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«Der Alpenraum darf nicht mehr nur als Randregion angesehen werden»
Von Urs Fitze. Aktualisiert am 14.06.2011 8 Kommentare
Werner Bätzing
Kämpfer für die Alpen
Der 62-jährige Werner Bätzing ist Professor für Kulturgeographie an der Universität Erlangen. Er studierte erst Theologie und stieg als Quereinsteiger mit Zweitstudium in Geographie in die Alpenforschung ein. Seine Analysen zur Entwicklung des Alpenraumes brachten ihm zahlreiche Auszeichnungen. Sein Buch «Die Alpen» wurde mehrfach ausgezeichnet und gilt heute im deutschsprachigen Raum als Standardwerk. Im Rotpunktverlag wurde zudem das Buch «Orte guten Lebens» veröffentlicht. Es vereint Aufsätze aus den Jahren 1978 bis 2008.
Alpenkonvention
Vertrag mit ungewisser Zukunft
Das «Übereinkommen zum Schutz der Alpen» wurde vor 20 Jahren am 7. November 1991 von den Alpenstaaten unterschrieben. Es sollte den Grundstein zu einer gemeinsamen europäischen Alpenpolitik legen. Der Vertrag betrifft rund 13 Millionen Menschen, etwa 30'000 Tiere und 13 000 Pflanzenarten sowie das höchste Gebirge Europas. Ziel ist, mit gemeinsamen Regeln die Ansprüche der Alpenstaaten in nachhaltige Bahnen zu lenken, sei es, um negative ökologische Entwicklungen zu bremsen, um die Wirtschaft in den Tal- und Bergregionen zu fördern und eine soziale Balance zwischen Zentrum und Peripherie zu finden. Das Abkommen besteht aus einer Rahmenkonvention mit acht Protokollen, die festlegen, wie diese Ziele etwa in der Berglandwirtschaft, im Tourismus, im Bodenschutz oder im Verkehr zu erreichen sind. Allerdings blieb das Übereinkommen bisher ein Papier ohne grosse Wirkung. Erst fünf von neun Vertragsparteien haben alle Protokolle ratifiziert: Österreich, Deutschland, Frankreich, Liechtenstein und Slowenien. Die EU und Monaco haben einzelne, die Schweiz und Italien gar keine Protokolle ratifiziert. Dieses und nächstes Jahr hat die Schweiz die Präsidentschaft der Konvention inne. (ml)
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Die Alpen entsiedeln sich, in immer mehr Tälern wird die Landwirtschaft aufgegeben. In der Schweiz gibt es Stimmen, die von «alpinen Brachflächen» sprechen und diese aus wirtschaftlichen Gründen aufgeben wollen. Ist das der richtige Weg?
Das wäre ein grosser Fehler. Wer von Brachflächen spricht, hat nicht verstanden, worum es geht. Die Alpen sind eine seit Jahrtausenden vom Menschen intensiv genutzte Kulturlandschaft. Wenn jetzt die landwirtschaftliche Nutzung zu grossen Teilen aufgegeben wird, so lässt sich dieser Prozess nicht aufhalten, so lange nach marktwirtschaftlichen Massstäben gedacht wird und die Öffentlichkeit in peripheren Regionen keine Entwicklungschance sieht. Ein Rückzug aus solchen Gebieten birgt grosse Risiken. Wer die Natur nach der Aufgabe der Bewirtschaftung in den Alpen einfach sich selber überlässt, nimmt damit auch dynamische Umwandlungsprozesse wie Verbuschung und Verwilderung in Kauf, die sehr rasch durchaus katastrophale Folgen haben könnten.
Zum Beispiel?
Die Hochwassergefahr kann steigen, die Zahl der Murengänge und Lawinen. Die Erosion kann sich verstärken.
Wie gross ist der kulturelle Verlust, wenn die Entleerung des Alpenraums nicht gestoppt wird?
Wenn sich die Entwicklung ungebremst fortsetzt, dann wird die kleinräumige kulturelle Vielfalt in Europa deutlich zurückgehen, und es werden sich relativ gleichförmige städtische Strukturen durchsetzen. Der Einfluss der grossen ausseralpinen Metropolen wie Wien, München, Zürich oder Genf auf die Alpen wird weiter wachsen, und die angrenzenden Alpenregionen werden zu Erholungs- und Vergnügungsräumen dieser Metropolen umstrukturiert.
Das heisst, wir müssen mit einer Verstädterung der Alpen rechnen?
In den Alpen wird das Wachstum der Alpenstädte und die Verstädterung der Tallagen weiterhin zunehmen, der Tourismus wird auf hohem Niveau stagnieren, sich dabei aber immer stärker auf wenige grosse Tourismuszentren konzentrieren. Die Landwirtschaft wird weiterhin stark zurückgehen, zahlreiche dezentrale Arbeitsplätze an peripheren Standorten werden verschwinden. Damit zerfallen die Alpen in einen kleineren Teil, etwa ein Drittel der Alpenfläche, zu dem gut erreichbare Tallagen gehören und das stark verstädtert und dabei immer stärker in den direkten Einflussbereich der ausseralpinen Metropolen gerät. Ein grosser Teil wird der eigentliche Gebirgsraum sein, der menschenleer wird.
Aber man kann aus der Not auch eine Tugend machen, aus Brachflächen werden Nationalparks, vor menschlichem Zugriff geschützt und mit touristischem Potenzial. Viele Naturschützer plädieren dafür.
Ich nicht. Dahinter steckt für mich ein kolonialistisches Denken von Städtern gegenüber der Landbevökerung. In den Vereinigten Staaten taten die Gründer der ersten Nationalparks Ende des 19. Jahrhunderts so, wie wenn sie es mit einer Wildnis zu tun hätten. Dabei ignorierten sie einfach, dass die Ureinwohner hier schon seit Jahrtausenden lebten und wirtschafteten. In den Alpen ist es nicht anders. Es gibt schlicht keine unberührte Wildnis mehr in den Alpen. In Europa wurde die Natur immer genutzt, dabei musste aber die Nutzung so gestaltet werden, dass die Natur durch die Nutzung nicht zerstört wurde. Ein gutes modernes Beispiel dafür sind die Biosphärenreservate wie etwa im Entlebuch.
Dann möchten Sie zurück in die Vergangenheit?
Nein, keineswegs. Ich bin kein Nostalgiker, auch wenn ich den Leistungen der Vorväter höchsten Respekt zolle. Aber wir müssen zur Kenntnis nehmen, dass das, was sich derzeit in den Alpen abspielt, einen Bruch darstellt, der sich vergleichen lässt mit der Besiedlung des Alpenraumes in der Jungsteinzeit, als es nach der Zeit der Jäger und Sammler zu einer bäuerlichen Nutzung kam.
Welche Lösung schlagen Sie vor?
Mein Konzept heisst ausgewogene Doppelnutzung. Ich meine damit einerseits die Entwicklung einer auf regionale Ressourcen ausgerichteten Produktion mit hoher Wertschöpfung, seien dies Lebensmittel, Holz oder Energie. Andererseits braucht es auch die Nutzung alpiner Ressourcen wie der Wasserkraft zum Verkauf ins Unterland und natürlich die Landschaft, die es auch für eine Entwicklung eines nachhaltigen Tourismus unbedingt zu erhalten gilt. Daneben sehe ich einiges Potenzial im Aufbau von standortunabhängigen Internet-Arbeitsplätzen im Dienstleistungsbereich, die nicht zwingend in einer Metropolregion angesiedelt sein müssen. Und das Wichtigste: Der alpine Raum darf nicht mehr nur als Randregion der jeweiligen Nationalstaaten oder von grossen Metropolen angesehen werden. Wir brauchen ein politisches alpines Bewusstsein mit einer organisatorischen Grundlage als Grossregion.
Sie meinen die Alpenkonvention, mit der sich die Anrainerstaaten erstmals zu einer gemeinsamen Alpenpolitik verpflichtet haben?
Das ist eine sehr positive Entwicklung, weil die zentralen Probleme und Herausforderungen einer peripheren Region nur gemeinsam zu lösen sind.
Die Schweiz weigert sich aber hartnäckig, die Durchführungsprotokolle zu ratifizieren …
Leider. Da macht der Schweizer Föderalismus der Entwicklung einer international koordinierten Alpenpolitik einen Strich durch die Rechnung. Kantone wie Graubünden oder Glarus, die es vorziehen, lieber mit der nahen Grossstadt Zürich statt mit ihren alpinen Nachbarn zu kooperieren, erweisen einer gemeinsamen Alpenidentität einen Bärendienst.
Das ist doch nachvollziehbar?
Nein. Der Handlungsspielraum der Alpenkantone vergrössert sich bei einer aktiven Nutzung der Möglichkeiten der Alpenkonvention, und er verringert sich durch die enge Kooperation mit einer starken ausseralpinen Metropole. Gemeinsame Regeln zum Beispiel zu Beschneiungsanlagen würden den nicht nachhaltigen Konkurrenzkampf unter den Regionen verhindern. München etwa zwingt mit der Kandidatur für die Olympischen Winterspiele 2018 in Garmisch-Partenkirchen dieser Region städtische Interessen auf. Ich befürchte, dass nach den Spielen der Standort als Vergnügungsraum der Städter weiter ausgebaut wird.
Die EU verfolgt den Ansatz der «Makroregion Alpen» und hat damit den Alpenraum im Gegensatz zur Alpenkonvention weiter gefasst. Stützt die EU damit nicht solche Entwicklungen?
Ja – das sehe ich mit Sorge. Die Leitidee der Makroregion ist zwar für Europa sehr wichtig, um Regionen zu stärken, die durch staatliche Grenzen zerschnitten werden, die aber gemeinsame Probleme, jedoch auch Chancen haben. Aber die Gebiete müssen auf den räumlichen Perimeter gemäss Alpenkonvention beschränkt werden, weil sonst sehr ungleiche Gebiete zusammengefasst werden.
Ist in der Schweiz eine ähnliche Entwicklung zu beobachten?
Die Schweiz hat wegen ihrer föderalen Struktur beide Entwicklungen, entsiedelte Täler etwa im Tessin oder verstädterte Tourismuszentren wie Davos. Und es ist trotz Subventionen nicht gelungen, den Niedergang der Landwirtschaft aufzuhalten. Man kann von einer verzögerten Entwicklung sprechen. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 13.06.2011, 21:05 Uhr
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8 Kommentare
Das Gegenteil ist doch der Fall, in den Alpenregionen kämpfen viele Bauern um jeden Quadratmeter Land, den sie bearbeiten bzw. für ihrem Hof hinzukaufen möchten. Ûnd es gibt eine lange Liste von gut ausgebildeten jungen Bauern, die gerne einen Hof möchten und keinen finden, weil nichts frei wird (dank Subventionen ist Bauern sehr einträglich, sonst stünden längst x Bauernhöfe günstig zum Verkauf Antworten
Auf Kulturland wären wir ja eigentlich angewiesen zur Ernährung der Bevölkerung (pro Sekunde 1,2 Quadratmeter verbaut). Aber lieber überbauen wir alles und holen 2,5 Millionen neue Bewohner in die CH (Prognose Bund, höchste Einwanderungsquote der Welt). Folge ist eine noch stärkere Bautätigkeit (heute schon Rekord). Gewerkschaften möchten dies noch forcieren (fordern 100'000 zusätzliche Wohnungen) Antworten

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