Wissenschaftler publizierten Artikel, die nicht von ihnen sind
Der Stoff, von dem die Wissenschaftswelt lebt: Fachartikel.
Eine Pharmafirma hat jahrelang Ghostwriter dafür bezahlt, medizinische Fachartikel über die Hormonersatztherapie für Frauen in den Wechseljahren zu verfassen. Als Autoren der vermeintlichen Fachartikel gaben sich renommierte Mediziner aus, die nichts oder nur wenig zum Artikel beigetragen haben. Die Artikel wurden zwischen 1998 und 2005 in bekannten Fachmagazinen veröffentlicht. Dass es sich dabei um einen vom Medikamentenhersteller gesponserten Beitrag handelte, wurde dabei mit keinem Wort erwähnt.
Massgebende Übersichtsartikel
Wie die «New York Times» diese Woche berichtete, handelte es sich bei den Artikeln meist um so genannte Übersichtsartikel, die umfangreiches und bereits veröffentlichtes Datenmaterial zusammenfassen und neu beurteilen. Solche Übersichtsartikel sind oft massgebend bei der Entscheidung, wie eine bestimmte Krankheit in der Praxis behandelt wird.
Die Vorteile der Hormonersatztherapie seien in den Artikeln hervorgehoben worden, die Nachteile heruntergespielt, schreibt die «Times». Auch dann noch, als 2002 eine umfangreiche Studie gestoppt wurde, die zeigte, dass gewisse Präparate das Risiko für Brustkrebs und Herz-Kreislauferkrankungen bei Frauen in der Menopause erhöhen würden.
Verlagshaus zeigt sich beunruhigt
Die insgesamt 26 Artikel sind in 18 Fachmagazinen erschienen. Betroffen sind auch Fachjournale aus dem Hause Elsevier, ein weltweit führendes Verlagshaus im Bereich Naturwissenschaften und Medizin. Elsevier mit Hauptsitz in Amsterdam zeigte sich gegenüber der «New York Times» über das Ghostwriting beunruhigt und versprach, den erhobenen Vorwürfe nachzugehen.
Sponsor der Fachartikel war das Pharmaunternehmen Wyeth mit Hauptsitz in Madison, New Jersey. Gemäss «New York Times» verkaufte Wyeth alleine im Jahr 2001 Hormonpräparate für Frauen in den Wechseljahren im Wert von zwei Milliarden Dollar. Mit dem Präparat Premarin hätte Wyeth den Markt für Hormonersatztherapien dominiert. Um diese dominierende Stellung zu halten, so die «New York Times» weiter, hätte Wyeth mit verschiedenen Firmen zusammengearbeitet, die Fachartikel auf Bestellung verfassten.
Extern begutachtet
Doug Petkus, ein Sprecher von Wyeth erklärte gegenüber der «Times», dass die betreffenden Artikel wissenschaftlich einwandfrei gewesen seien und dass sie zudem vor der Veröffentlichung in einem Fachjournal von aussenstehenden Experten beurteilt worden seien.
Wie Ghostwriting funktioniert, zeigt die «Times» am Fall eines Fachartikels auf, der 2005 im «The Journal of Reproductive Medicine» erschienen ist. Erstautor des Artikels ist Gloria Bachmann von der Robert Wood Johnson Medical School in New Brunswick, New Jersey. Tatsächlich geschrieben aber hat den Artikel ein Angestellter von DesignWrite, einer auf Fachartikel spezialisierten Firma. Bachmann begutachtete im September 2003 eine erste Version des Artikels und emailte DesignWrite, sie hätte nur eine kleine Korrektur angebracht. Ansonsten sei der Artikel «exzellent». Zwei Jahre später erschien der Artikel unter ihrem eigenen Namen.
Mit Fachwissen begleitet
Gegenüber der «Times» rechtfertigte Bachmann ihr Verhalten: Sie hätte mit ihrem Fachwissen die Publikation begleitet. Und die Emails würden nicht die Beiträge aufzeigen, die sie am Telefon und bei persönlichen Treffen mit dem Autor gemacht habe. Ein Übersichtsartikel sei damals überfällig gewesen, so Bachmann. Sie habe sich deshalb bereit erklärt, den Artikel zu begutachten und sicherzustellen, dass er keine Fehler enthalte.
Wyeth bezahlte DesignWrite insgesamt 25'000 Dollar für das Verfassen des Artikels. Die irritierende Praxis von Wyeth entdeckten Anwälte von Frauen, die die Firma zur Zeit auf Schadenersatz verklagen. Die Frauen machen massive Nebenwirkungen nach der Einnahme von Hormonpräparaten geltend. Die «New York Times» hat zusammen mit dem Open Access Fachmagazin «PLoS Medicine» vor Gericht die Veröffentlichung der Akten verlangt. Diese würden gemäss «Times» nahelegen, dass Ghostwriting weit verbreitet sei. «Es ist wie Steroide und Baseball», wird Joseph Ross von der Mount Sinai School of Medicine in New York von der Zeitung zitiert. Niemand wisse, welcher Spieler Steroide nehmen würde und welcher nicht. Und niemand wisse, welcher Fachartikel beschmiert sei und welcher nicht.
Inzwischen hat Wyeth seine Publikationspraxis geändert. Zwar arbeitet das Pharmaunternehmen immer noch mit kommerziellen Artikelschreibern zusammen. Neu wird dieser Sachverhalt aber im Artikel selbst erwähnt.
Von der Pharmaindustrie gesponserte Artikel
Die Enthüllungen der «New York Times» kommen auch für das Verlagshaus Elsevier in einem denkbar ungünstigen Augenblick. Erst vor wenigen Monaten musste das Unternehmen Verfehlungen seines australischen Ablegers eingestehen. Dieser veröffentlichte zwischen 2000 und 2005 Artikelserien, die von Pharmafirmen gesponsert waren. Insgesamt seien sechs Titel betroffen gewesen, berichtete das US-Magazin «The Scientist». Das Problem: Die Artikelserien kamen wie reguläre Fachjournale unter dem vermeintlichen Gütesiegel Elsevier daher. Dass sie von der Pharmaindustrie gesponsert waren, stand nirgendwo.
Das Vorgehen sei nicht akzeptierbar und werde bedauert, erklärte Elsevier CEO Michael Hansen. Es würde sich um einen isolierten Fall aus einer vergangenen Ära handeln. Mit der heutigen Arbeitsweise hätte das nichts zu tun. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 06.08.2009, 21:35 Uhr
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