devise.

«Ins Messer laufen lassen»

Ob der betroffene Partner oder Elternteil von der Therapie erfährt, überlässt Bischof den Angehörigen. «Die grosse Mehrzahl der Teilnehmer in unserer Studie verschweigt dem Betroffenen, dass sie zur Craft-Therapie gehen», sagt Bischof. Die meisten aus Furcht, dass der Alkoholabhängige abfällige Bemerkungen darüber fallen lassen könnte.

«Früher ging man davon aus, dass die Angehörigen ko-abhängig sind und das Trinken durch ihr Verhalten insgeheim fördern», sagt der Suchttherapeut. «Das ist überholt.» Nur etwa 20 Prozent der Mütter, Ehemänner oder engen Freunde der Betroffenen würden aufgrund eigener Persönlichkeitsstörungen dazu neigen, sich in Beziehungen mit Alkoholikern zu stürzen.

Angehörige unterstützen die Alkoholsucht indirekt

Trotzdem unterstützen viele Angehörige die Alkoholsucht indirekt, indem sie die Ehefrau beispielsweise beim Arbeitgeber entschuldigen oder den betrunkenen Vater mit dem Auto von der Beiz abholen. «Damit wird das Trinkverhalten unerwünscht verstärkt», gibt Bischof zu bedenken. Besser sei es, den Betroffenen auch mal «ins Messer laufen zu lassen» – vorausgesetzt, die Folgen, etwa der Unmut des Chefs, seien für die Familie tragbar.

Diesen Schritt haben die Angehörigen des Rolling-Stones-Gitarristen dem Vernehmen nach bereits getan. Bandleader Mick Jagger, so baten sie, solle Wood damit drohen, ihn nicht mit auf Tournee zu nehmen, falls dieser mit dem Trinken nicht aufhöre.

Ein Plan für den Notfall

Das zwölfstündige Craft-Programm dient indes nicht nur dazu, den Alkoholkranken endlich zu einer Therapie zu bewegen. Es soll dem Angehörigen auch direkt nützen, indem er lernt, etwas Gutes für sich selbst zu tun, besser mit finanziellen oder juristischen Schwierigkeiten zurechtzukommen oder mehr Unterstützung bei Freunden zu finden. Zum Programm gehört ferner das Ausarbeiten eines «Notfallplans», falls der betrunkene Partner oder Elternteil ausrastet.

«Früher hat man sich in der Alkoholberatung ausschliesslich um die Betroffenen gekümmert. Den Angehörigen konnte man nichts anbieten», sagt eine Zürcher Suchttherapeutin. Der US-Psychologe Robert J. Meyers entwickelte das Craft-Programm an der Universität von Albuquerque in den frühen 1980er-Jahren aus eigener Betroffenheit: Sein Vater war ein schwerer Trinker.

«Diese Empfehlungen sind nichts grundsätzlich Neues. Wir haben sie den Angehörigen auch schon früher gegeben», sagt dazu der Chefarzt der Forel-Klinik in Ellikon, Thomas Meyer. Neu sei aber, dass diese Begleitung sehr strukturiert erfolge und der Erfolg gut überprüfbar sei. «Aus meiner Sicht ist das ein seriöses, gutes Konzept», erklärt Meyer.

Auch kleine Erfolge zählen

Wie viele Betroffene, die durch ihre Craft-trainierten Angehörigen zur Behandlung motiviert werden, letztlich «trocken» bleiben, ist für Meyer zweitrangig. Selbst wenn sich «nur» ihre oder die Lebensqualität ihrer Angehörigen verbessere, sei dies ein Erfolg. «Auch wenn die Betroffenen weniger trinken und dadurch ihre Leber und ihr Gehirn weniger schädigen, hat das Programm etwas gebracht», sagt der Psychiater. Er vermutet, dass das Craft-Programm auch deshalb so erfolgreich sei, weil vor allem jene Angehörigen mitmachen würden, die bereit seien, etwas zu verändern.

Ob die Angehörigen von Ron Wood mit ihren Bemühungen Erfolg haben, ist offen. Die Eltern des Erfinders der Craft-Therapie profitierten jedenfalls nicht mehr: Sowohl die Mutter wie auch der alkoholabhängige Vater von Robert Meyers starben, bevor ihr Sohn das Programm fertig entwickelt hatte.

* Craft steht für Community Reinforcement and Family Training, auf Deutsch etwa Familientraining auf der Basis sozialer Netzverstärkung. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 22.01.2010, 04:00 Uhr

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4 Kommentare

Phyllis Meier

22.01.2010, 13:23 Uhr
Melden 1 Empfehlung

Als Betroffene kann ich Frau Leemann sagen, dass es richtig ist, dass gegen Alkoholiker meist nicht viel auszurichten ist, aber es ist wichtig, dem Umfeld Perspektiven zu bieten, mit und ohne dem alkoholkranken Angehörigen. Gesetze sind für die Rahmenbedingungen und Ahndung von Verstössen, imponieren einem Suchtkranken aus Erfahrung nicht, er wird weiter konsumieren. Antworten


Ronnie König

22.01.2010, 17:41 Uhr
Melden 1 Empfehlung

Auch hier wieder, Strafen und Vorwürfe bringen wenig oder nichts, aber alles akzeptieren auch nicht! Das zerstört das Umfeld auch. Alkoholiker zu beeinflussen ist sehr schwer. Und es gibt auch die Gewalttätigen. Dort wirds echt kompliziert und gefährlich. Hilft da Craft auch? Harmlos die singenden Quartalsäufer, obwohl auch Probemfälle. Aber strengere Alk-Gesetze bringen nichts. Antworten



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