Wissen
Wie Stolz den Menschen prägt
Von Klaus Wilhelm. Aktualisiert am 01.09.2009
Wenn nichts bleibt, dann wenigstens der Stolz! Zuweilen ist er Rettungsanker in grösster Not, für den Selbstwert und gegen den seelischen Schmerz. Wenn es bei der Arbeit mies läuft. Wenn der Partner oder die Partnerin gerade mit einem anderen oder einer anderen auf und davon ist. Und «der Stolz kann unter bestimmten Umständen zu Ansehen und Erfolg verhelfen», sagt die Psychologin Lisa Williams von der Northeastern University in Boston (USA) nach ihren jüngsten Studien. Ihre Kollegin Jessica Tracy von der Universität von British Columbia in Vancouver (Kanada) spricht gar vom «stärksten Statussignal, das wir unter allen Emotionen kennen, stärker als ein Glücks- oder Zufriedenheitsausdruck.»
Dunkle Seite des Stolz
Andererseits sei der Stolz eine «janusköpfige Emotion» mit dunklen Seiten – und das nicht erst seit gestern. «Die tödlichste der sieben Todsünden», zeterte der spätmittelalterliche Dichter und Philosoph Dante. Auch viele seiner antiken griechischen Kollegen liessen am Stolz kein gutes Haar. Immerhin: Sie machten den Stolz zum Thema.
Die moderne Psychologie indes hatte die Emotion viele Jahre lang ignoriert. Zu marginal, sagten die einen. Zu individuell und komplex, monierten die anderen. Jetzt aber erkennt die psychologische Zunft die Allgegenwart des Gefühls – und entwickelt die nötige Fantasie, um der Natur des Stolzes mit aussagekräftigen Experimenten auf die Schliche zu kommen. So geschehen in Boston, als Williams und ihr Chef David DeSteno 62 junge Leute ins Labor baten und sie in Dreiergruppen einteilten, wobei der jeweils Dritte aus «studien-technischen» Gründen aus den Reihen der Forscher stammte.
Stolze übernehmen Führung
Sie alle mussten eine bestimmte Aufgabe lösen. Zuvor wurde ihnen gesagt, dass ihr Ergebnis nach einem komplizierten Bewertungsschlüssel berechnet werde. So konnten die Probanden ihre Leistung nicht wirklich einschätzen. Nach dem Test verkündeten ihnen die Forscher in Privatgesprächen ihr Abschneiden. Dabei machten sie die Hälfte der Probanden stolz, indem sie ihnen erzählten, sie hätten die besten Resultate überhaupt erzielt. Den anderen indes wurde nüchtern das blanke Testergebnis gesagt. Dann kamen die Gruppen wieder zusammen und lösten gemeinsam ein Puzzle – unter Videobeobachtung. So ermittelten die Psychologen zum Beispiel, wer sich am meisten ins Zeug legte, wer die Gruppe «führte». Schliesslich wurden die Probanden befragt, wen sie beim Puzzlen als «federführend» empfanden und wie sympathisch sie ihre Gruppenangehörigen beurteilten.
Erstaunlicherweise übernahmen die zuvor stolz gemachten Probanden bei der gemeinschaftlichen Lösung des Puzzleproblems eine führende Rolle – und waren dafür bei ihren Mitstreitern hoch angesehen. «Das hat uns am meisten überrascht», wundert sich Williams. Denn das Verhalten der «Stolzen» hätte auch als arrogant oder aufdringlich wahrgenommen werden können. Erstmals haben Wissenschaftler damit fassbare Konsequenzen von Stolz im Kontext sozialen Verhaltens experimentell nachgewiesen. Die komplexe Emotion Stolz, die entsteht, wenn Menschen ihr Innenleben bewerten, kann unter ganz bestimmten Umständen zu Status, Reputation und einer tragenden Rolle in einer Gruppe führen.
Vorteil für Männer
Evolutionär gesehen, erscheine das plausibel, meint Williams: «Die Zeichen von Stolz haben schon in den Gruppen der frühen Menschen angezeigt, wer Respekt verdient, weil er etwas besonders gut kann im Sinne für die Gruppe.» Der gewonnene Status war vermutlich gerade für Männer in den Ur-Zeiten vorteilhaft im Sinne der darwinschen Evolution; Ansehen gilt als Zeichen von Stärke, was wiederum die Partnerwahl begünstigt.
Entsprechend «sind die Gesten des Stolzes wahrscheinlich angeboren», erklärt Jessica Tracy – ein gemeinsames Erbe der Menschheit. Schon Kleinkinder zeigen Ausdruck des Stolzes, und zwar über alle bislang untersuchten Kulturen hinweg – in einem sehr ursprünglich lebenden Stamm in Afrika ebenso wie in der Schweiz. Zusammen mit ihrem Kollegen David Matsumoto von der San Francisco State University hat die Psychologin das spontane Verhalten von Geburt an blinden und im Laufe des Lebens erblindeten Judoka bei den Paralympics unter die Lupe genommen. Die 53 Sportler stammten aus 37 Ländern völlig unterschiedlicher Kulturkreise, die die Forscher in mehrere Kategorien unterteilten – von «individualistisch etwa in den USA und in Westeuropa bis «kollektivistisch geprägt» in China, Japan oder Korea. Als Vergleichsgruppe dienten 87 normalsichtige Judokämpfer, ebenfalls aus verschiedenen Erdregionen.
Auch Blinde blähen ihre Brust
Die Posen des Stolzes – und der Scham nach einer Niederlage – wurden von einem Fotografen in Serienaufnahmen eingefangen und hernach von einem Team von «Juroren» beurteilt. En détail verglichen sie die Gestik von Stolz und Scham. Die These war: Sollten die Posen angeboren sein, dürften sie sich bei Blindgeborenen und Sehenden aus allen Teilen der Erde nicht unterscheiden. Tatsächlich glichen sich die spontanen Gesten des Stolzes nach einem Sieg. Egal, ob die Athleten sehen konnten oder nicht, egal, ob sie aus Argentinien oder Weissrussland, aus Taiwan oder Griechenland stammten. Stets rissen Sieger die Arme v-förmig in die Höhe, sie streckten ihre Köpfe nach oben und leicht nach hinten, immer blähten sie ihre Brust – alles «prototypische Komponenten» von Stolz.
Gleichwohl scheint die Skepsis gegenüber dem Stolz nicht ganz unberechtigt zu sein. Neue Studien zeigen, dass sich zwei Formen des Stolzes unterscheiden lassen: authentischer Stolz – wie etwa bei den blinden Athleten – und «hubristischer» Stolz. Letzterer ist nach jüngsten Erkenntnissen oft verbunden mit Narzissmus, Aggression und Arroganz. Und hubristisch-stolze Menschen trachten mehr nach Dominanz als nach Status und Ansehen. Die schlechte Variante des Stolzes geht nach Ansicht von Lisa Williams aus der günstigen Variante hervor. «Stolz ist nicht universal negativ und so lange vorteilhaft, als er auf den Bereich beschränkt bleibt, aus dem er herrührt», sagt sie. Aber sobald man ihn grundlos auf andere Lebensbereiche ausweitet, fängt das Übel an. Stolz zu sein und gleichzeitig bescheiden und demütig – das ist die Kunst. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 01.09.2009, 22:09 Uhr
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