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Wundersame Streicheleinheiten für kranke Tiere

Linda Tellington-Jones ist mit ihren kreisenden Berührungen weltberühmt geworden. Wissenschaftlich bewiesen ist die Methode aber nicht.

Stellte in Uzwil ihre Behandlungsmethode vor: Linda Tellington-Jones.

Stellte in Uzwil ihre Behandlungsmethode vor: Linda Tellington-Jones.

«Der Erfolg ist frappant. Ich bin zwar Schulmediziner mit starkem Interesse an der Komplementärmedizin, aber ich habe alles andere als an so etwas geglaubt», sagt Ewald Isenbügel, der ehemalige langjährige Zootierarzt und Leiter der Klinik für Heimtiere in Zürich. Tief beeindruckt habe ihn zum Beispiel die Episode mit den drei achtwöchigen Schneeleoparden im Jahr 1975: Die Jungtiere im Zürcher Zoo hatten eine schwere Lungenentzündung. «Wir hatten alle Register der Veterinärmedizin gezogen – vergebens. Die kleinen Schneeleoparden waren am Sterben.»

Dann habe Linda Tellington-Jones, die in der Schweiz zu Besuch bei Isenbügel war, sich der Tiere angenommen und ihnen vor allem über den Nasenspiegel gestrichen. «Alle lachten», erinnert sich der erfahrene Tierarzt. Niemand habe geglaubt, dass streichelnde, kreisende Bewegungen irgend etwas bewirken würden. Zuletzt aber lachte Tellington-Jones.

Beruhigung durch Massage

«Die drei Schneeleoparden kamen alle durch und wurden Stammmütter in der Erhaltungszucht für die gefährdete Tierart», sagt Isenbügel anerkennend. Er ist seit über 37 Jahren mit Tellington-Jones befreundet und arbeitet vor allem auf dem Gebiet der Pferde- und Zootiermedizin mit ihr zusammen. Der Pferdeliebhaber könnte «unzählige weitere Beispiele nennen», wo die Methode funktioniert habe. Bei einer eigenen, zu schweren Koliken neigenden Isländerstute etwa habe sich der Zustand dank «TTouch» immer soweit stabilisieren lassen, dass sie ins Tierspital transportiert werden konnte. «Das Massieren der Ohren beruhigte das Tier sichtlich.»

Zentral an der Methode sind kreisende Bewegungen, die bei sechs Uhr beginnen, im Uhrzeigersinn eineinviertel mal herum, mit unterschiedlichem Druck, verschiedener Geschwindigkeit und an den unterschiedlichsten Stellen, je nach Bedarf.

Nicht nur Schneeleoparden, vor allem Pferde, Hunde, Katzen, aber auch Gorillas, Schlangen, Papageien und andere Tiere mehr hat die bei vielen Tierhaltern weltbekannte Tellington-Jones schon behandelt. Im Zoo von San Diego etwa kam eine drei Meter lange Pythonschlange in den Genuss der Berührungen. Massgeblich beeinflusst wurde Tellington-Jones von Moshe Feldenkrais, bei dem sie eine Ausbildung absolvierte. Wie eine Behandlung im Einzelfall aussehen kann, führte die 71-jährige, energiegeladene Pferdekundige kürzlich an der Stute «Nizza» am «HealthBalance» Zentrum in Uzwil einer Schar Interessierten vor.

Das Pferd sei unsicher, stellt Tellington-Jones fest. Es habe die Tendenz, den Kopf hoch zu halten. Das aber aktiviere bei Pferden das sympathische Nervensystem (das auch bei Stress- und Fluchtreaktionen aktiviert wird) und sei «nicht ideal» für die Heilung der Wunde, die «Nizza» am Bein habe.

Tellington-Jones streicht mit den Fingern über Hals, Rücken, Brust und Stirn des Tieres, sie streicht mit beiden Händen den Schweif aus, fährt mit einer Gerte sanft die Konturen des Körpers von Nizza ab, und setzt vor allem den TTouch ein. Das Ziel der Behandlung: «Ich versuche, den Rücken des Pferdes hochzubringen, damit der Kopf nach unten kommt.» Das passiert tatsächlich: Immer öfter senkt «Nizza» ihren Kopf leicht, die Stute beginnt sich allmählich zu entspannen.

Würde das nicht bei jedem Pferd passieren, das irgendwie sanft gestreichelt wird und Zeit hat, sich an fremde Menschen ringsherum und klickende Kameras von Fotografen zu gewöhnen? Nein, ist eine anwesende Tellington-Jones Schülerin überzeugt. Es sei die spezielle Behandlung, welche die Veränderung bewirke.

Ungezählte Fallberichte und diverse Experimente bezeugen eine Wirkung der Anfang der 70er-Jahre entwickelten Methode. Zum Beispiel half der TTouch in einem Versuch mit zehn Pferden, die sich renitent weigerten, in einen Anhänger zu steigen: Die Verladezeit war bei den behandelten Tieren daraufhin kürzer, das Stresshormon Cortisol wie auch die Herzfrequenz stiegen beim Verladen weniger stark an wie zuvor – ohne, dass das Verladen extra geübt worden wäre.

Am Forschungsinstitut für Biologischen Landbau «touchte» die Agrarwissenschaftlerin Johanna Probst vier Schlachtmunis. Im Vergleich zu unbehandelten Tieren waren die Stiere am Schlachttag messbar ruhiger und weniger gestresst, was sich positiv auf die Fleischqualität auswirkte. «Dass dieser Effekt dem TTouch zuzuschreiben ist, haben wir mit dem Versuch allerdings nicht bewiesen», stellt Probst selbstkritisch fest. Dazu müsse TTouch im Vergleich zu normalem Streicheln untersucht werden. Wissenschaftliche Untersuchungen, die zweifelsfrei beweisen, dass der TTouch den Unterschied macht, gibt es bislang nicht.

«Linda Tellington-Jones hat sicher ein grosses Pferdeverständnis. Sie kann Pferde beeinflussen», sagt der Chirurg Anton Fürst von der Pferdeklinik Zürich. Fürst lernte Tellington-Jones Anfang der 1990er-Jahre kennen. Damals sollte sie ihr Können an der Pferdeklinik demonstrieren. Binnen einer halben Stunde hatte sie einen kaum zu bändigenden Vollbluthengst in ein ruhiges, sich willig führen lassendes Pferd verwandelt. Auch die Tierärztin und Pferdeverhaltenskundlerin Ruth Herrmann ist überzeugt, Tellington-Jones besitze «ein Händchen für die Tiere» und habe viele nützliche Ideen und Techniken entwickelt. «Zu stark vereinfacht und spekulativ»

Dennoch sind sich Fürst und Herrmann einig: «Man sollte kritisch sein.» Erstens, betonen sie, seien Erklärungen wie «Kopf hoch bedeutet Stress und schlechte Wundheilung» zu stark vereinfacht oder gar spekulativ. Zweitens sehen sie bei manchen «Nacheiferern ein Problem», wenn Erklärungsmodelle unkritisch übernommen und nicht mehr hinterfragt würden.

Mittlerweile berufen sich über 1700 Tiertherapeuten in aller Welt auf die gebürtige Kanadierin. Nicht alle, die TTouch anwenden, hätten die gleichen Fähigkeiten wie Tellington-Jones, sagt auch Ewald Isenbügel. Wer kein Gespür für Tiere habe, könne die Methode nicht erfolgreich anwenden. Dass am TTouch etwas dran ist, steht für ihn jedoch ausser Frage. In jedem Fall rät Isenbügel jedoch – wie auch Linda Tellington-Jones –, wirksame schulmedizinische Therapien darüber nicht zu vernachlässigen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.12.2008, 08:57 Uhr

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