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Am Tag der Sonnenfinsternis entschied sich Einsteins Schicksal

Aktualisiert am 25.05.2009

Vor 90 Jahren haben britische Astronomen die Allgemeine Relativitätstheorie von Albert Einstein bewiesen.

Test für die Allgemeine Relativitätstheorie: Sonnenfinsternis (hier am 1. August 2008 in Jiuquan/China).

Test für die Allgemeine Relativitätstheorie: Sonnenfinsternis (hier am 1. August 2008 in Jiuquan/China).
Bild: Keystone

«Heiligsprechung im Tempel der Wissenschaft»: Albert Einstein in Princeton (USA) im Juni 1954.

«Heiligsprechung im Tempel der Wissenschaft»: Albert Einstein in Princeton (USA) im Juni 1954. (Bild: Keystone)

Als am 29. Mai 1919 die Sonne hinter dem Mond verschwindet, steht Albert Einsteins Leben am Scheideweg. Jetzt zeigt sich, ob seine Allgemeine Relativitätstheorie nur eine nette Gedankenspielerei ist oder eine der grössten wissenschaftlichen Leistungen aller Zeiten. Eine Sonnenfinsternis bietet der Wissenschaft die Chance, Einsteins Idee zu prüfen, die das gängige Weltbild der Physik umstürzen will. Die entscheidende Frage vor 90 Jahren: Wo stehen die Sterne?

Einsteins Allgemeine Relativitätstheorie sagt voraus, dass grosse Massen wie die Sonne den Raum krümmen. Dadurch wird Licht abgelenkt und Sterne, die von der Erde aus betrachtet nahe an der Sonne stehen, erscheinen gegenüber ihrer eigentlichen Position verschoben. Mit Einsteins Formeln errechnet sich dadurch eine andere Position für die Sterne als mit denen der bis dato gültigen Physik.

Prüfen lässt sich dies nur während einer Sonnenfinsternis. Denn damit der Effekt messbar wird, muss das Sternenlicht sehr nahe an der Sonne vorbei. Normalerweise wären diese Sterne dann so unsichtbar, wie ein Glühwürmchen auf dem Rand eines Suchscheinwerfers. Nur wenn der Mond die Sonne während einer Finsternis verdeckt, können sie beobachtet werden. Deswegen haben sich zwei britische Expeditionsteams nach Brasilien und auf die Insel Principe vor der westafrikanischen Küste aufgemacht, wo sich das seltene Naturschauspiel am 29. Mai 1919 bietet.

Eine winzige Verschiebung bringt den Beweis

Das Ergebnis ist knapp, denn die Abweichung ist winzig. Auf den Fotoplatten sind die Sterne nur Hundertstel Millimeter verschoben und die Messgenauigkeit ist begrenzt. Dennoch reicht das Ergebnis den britischen Forschern aus. Sie sehen Einsteins Theorie als bewiesen an.

Die Bestätigung ist nötig, denn bis dahin ist Einsteins Allgemeine Relativitätstheorie trotz aller hochkomplizierter Formeln, Gedankenexperimente und Überlegungen nur eine Möglichkeit. «Ohne Überprüfung ist eine Theorie nur eine nette intellektuelle Spielerei», sagt der Professor der theoretischen Astrophysik und Fernsehmoderator Harald Lesch. «Wenn es 50 oder 60 Jahre bis zu einem experimentellen Nachweis gedauert hätte, würde die Allgemeine Relativitätstheorie wohl auch heute noch skeptisch betrachtet werden.»

Doch Einstein hat seinen Beweis. Am 6. November 1919 verkündet der königliche Astronom Frank Dyson vor den Grössen der britischen Wissenschaft in London: «Nach sorgfältiger Untersuchung der Platten bin ich bereit, zu erklären, dass kein Zweifel daran bestehen kann, dass sie Einsteins Vorhersage bestätigen.»

Wissenschafts-Popstar und Jahrhundertgenie

Es ist Einsteins «Heiligsprechung im Tempel der Wissenschaft», wie es Jürgen Neffe in seiner Einstein-Biografie formuliert. Der Durchbruch des Physikers in der Öffentlichkeit folgt auf dem Fusse. Die grössten wissenschaftlichen Leistungen liegen zu diesem Zeitpunkt bereits hinter ihm, doch jetzt beginnt seine Zeit als Wissenschafts-Popstar, als Inkarnation des Jahrhundertgenies und als Weltweiser.

Am 7. November - einen Tag nach der offiziellen Bestätigung - schreibt die Londoner «Times» von einer «Revolution der Wissenschaft». Die «New York Times» titelt nur drei Tage später «Lichter am Himmel alle schief - Einsteins Theorie triumphiert» und berichtet wochenlang über die Welt der Relativitätstheorie. In Deutschland dauert es einige Wochen, dann bricht auch hier die Einstein-Begeisterung aus und die Zeitungen rufen ihn zu einer «Grösse der Weltgeschichte» aus.

Die Zweifel an Einsteins Theorien jedoch verstummen nicht. Zu offensichtlich widersprechen seine Ideen von gekrümmtem Raum oder gedehnter Zeit den persönlichen Erfahrungen der Menschen und dem «gesunden Menschenverstand». Dazwischen mischen sich im Zwischenkriegs-Deutschland antisemitische Vorurteile, die in Morddrohungen gegen den Physiker gipfeln.

Ohne Relativitätstheorie keine Navigationsgerät

Bis heute haben verschiedenste Messungen und Experimente immer wieder Einsteins Theorien bewiesen. Kein seriöser Physiker bezweifelt sie, in vielen Disziplinen gehört die Allgemeine Relativitätstheorie zum täglichen Handwerkszeug. Auch manche High-Tech-Geräte wären ohne sie kaum möglich. Jedes Navigationsgerät würde ohne die Korrekturformeln, die sich aus Einsteins Relativitätstheorie ergeben, binnen kürzester Zeit vollkommen falsche Werte anzeigen und seinen Benutzer in die Irre führen.

Heute sind Einsteins Kritiker eine verschwindende Minderheit, die ihre Pamphlete, angeblichen Gegenbeweise und Verschwörungstheorien über das Internet austauschen. In der Öffentlichkeit aber werden sie kaum wahrgenommen. Was dort von Einstein geblieben ist, ist das Bild vom schlampig gekleideten Jahrhundertgenie, das nur durch Nachdenken das physikalische Weltbild seiner Zeit umwarf. Den Startschuss für diesen Ruhm gab der Mond, als er sich am 29. Mai 1919 vor die Sonne schob, um Einstein Recht zu geben. (vin/ap)

Erstellt: 25.05.2009, 10:20 Uhr

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