Wissen

Das traurige Schicksal der Eintagsküken

Von Barbara Reye. Aktualisiert am 08.04.2012

Millionen von männlichen Küken müssen sterben, damit die Haltung von Legehühnern lukrativ ist. Um das Töten zu verhindern, arbeiten Forscher an einer Geschlechtsbestimmung im Hühnerei.

Nur weibliche Küken sind gut für das Eiergeschäft. (Foto: Gesa Lüchinger)

Nur weibliche Küken sind gut für das Eiergeschäft. (Foto: Gesa Lüchinger)

Artikel zum Thema

Korrektur-Hinweis

Melden Sie uns sachliche oder formale Fehler.

Dicht an dicht gedrängt schlüpfen Küken in grossen Brütereien jeweils nach genau 21 Tagen aus ihrem Ei. Weil männliche Tiere in der Legehennenhaltung unerwünscht sind, werden sie, kaum auf der Welt, sofort aussortiert und in einem Container mit Kohlendioxid betäubt und dann getötet.

Der Grund: Eine Hühnerlinie mit guter Eierleistung setzt nicht Fleisch an, wie sich der Konsument das vorstellt. Die männlichen Küken eignen sich somit auch nicht für die Mast. «Allein in der Schweiz werden deshalb jedes Jahr fast zwei Millionen männliche Küken getötet», sagt Ruedi Zweifel vom Aviforum in Zollikofen. Einschliesslich des Biosektors, der es nicht anders mache.

Brüder der Legehennen

«Es ist tragisch, aber Hähne aus hoch spezialisierten Legehennenlinien will heutzutage niemand haben», betont Maria Krautwald-Junghanns von der Universität Leipzig. Dies sei ein Problem des Tierschutzes mit gesellschaftspolitischer Tragweite. Denn es handle sich dabei um völlig gesunde Tiere, für die man einfach wegen ihres Geschlechts kein geeignetes Nutzungsziel habe, mit dem sich Gewinn machen lasse.

Um in Zukunft nicht mehr alle Eier bis zum Schlüpfen zu bebrüten und vor allem das Töten der Eintagsküken zu vermeiden, versucht ein interdisziplinäres Team aus sieben Forschungseinrichtungen gemeinsam mit einem grossen Tierzuchtunternehmen unter der Leitung von Krautwald-Junghanns, bereits im Hühnerei eine Geschlechtsbestimmung zu machen.

Hormontest im Ei

Dabei entnehmen Experten am achten Bebrütungstag aus dem embryonalen Harnsack etwas Flüssigkeit und bestimmen den Gehalt des Hormons Östradiol, das sich zu dem Zeitpunkt nur beim weiblichen Tier nachweisen lässt. Danach trennt man die Eier nach Geschlecht. Und nur die zukünftigen Legehennen kommen wieder in den Brutschrank, während man die männlichen Embryonen sich erst gar nicht weiterentwickeln lässt.

Obwohl sich bei Versuchen mit ein paar Hundert automatisch beprobten Eiern bei den Weibchen später sogar eine gute Schlupfrate erzielen liess und gesunde Legehennen heranwuchsen, muss die Methode sich nun auch in einem Grossbetrieb mit bis zu 100'000 Küken pro Schlupftag bewähren. Dazu müssen Geräte aber zuerst entwickelt werden, die die befruchteten Eier aus dem Brutwagen nehmen, präzis anstechen, minimale Mengen der Flüssigkeit herausholen und danach untersuchen.

Eine Legehenne produziert während 12 bis 15 Monaten etwa 280 bis 320 verkaufsfähige Eier.

«Der Nachteil dabei ist», so Krautwald-Junghanns, «dass man zwar keine männlichen Küken mehr töten muss, aber dennoch Embryonen sterben lässt.» Auch wenn man wisse, dass sie in diesem Entwicklungsstadium vermutlich noch keine Nerven ausgebildet haben und sie somit auch keinen Schmerz empfinden könnten, sei dies ethisch bedenklich. Hinzu käme, dass man das Ei auch nicht als Lebensmittel verwerten könne. Schliesslich wolle hierzulande keiner einen gekochten Embryo essen.

Keine Wegwerfware mehr

Damit man das befruchtete Hühnerei noch irgendwie verwerten kann und es kein Abfallprodukt ist, arbeiten die Forscher gleichzeitig auch an einer Geschlechtsbestimmung am Tag null, also bevor es in den Brutschrank kommt und beginnt, sich zu entwickeln. «Ohne Bedenken könnte die Industrie es dann noch zum Beispiel in Teigwaren verarbeiten», erklärt die Leipziger Wissenschaftlerin. Doch dieses Verfahren sei noch aufwendiger als das andere, aber durchaus möglich.

Auch hier muss zuerst ein kleines, wenige Millimeter grosses Loch mithilfe eines Lasers in die Kalkschale gebohrt werden. Im zweiten Schritt wird die Keimscheibe, aus der sich später dann der Embryo entwickelt, mit einem bildgebenden Verfahren berührungsfrei lokalisiert. Zumeist liegt sie auf der Oberfläche der Dotterkugel und richtet sich normalerweise zum höchsten Punkt des Eies aus. Mithilfe der Infrarotspektroskopie lässt sich dann der unterschiedliche DNA-Gehalt der Zellen der Keimscheibe messen, die bei weiblichen Zellen leichter sind.

Höchstleistung durch Zucht

«Kein anderes Lebewesen wird so intensiv gezüchtet wie das Huhn», sagt Krautwald-Junghanns. Während ein Huhn früher leicht mehr als 10 Jahre alt werden konnte und rund 80 bis 90 Eier pro Jahr legte, haben sich die Zeiten in den vergangenen Jahrzehnten deutlich geändert. So werden die weiblichen Tiere einer Legehennenlinie nach knapp einem halben Jahr Aufzucht etwa 12 bis 15 Monate als Legehennen genutzt. In dieser Zeit produzieren sie rund 280 bis 320 verkaufsfähige Eier. Danach werden sie geschlachtet oder «entsorgt».

«Die Eierproduktion ist ein Geschäft, das sich vor allem nach Kundenwünschen richtet», sagt Zweifel. Bis Ostern herrsche Hochbetrieb, danach würden viele Bauern ihre Ställe räumen, da ältere Legehennen zu grosse Eier mit schlechterer Schalenqualität legten. Wenn man keine Käufer finde, um sie als Suppenhuhn zu verwenden, komme auch hier eine mobile Gasanlage zum Einsatz, die gleich vor Ort die Althennen tötet. Pro Tier koste das den Produzenten 85 Rappen bis 1 Franken.

Fleisch verwerten

Allerdings hat in der Schweiz ein Umdenken stattgefunden. Der vor vier Jahren gegründete Verein Gallo Circle setzt sich dafür ein, dass das Fleisch von ausgedienten Legehennen verstärkt wieder als Lebensmittel verwendet wird und nicht nur als Rohstoff in einer Biogasanlage landet. Mit Erfolg: Während 2009 noch 80 Prozent der Hennen einfach «entsorgt» wurden, würden jetzt bereits wieder mehr als 60 Prozent für die Fleischproduktion genutzt. «Auch das Fleisch von Hähnen der Legehennenlinie ist übrigens absolut einwandfrei», sagt der Schweizer Geflügelexperte Zweifel. Geschmacklich sei es feinfaserig und zart, aber optisch seien die Schlachtkörper mit langen, dünnen Beinen und spitzer Brust unansehnlich und deshalb unverkäuflich.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.04.2012, 16:03 Uhr

0

Kommentar schreiben

Verbleibende Anzahl Zeichen:

No connection to facebook possible. Please try again. There was a problem while transmitting your comment. Please try again.
Noch keine Kommentare

Populär auf Facebook Privatsphäre