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Was ist von der Beschneidung zu halten? (2. Teil)

Über Nutzen und Schaden der Beschneidung von Knaben streiten sich säkulare Befürworter und Gegner sowie Anhänger von Religionen, in denen die Beschneidung praktiziert wird.

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War der Kulturrelativismus noch vor 50 Jahren einerseits eine Gegenreaktion gegen den Kolonialismus und andererseits eine Konsequenz aus der ethnologischen Einsicht, dass andere Kulturen nicht einfach nur frühere Entwicklungsstufen auf dem Weg zu unserer westlichen Kultur darstellen, so wurde er vor etwa 30 Jahren zum Inbegriff der Selbstaufgabe der westlichen Zivilisation.

Kulturrelativismus bedeutete nun, die Augen zu verschliessen vor der Barbarei der Mädchenbeschneidungen und vor der Unterdrückung der Frauen im Islam – kurz: multikulturelles Warmduscher- und Gutmenschentum, das sich davor drückt, die westlichen Werte der Aufklärung aktiv zu verteidigen. Wozu in einem bedeutenden Teil der Öffentlichkeit inzwischen auch die Gegnerschaft gegen die jüdische und muslimische Praktik der Knabenbeschneidung gehört.

Die Aufklärung verdankt sich dem Willen, die Ketten, welche Macht und Wahrheit aneinandergebunden hatten, zu durchtrennen. Ihre Geschichte ist geprägt vom antiautoritären Impetus, keine traditionellen Einschränkungen unseres Denkens und Wissens zuzulassen.

In dem Moment jedoch, in dem die Aufklärung selber gleichsam Staatsreligion wurde – mit der Französischen Revolution und der darauffolgenden Terrorherrschaft Robespierres –, wurde der Grundstein für eine andere Art der Aufklärung gelegt: eine Aufklärung der unduldsamen Vernünftigkeit, die sich selbst nicht als eine unter anderen Traditionen begreift, sondern vielmehr als fortwährende Stunde null, jenseits aller Traditionen. Sie hält die Tatsache ihrer Geschichtsvergessenheit für das Nonplusultra an Fortschrittlichkeit.

Etwas von dieser Art der autoritär gewordenen Aufklärung durchzieht den Tonfall vieler Debattenbeiträge gegen die Knabenbeschneidung: Juden und Muslime (historisch immerhin einmal wichtige Träger und Zuträger der Aufklärung) werden mit dem Hinweis auf ihre unmöglichen Bräuche aus der Gemeinschaft der Vernünftigen exkommuniziert. Das ist weder antisemitisch noch islamophob – es ist nur vernünftig. Oder politisch gewendet: Es ist die rein logische Konsequenz der neuesten moralischen Erkenntnisse über die Bedeutung des Menschenrechts auf allseitige Selbstbestimmung.

Aber da die Exponenten dieser Selbstbestimmungsdoktrin es ja so mit der Unerbittlichkeit der Logik haben: Wäre es nicht ein ebenso dringend durchzusetzendes Menschenrecht, sich erst mit achtzehn in völliger Freiheit für eine Staatsangehörigkeit entscheiden zu können? Denn ob man nun sein Leben lang Schweizer, Japaner, Kanadier, Somalier, Mexikaner oder Nigerianer sein muss oder darf, hat auch hinsichtlich der körperlichen Unversehrtheit keine geringeren Konsequenzen als die Tat­sache, ob man nun beschnitten ist oder nicht. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.09.2012, 14:07 Uhr

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