Wissen
Bildhauer Russi im kaukasischen Urwald
Von Martin Born. Aktualisiert am 09.11.2011 17 Kommentare
Olympische Winterspiele in Sotschi 2014: Karte der Umgebung
Artikel zum Thema
- Zwangsenteignung – eine beliebte olympische Disziplin
- Zensur wegen Olympia in Sotschi 2014
- Bis dass der «Blick» euch scheidet
Stichworte
Korrektur-Hinweis
Melden Sie uns sachliche oder formale Fehler.
Bernhard Russi nimmt seinen Notizblock hervor, zückt den Bleistift und schreibt: «Devils Edge». Teufelskante. Das ist noch kein Name, sondern nur ein Arbeitstitel für die spektakulärste Stelle der Frauenabfahrt bei den Olympischen Spielen 2014 von Sotschi.
Notizblock und Bleistift gehören zur Grundausrüstung wie Bergschuhe, Regenjacke und Regenhose. Der gelernte Bauzeichner Bernhard Russi braucht sie, um Besonderheiten im Gelände festzuhalten, Profile aufzuzeichnen, Standorte von Netzverankerungen zu markieren. Eine unerlässliche Ergänzung zu dem, was er fotografisch mit seinem iPhone dokumentiert. Und was er abends im Notebook protokolliert. Es sind seine Belege, wenn es beim nächsten Besuch Diskussionen darüber gibt, was hätte erledigt werden müssen. Oder gerade ein neuer Verantwortlicher eingesetzt wurde, der von nichts weiss.
Der höchste Baum Europas
Wir haben einen kurzen Aufstieg durch schlammiges, felsiges Gelände hinter uns und stehen auf einer rutschigen, steilen Baustrasse, die über eine Krete zum Startgelände der Abfahrten und zur Bergstation der Gondelbahn führt. Russi weiss nicht mehr genau, zum wievielten Mal er hier in Rosa Chutor, dem alpinen Olympiagelände, herumkraxelt. Zum 15., vielleicht auch zum 20. Mal. Zum letzten Mal jedenfalls vor den Weltcuprennen der Frauen und Männer im Februar, bei denen die von ihm «gebauten» Pisten getestet werden.
Die Olympiapisten bieten kein schönes Bild an diesem nebligen Morgen im Oktober: Noch will das Gras, das die Wunden heilen soll, nicht wachsen: Breite, braune, mit zerkleinertem Geröll bedeckte, von Schneekanonen gesäumte Schneisen, die zum grossen Teil durch einen Urwald führen, der bis vor fünf Jahren unberührt war. «Ganz in der Nähe hat man hier den höchsten Baum Europas gefunden», sagt Geir Olsson, «89 Meter wurden gemessen.»
55'000 Arbeiter auf der Baustelle
Olsson ist Norweger, leitete das Olympiaskigebiet von Hafjell, reiste vor zwei Jahren nach Sotschi, um seine Beraterdienste anzubieten, und unterschrieb kürzlich einen Vertrag als Sportdirektor der Station. Er ist einer der 55'000 Goldgräber, die auf der gigantischen Olympiabaustelle zwischen dem Flughafen Adler in Sotschi und den olympischen Skigebieten einen Job gefunden haben. Einer der wenigen, die nicht in einem der vielen Container-Camps lebt, wo es Gemeinschaften aus 18 Nationen gibt. Geir Olsson ist Russis Statthalter in der manchmal schwer verständlichen und schwer erfassbaren Welt der russischen Olympiaunternehmer. Die beiden verstehen sich blendend.
Die «Teufelskante» ist die vorerst letzte Herausforderung für den Pistenbauer, der seit 1988 und den Olympischen Spielen von Calgary aus Bergen attraktive Sportanlagen für Skirennfahrer macht. Sicher sollen sie sein, der Natur angepasst und spektakulär. Ein dreidimensionaler Spagat. Das gilt auch für diese Krete, die das breite Tal, durch das sich die beiden Abfahrtsstrecken winden, mit einem Couloir verbindet. Es ist die Schlüsselstelle der Frauenabfahrt. Noch nie gab es auf einer Abfahrtspiste etwas Ähnliches. Die Anfahrt zur Kante erfolgt in einer Traverse; dort, wo jetzt die Strasse steht, gibt es eine Kurve, danach einen Sprung in den Schlund.
Tanz mit dem Bagger
Russi sieht sich das Ganze genau an, versucht sich vorzustellen, wie es hier aussieht, wenn fünf Meter Schnee liegen (was nichts Aussergewöhnliches ist im südwestlichen Kaukasus), schreitet das Gelände ab, setzt Markierungen, bespricht sich mit Olsson. Wenige Minuten später fährt der Bagger auf. Am Steuer sitzt ein Türke, einer von über 500, die hier im Gelände arbeiten und als die besten und fleissigsten ihres Fachs gelten. Ihre Arbeitstage dauern 10 bis 14 Stunden, für einen Freitag reicht es alle zwei Wochen nur einmal. Dafür gibt es Überstundenzuschlag, heimische Kost und immer wieder ein grosses Fest. Der Baggerfahrer hat gut aufgepasst, als Pauli Accola, der bekannteste Schweizer Menzi-Muck-Pilot, vor zwei Jahren eingeflogen worden war, um vorzuführen, wozu ein Bagger in alpinem Gelände fähig ist. Der Tanz des Accola-Schülers mit dem schweren Gerät ist flink und elegant. Ein bis zwei «Metter», wie das im Urschner Dialekt heisst, müssen abgetragen werden.
Wir verlassen die Krete und klettern hinunter ins Couloir. Für den 63-jährigen Russi kein Problem. Als Kletterer an steilen Felswänden fühlt er sich so stark wie nie zuvor. Zehn Klimmzüge an zwei Fingern – das schaffe er noch. Jetzt sucht er den Weg, der hinaus aus dem Couloir und zurück auf die Piste führt, auf der vor einem Jahr eine Europacupabfahrt stattfand, die als zu langweilig galt. Das Couloir endet in einem Wall. Das Einfachste wäre es, diesen abzutragen. Russi wehrt sich dagegen. Die Stelle verlöre dadurch ihren Charakter – und eine natürliche Lawinenverbauung.
Das ist nicht unwichtig in diesem Gelände, in dem die Lawinen für die Veranstalter eine riesige Herausforderung sind. Sie haben den Wald an einigen Stellen schon vor den olympischen Holzfällern gerodet und als Lawinenzüge deutliche Spuren hinterlassen. Weil an einem einzigen Tag anderthalb Meter Schnee fallen können und sich auf den Kämmen gigantische Wechten bilden, braucht es ein ausgeklügeltes Abwehrsystem, um das sich Experten vom Weissfluhjoch in Davos kümmern. Ihr Problem: Die Arbeit mit Sprengstoff ist in diesem politisch explosiven Gebiet in unmittelbarer Nähe Abchasiens (um das Russland und Georgien streiten) verboten. Es braucht 40 fest installierte Anlagen, bei denen ein Gasgemisch zur Explosion führt. Dazu müssen die riesigen Wechten laufend abgebrochen werden.
Russi: «Du musst mir vertrauen»
Russi entscheidet sich dafür, in einer Traverse auf die Originalpiste zurückzukehren. Das hat neue Netzpositionen zur Folge, die markiert werden müssen. Um abgesichert zu sein, greift er zum Telefon und ruft Jan Tischhauser an, der im Weltcupzirkus der Frauen für die Arbeit am Berg verantwortlich ist. Er versucht ihm die Situation zu erklären, redet auch mit den Händen, appelliert an das Vorstellungsvermögen seines Kollegen aus dem Zürcher Oberland und sagt schliesslich: «Du musst mir vertrauen.»
Am Tag danach kehren wir an den Tatort zurück. Statt mit der Gondelbahn fahren wir mit dem Auto zur Mittelstation, dorthin, wo am olympischen Dorf der Alpinen, Freestyler und Snowboarder gebaut wird. Es ist eine 8 Kilometer lange asphaltierte Bergstrasse, die mit 110 000 Kubikmeter Beton im losen Gelände verfestigt werden musste. In acht Monaten war sie gebaut, nachdem zuvor drei Versuche, einen etwas günstigeren Zugang zu finden, gescheitert waren.
Für Russi ist es ein Beispiel, wie hier gearbeitet wird: Nicht immer wohl überlegt am Anfang, mit Arbeitsunterbrechungen, die nicht erklärbar sind, aber zuletzt doch immer effizient und zur Zeit. Geld spielt nach wie vor keine Rolle. Rosa Chutor ist das Prestigeprojekt von Wladimir Putin, dem Bald-wieder-Präsidenten, der die Olympischen Spiele auch deshalb ins Land holte, um nicht mehr in den Alpen Ski fahren zu müssen. Er will sein eigenes Courchevel haben. Und das am besten in der Nähe seiner Datscha in Sotschi, dem russischen Saint-Tropez am Schwarzen Meer.
Im Notfall Putin direkt fragen
Die 6 Milliarden Dollar für die gigantische Infrastruktur kommen vom Staat. Dazu gehört die Bahnlinie, die den Flughafen Adler (wo sich auch das Olympiagelände der Eissportarten befindet) mit Rosa Chutor verbindet, sie frisst sich schon mit unzähligen Brücken und Tunnels gut sichtbar durch das enge Tal. Um den Skiort, mit allem was dazugehört, kümmert sich mit Wladimir Potanin einer der reichsten Oligarchen des Landes mit seiner Firma Interros. Sein Aufstieg zum Nickel-König und Medien-Zar war wie bei allen russischen Milliardären, die von der Privatisierung nach der Wende profitierten, undurchsichtig. Potanin leitete die Verschleuderung der Staatsbetriebe als Vizepremierminister unter Boris Jelzin selber ein. Russi, der auch Putin kennt und für den äussersten Notfall auch dessen Telefonnummer gespeichert hat, lernte Potanin als äusserst klar denkenden, weltgewandten, zivilisierten Macher kennen. Kein Mann für eines der berüchtigten Wodka-Gelage. Dafür einer, der, inspiriert von Warren Buffet, sein ganzes Vermögen der «Wohltätigkeit» vererben will.
Es schneit, als wir auf dem Parkplatz ankommen. Das ist hier, im subtropischen Klima am Schwarzen Meer, auch im Oktober nichts Aussergewöhnliches, auch wenn zwei Wochen zuvor noch 31 Grad gemessen wurden, das Skigebiet auf der geografischen Breite von Nizza liegt und auf 600 m ü. M. beginnt. Das macht den Schlamm noch tiefer und den Weg zur «Teufelskante» noch beschwerlicher. Atle Skårdal, der FIS-Race-Director der Frauen, sei einmal bis zur Hüfte im Schlamm gesteckt, erinnert sich Russi. Ihn kann nichts mehr erschüttern. Auf der Krete bei der «Teufelskante» hat der türkische Baggerfahrer seine Arbeit vorerst abgeschlossen. Russi sieht sich das Werk an. Stapft hinauf und wieder zurück. Setzt Markierungen mit rot-weissen Bändern. Er wünscht sich eine breitere Krete, damit auch Fahrerinnen, die zu risikobereit sind, nicht in die falsche Richtung abheben, sondern genug Platz für ihre Kurve finden. «Ich sehe es noch nicht ganz», sagt Russi, «aber wir müssen es riskieren. Erst wenn Schnee liegt und eine Piste ausgeflaggt ist, werden wir wissen, ob die Stelle befahrbar ist.» Für den Fall, dass sie es nicht ist, hat er bereits eine Ersatzlösung: «Dann verlegen wir den Start hier auf die Krete, und dann gibt es garantiert kein Problem.» Wieder spricht er sich mit Jan Tischhauser ab.
Wie ein Bildhauer vor einem Marmorblock
Es sind die Stellen wie die «Teufelskante», die Russi faszinieren. Er sucht sie, weil er damit einer Strecke einen Charakter geben kann. Sie sind das Kernstück, wenn er eine Piste baut. Die Herausforderung auf dem langen Weg. Vier weitere heikle Stellen habe er auf der Frauenabfahrt meistern müssen, wohl deren acht waren es bei den Männern. Gewaltige Sprünge gibt es dort. An einigen Stellen könnte der Fahrer bei hundert Metern landen und wäre noch immer im Steilen.
Rosa Chutor ist die 13. Station, in der Russi Olympia- oder WM-Abfahrts-Pisten baut. Er hat viel erlebt in den 25 Jahren. Doch nichts liess sich vergleichen mit der Aufgabe, vor die er in Sotschi gestellt wurde. Als er das Gebiet vor fünf Jahren kennen lernte «war da nichts, einfach gar nichts», wie er sagt, «keine Strasse im Tal, kein Weg in den Bergen». Er musste sich gefühlt haben wie ein Bildhauer vor einem Marmorblock.
Er stand oder sass vor einer Karte des 1937 Quadratkilometer grossen Sotschi-Nationalparks, der an das 2633 Quadratkilometer grosse, von der Unesco zum Weltkulturerbe ernannte Kaukasus-Naturreservat grenzt (zusammen ergibt das eine Fläche, die einem Neuntel der Schweiz entspricht). Hier leben 250 verschiedene Wirbeltierarten. Die Wisente, die schon fast ausgestorben waren, gehören wie Wolf, Bär und Luchs dazu. Der Leopard soll dank Olympia wieder angesiedelt werden. Zum Maskottchen der Spiele hat er es bereits geschafft. Die Olympiamacher von Sotschi 2014 legen, wenigstens in der eigenen Wahrnehmung, grossen Wert auf Umweltschutz und Nachhaltigkeit. OK-Präsident Dimitri Tschemischenko verspricht eine Anlage in «Harmonie mit der Umwelt» und als Resultat davon «freien Zugang zu den Naturschätzen für die ganze Welt».
Russis Weigerung
In der Praxis hiess das für Russi: Die Pisten sollten harmonisch ins Gelände geschlagen werden. Gerodet wird so viel wie nötig und so wenig wie möglich. Ursprünglich wurde von ihm verlangt, den Verlauf der Pisten auf der Karte einzuzeichnen. «Sie hatten im FIS-Reglement nachgeschaut, wie breit eine Piste sein muss», sagt Russi. «Das sind 30 Meter für die Abfahrten, 40 Meter für die Riesenslaloms. Und genau soviel wollten sie mithilfe der Zeichnung ausholzen. Keinen Baum mehr.»
Russi weigerte sich, erklärte ihnen, dass er zwar gewisse Linien auf der Karte einzeichnen könne, dass eine Abfahrt aber am Berg gebaut werde. Und dass er mehr Platz brauche. Er muss sie überzeugt haben. Sie stellten ihm einen Helikopter zur Verfügung, einer der grossen, wie es sie nur in Russland gibt. «Wir sind mit hinaufgeflogen», erzählt Russi, «es war neblig und der Heli konnte nicht landen. Also liess ich mich mit einer Leiter auf den Boden bringen. Sie war zu kurz, sodass ich zuletzt an der untersten Sprosse hing und mich fallen lassen musste.»
Von den 25 Leuten, die mitgeflogen waren, fassten sich zwei ein Herz und begleiteten ihn. Fünf Stunden später war das Trekking-Abenteuer im nebligen Urwald überstanden. Das Olympiaabenteuer konnte beginnen. Russi bei den Russen. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 09.11.2011, 16:11 Uhr
Kommentar schreiben
Verbleibende Anzahl Zeichen:
17 Kommentare
Ich verstehe nicht, wieso das IOC die Spiele nach Sotschi vergab, wenn da bisher nur Natur, sogar ein UNESCO-Weltkuturerbe vorhanden war. Immer dieselbe Leier: Geld
Aus meiner Sicht, muss ich sagen, hoffentlich kommen keine Winterspiele nach Graubünden, wie es sich manche Politiker wünschen. Ich sehe darin keinen wirklichen Gewinn.
Antworten

Bitte warten





