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Der Mann, der die Welt retten will, dies aber nicht darf

Von Matthias Meili. Aktualisiert am 15.07.2010 4 Kommentare

Ingo Potrykus hat vor zehn Jahren einen Gentech-Reis entwickelt, der tausende Menschen vor Mangelernährung bewahren sollte. Doch die Hoffnung auf schnelle Hilfe hat sich zerschlagen. Heute kämpft der Gentechnologe um sein Lebenswerk.

Projekt «goldener Reis»

Zusammen mit dem Freiburger Biochemiker Peter Beyer hat Ingo Potrykus den «goldenen Reis» von 1992 bis 1999 entwickelt. Das Ziel des Projektes war von Beginn weg, den Vitamin-A-Reis an arme Bauern in Entwicklungsländern, in denen Reis die Nahrungsgrundlage ist, gratis abzugeben.

Nach dem wissenschaftlichen Durchbruch hatte der Agromulti Syngenta das Projekt unterstützt, indem er alle hängigen Patentfragen löste. Bis 2005 führte der Basler Konzern den Gentech-Reis als kommerzielles Projekt weiter. Um die Zulassungsbedingungen zu erfüllen, musste der Reis praktisch neu entwickelt werden. So mussten etwa die Antibiotika-Resistenzgene entfernt werden. Mit neuen Genen aus Mais konnte die Pro-vitamin-A-Ausbeute massiv gesteigert werden. Doch dann gab Syngenta das Projekt wieder auf und schenkte alle Entwicklungen den Forschern um Ingo Potrykus, die das Vorhaben nun als humanitäres «Golden Rice»-Projekt weiterführen. Geblieben ist ein Lizenzvertrag, unter dem der «goldene Reis» an Kleinbauern, die nicht mehr als 10 000 Dollar im Jahr verdienen, gratis abgegeben werden kann. Ingo Potrykus ist Vorsitzender des Vorstandes, der die Anstrengungen der weltweit 16 Institutionen, die in das Projekt involviert sind, koordiniert.

Zurzeit laufen letzte Züchtungsarbeiten, bei denen der Gentech-Reis in passende lokale Sorten eingezüchtet wird, sowie sogenannt sozio-ökonomische Studien, mit deren Hilfe die Anwendung, die Auswirkungen und die Akzeptanz der Methode untersucht und optimiert werden. Einen grossen Teil der Finanzen steuert die Bill-Gates-Stiftung bei. Für 2012 ist die erste Aussaat auf den Philippinen geplant. 2013 soll Bangladesh folgen, ein Jahr später Indien. Vietnam, China, Indonesien. Kambodscha, Laos und Burma sind die nächsten Zielländer. (mma)

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Gentechpionier Potrykus mit ausgestopfter Schleiereule. (Dominique Meienberg)

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Die einen sehen in ihm den Mann, der die Welt von einem der grössten Ernährungsprobleme befreien kann. Für andere pfuscht Ingo Potrykus dem Herrgott schamlos ins Handwerk. Der Pflanzengentechnologe hat in seinen Labors an der ETH Zürich eine Reispflanze konstruiert, deren Körner im Gegensatz zu natürlichem Reis Provitamin A enthalten, einen Vorläufer des lebenswichtigen Vitamin A. Der «goldene Reis», sogenannt wegen seiner gelblichen Körner, sollte Millionen Menschen in Entwicklungsländern vor dem fatalen Vitaminmangel bewahren. 1999 präsentierte Potrykus sein Werk der Öffentlichkeit. Der Triumph war gross. Heute ist der Gentechreis immer noch das, was er schon damals war: ein grosses Versprechen.

Ingo Potrykus bewohnt ein einfaches Reiheneckhaus in Magden, einem kleinen Ort nicht weit von Basel. Ein stattlicher Mann mit weissem Bart öffnet die Tür. Er scheint alle Zeit der Welt zu haben. Das Wohnzimmer ist voll von Erinnerungsstücken aus 50 Jahren Familienleben. In der Ecke fällt eine fachmännisch ausgestopfte Schleiereule auf. Potrykus erzählt, wie er mit seiner Frau in der Camargue unterwegs war, als der Vogel mitten auf der Strasse lag – ein Verkehrsopfer. «Einen toten Vogel lässt man nicht liegen», sagt der Hobbyornithologe.

Hoffnungsvoller Beginn

Die Vogelbeobachtung ist Potrykus’ Leidenschaft seit seiner Jugendzeit. Aber eigentlich hat er gar keine Musse für sein Hobby, obwohl der 76-jährige Gentechpionier seit zehn Jahren pensioniert ist. «Ich beschäftige mich Tag und Nacht mit dem ‹goldenen Reis›», sagt Ingo Potrykus nachdenklich. «Besser gesagt: Das Projekt beschäftigt mich, es frisst mich auf mit Haut und Haar.»

Eigentlich hätte die Frucht seiner Arbeit spätestens drei Jahre nach dem Durchbruch auf dem Feld der Bauern sein sollen – also 2002. Diese Zeit braucht es, um aus dem Laborreis eine fertige Sorte zu züchten. Doch der Reis steckt heute noch in der Pipeline, die erste Abgabe an die Bauern ist erst für 2012 geplant (siehe Kasten).

Der Gentechreis war Anfang dieses Jahrtausends die grosse Hoffnung der grünen Gentechnologie für eine humanitäre Landwirtschaft, die Antithese zu Agrobiotechpflanzen von Megakonzernen wie Monsanto oder Syngenta. (SYT 63.85 -0.22%) Er wurde an einer öffentlichen Hochschule, der ETH Zürich, entwickelt, mit öffentlichem Geld, und er hätte an die Kleinbauern verteilt werden sollen. Gratis. Erstmals war eine Pflanze entwickelt worden, die nicht einfach ein Resistenzgen gegen Schädlinge enthielt, sondern einen Nutzen für die Konsumenten versprach. Das Ziel schien nahe.

Widerstand von Greenpeace

Doch von Anfang an wehte dem Projekt ein rauer Wind entgegen. Greenpeace organisierte eine Pressekonferenz, auf der Benedikt Haerlin, der damalige internationale Kampagnenkoordinator, den Nutzen des «goldenen Reises» anzweifelte. Um den nötigen Tagesbedarf an Vitamin A zu decken, sagte Haerlin, müsste ein Kind neun Kilo gekochten Gentechreis täglich essen – und er schüttete diese Menge vor sich auf den Tisch. Ingo Potrykus lächelt flüchtig beim Gedanken an diese Episode. «Er war zuvor einen Tag lang bei mir im Labor, wir hatten ein interessantes Gespräch», erinnert sich Potrykus. «Aber geholfen hat es offenbar nicht.»

Der Streit ging darum, wie effizient der menschliche Körper das Provita-min A aus dem «goldenen Reis» in wirksames Vitamin A umwandeln könnte. Die genaue Rate war damals noch nicht bekannt. Neue Studien haben gezeigt, dass die Umwandlungsrate heute genügend hoch ist, um mit üblichen Reisportionen den Tagesbedarf an Vitamin A selbst bei Kindern zu decken.

Haerlin, heute als Leiter des Büros Berlin der Zukunftsstiftung Landwirtschaft tätig, gibt zu, dass ihn der «goldene Reis» in ein Dilemma gestürzt hat. «Auf den ersten Blick war dies ein Projekt mit sozialem Nutzen. Es ist logisch, dass wir dieses anders bewerteten als eine herbizidresistente Pflanze für Monokulturen, die nur Monsanto dient.» Doch Haerlin kam zum Schluss, das Projekt zu bekämpfen. «Ich sehe es als Propagandaprojekt der Industrie an», sagt Haerlin. «Es ist eine eindimensionale Lösung, die mit technischen Mitteln ein gesellschaftliches Problem angeht.»

Ingo Potrykus empören solche Sätze noch heute. «Und wenn man mit einer technischen Methode Leben retten kann, was spricht dagegen?» Natürlich gibt es noch eine Reihe anderer Ansätze für das Vitamin-A-Problem. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) etwa verteilt jährlich für bis zu 100 Millionen Dollar Vitamin-A-Kapseln an die Ärmsten. Dies ist jedoch ein Tropfen auf den heissen Stein. Denn noch immer sterben laut WHO 6000 Kinder täglich an den Folgen dieser Mangelernährung. Vitamin A ist auch reichlich in Obst und grünem Gemüse enthalten. Doch dazu haben viele Menschen, vor allem in den Metropolen der Dritten Welt, keinen Zugang.

«Das kann ich nicht wegstecken»

Im oberen Stock seines Hauses hat Potrykus ein Kinderzimmer zum Büro gemacht. Akribisch sammelt er Daten, listet Studien und Argumente auf, die für den «goldenen Reis» sprechen. In Vorträgen an Hochschulen und bei Politikern wirbt er für «seinen» Reis. Im Hörsaal tritt er bestimmt, ja missionarisch auf. Er spricht leise, aber er lässt keine Gegenargumente zu, «weil es keine wissenschaftlichen Gegenargumente gibt», wie Potrykus sagt. Gentechnologie im Pflanzenbau ist seiner Meinung nach risikoärmer als konventionelle Züchtung, bei der oft radioaktive Strahlung oder giftige Substanzen benutzt werden, um Mutationen zu erzeugen. Doch für Potrykus steht mehr auf dem Spiel als eine akademische Diskussion um Risiken und Nutzen der Gentechnologie. «Eine Studie von 2006 hat gezeigt, dass der ‹goldene Reis› allein in Indien jährlich 40 000 Kinder retten könnte», sagt er. «Stellen Sie sich vor, was das heisst. Das kann man einfach nicht wegstecken.»

Enorme Strahlkraft

Ingo Potrykus ist es ernst, bitterernst: «Gentechnologie ist für mich kein Sandkastenspiel. Ich wollte damit etwas schaffen, was der Menschheit nützt.» Potrykus wurde 1933 in der schlesischen Stadt Hirschberg geboren, die heute in Polen liegt. Er erlebte eine glückliche Jugend und streunte mit seinem jüngeren Bruder in den Wäldern herum. Doch kurz vor Kriegsende musste die Familie vor der heranrückenden Roten Armee fliehen. Sein Vater starb in dieser Zeit, und alles Hab und Gut ging verloren. «Die Entbehrungen von damals sind sicher ein Grund, dass ich mit meiner Arbeit die Probleme der Welternährung angehen wollte», sagt Ingo Potrykus.

Als Wissenschaftler ist der ehemalige Biologie- und Sportlehrer ein Spätberufener. Potrykus war schon über 50, als er 1986 an die ETH Zürich kam. Er brachte die ingenieurmässige Gentechnologie mit, erhielt viel Laborfläche und teure Gerätschaften. Von den Studenten und in der Bevölkerung schlug ihm eine Woge des Widerstands entgegen. Kaum einer setzte damals einen Pfifferling auf die Pflanzengentechnologie. Doch die Forscher hatten Hoffnung.

Mit Eisen angereicherte Reissorten, eine Cassava mit mehr Zink, Maniok mit besonders vielen Proteinen – Ingo Potrykus hatte viele weitere Projekte. «Alle diese Projekte mussten aufgegeben werden, weil keine Unterstützung da war. Die Gentechnologie bei Pflanzen zählte nichts mehr, in der Öffentlichkeit nicht, aber auch nicht in der Forschungsförderung.» Am Gentechreis aber hat Potrykus festgehalten. «Der ‹goldene Reis› ist ein Projekt mit einer enormen Strahlkraft», sagt er. «Sobald er kommt, wird er das riesige Potenzial der Gentechnologie für die Ernährung beweisen.» Zu Hause kann Ingo Potrykus sich selber sein. Hier kann er mit seiner Frau Inge, die er vor fast 60 Jahren auf einer Vogelexkursion kennen lernte, den kleinen Garten pflegen. Hier muss er nicht kämpfen, muss nicht stolz sein. Das Wissenschaftsmagazin «The Scientist» zählte ihn zu den hundert wichtigsten Biotechnologen aller Zeiten. Das amerikanische Nachrichtenmagazin «Time» brachte ihn auf der Titelseite. «Ich bin wohl der einzige Pflanzenwissenschaftler, der auf der Titelseite dieses Magazins war», sagt Potrykus, «aber darauf bin ich nicht stolz. Ich werde erst stolz sein, wenn meine Erfindung auf den Feldern ist.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.07.2010, 21:01 Uhr

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4 Kommentare

Richard Hennig

15.07.2010, 18:55 Uhr
Melden 3 Empfehlung

Ich war einer seiner Studenten in Ende der 80er/Anfang der 90er und kann nur eines sagen: "Der Mann ist ein Visionär." Schon damals interesiert ihn mehr die Gentechnologie als Mittel zur Armutsbekämpfung, als damit viel Geld zu machen. Hätte er wie es Benedikt Haerlin sagte nur der Industrie helfen wollen Geld zu machen, hätte er es machen können. Greenpeace ist Ok, aber auch sie machen Fehler. Antworten


Thomas Rudolf

16.07.2010, 11:56 Uhr
Melden 3 Empfehlung

Warum Gentech verseuchtes Reis an die Ärmsten dieser Welt verteilen, wo die Langzeitauswirkungen von Gentech immer noch nicht untersucht sind, wenn täglich ein Rüebli oder ein Apfel die gleiche Wirkung hätte? Wie sagt man so schön: an apple a day keeps the doctor away! Es braucht also Rüebli und Äpfel - Natur pur - kein Gentech Reis. Antworten



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