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«Wir haben schon Viagra gefunden»

Von Martina Frei. Aktualisiert am 08.12.2009

Etwa jede zwanzigste Probe bei Sportpferden zeige, dass das Tier gedopt gewesen sei, sagt der Leiter eines grossen Labors. In manchen arabischen Ländern sind fast alle Proben positiv – selbst die von Kamelen.

Mit allen Mitteln zum Sieg: Der Wirkstoff des Chilis kann Pferdebeine schmerzempfindlicher machen.

Mit allen Mitteln zum Sieg: Der Wirkstoff des Chilis kann Pferdebeine schmerzempfindlicher machen.
Bild: Keystone

Yves Bonnaire: Er leitet das Laboratoire des Courses Hippiques, eines von fünf offiziellen Dopinglabors der reiterlichen Vereinigung FEI.

Yves Bonnaire: Er leitet das Laboratoire des Courses Hippiques, eines von fünf offiziellen Dopinglabors der reiterlichen Vereinigung FEI.

Equi-Block

Das Massage-Gel enthält Capsaicin, den scharfen Stoff im Cayennepfeffer. Er besetzt die Nervenenden bestimmter Schmerzrezeptoren. Daraufhin schütten die Nervenaxone eine «P» genannte, Schmerzen vermittelnde Substanz aus. Sie erhöht auch die Durchblutung und führt zu einem Wärmegefühl. Bei längerer Anwendung können die Nerven durch Schmerzreize nicht weiter erregt werden.

So steigert Capsaicin die Schmerzempfindlichkeit entweder oder setzt sie herab. Arthrosepatienten machen sich Letzteres zunutze: Die Substanz wird stark verdünnt bei Gelenkschmerzen eingesetzt. Auch bei verschiedenen anderen Schmerz- zuständen wie diabetischen Nerven- schmerzen oder Schmerzen nach Gürtelrose kann Capsaicin helfen. (mfr)

An den Olympischen Spielen in Hongkong 2008 hatten die norwegischen Springreiter mit ihren Pferden die Bronzemedaille erkämpft – dann aber wurde im Urin eines der Tiere die verbotene Substanz Capsaicin gefunden. Es kann die Beine der Pferde schmerzempfindlicher machen, sodass sie – aus Furcht vor Schmerzen – höher springen. Letzten Freitag nun entschied das Sportgericht in Lausanne, dass die Disqualifikation des norwegischen Springreiters Tony Hansen korrekt war. Falls dieser das Urteil nicht an das Bundesgericht weiterzieht, bekommt die Schweizer Equipe die Bronzemedaille.

Herr Bonnaire, Sie leiten ein Pferde-Dopinglabor. Welche Substanzen weisen Sie am häufigsten nach?
Bei Rennpferden machen entzündungshemmende Schmerzmittel, Anabolika, dem Cortison verwandte Substanzen und entwässernde Medikamente den grössten Anteil aus. Im Dressur- und Springsport finden wir neben Schmerzmitteln oft dem Valium ähnliche Beruhigungsmittel. In Proben aus Italien haben wir auch schon Viagra gefunden. Das kam unerwartet.

Was haben Pferde von Viagra?
Es weitet die Blutgefässe in den Lungen und verbessert so die Lungenfunktion. Auch der erste Fund von Capsaicin vor rund acht Jahren überraschte.

Auf der Packung des Capsaicin-haltigen Mittels Equi-Block steht explizit, dass es «nicht positiv testet».
Viele Firmen informieren die Reiter falsch. Es kam vor, dass wir im Futter, in Nahrungsergänzungsmitteln oder in Medikamenten Verunreinigungen fanden, etwa das leistungssteigernde Koffein. Wir teilten dies den Herstellern mit. Dennoch behaupteten manche den Kunden gegenüber, die Produkte wären punkto Doping sicher.

Das norwegische Pferd hatte im Urin lediglich 53 Billionstel Gramm Capsaicin pro Milliliter. So wenig kann doch nichts beweisen, oder?
Capsaicin wird oft in Massage-Gels für Pferde eingesetzt. Damit massiert und wärmt man ihre Muskeln. Dabei dringt der Wirkstoff über eine grosse, gut durchblutete Fläche in die Haut ein. Der Urin enthält dann vergleichsweise hohe Konzentrationen von etwa einem Nanogramm pro Milliliter. Verwendet man Capsaicin, um die Haut der Beine schmerzempfindlicher zu machen, ist die Konzentration im Urin sehr niedrig, etwa 10 bis 100 Picogramm pro Milliliter. Kleinere Konzentrationen sprechen also eher für den Missbrauch.

Also herrscht immer null Toleranz?
Für Dinge, die im Pferd gar nichts zu suchen haben, gilt die Nulltoleranz. Capsaicin zum Beispiel ist kein therapeutisches Medikament. Bei Substanzen, die auch natürlicherweise vorkommen, etwa Hormone, arbeiten wir mit einem Schwellenwert. Das gilt auch für Stoffe, die das Tier durch Verunreinigungen des Futters aufgenommen hat. Und für etwa 20 gebräuchliche Medikamente geben wir an, wie viel Tage vor dem Wettkampf sie abgesetzt werden müssen. Die Nachweismethoden sind heute so fein, dass wir zum Beispiel das Schmerzmittel Phenylbutazon Wochen oder gar Monate lang im Urin finden können.

Führen solche ultrafeinen Analysen nicht zu falschen Anklagen?
Das weiss ich nicht. Man muss aber sehen: Anders als im Pferderennsport sind im Reitsport oft Amateure am Werk. Da therapieren viele Tierärzte, oder die Reiter kennen das Pferd nicht so gut und wissen nicht, dass es behandelt wurde. Wir entdecken dort zehnmal mehr positive Proben als im Rennsport. In Frankreich beispielsweise ist von den 500 bis 600 Proben jährlich rund jede zwanzigste positiv. Um den Reitsport «sauberer» zu machen, bräuchte es mehr Druck und mehr Tests.

Gibt es Länder, die hervorstechen?
Fast 100 Prozent der Proben aus manchen arabischen Ländern sind positiv. Darunter sind auch viele Proben von Kamelen, in denen wir Anabolika, Epo oder ähnliche Dinge finden. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.12.2009, 04:00 Uhr

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