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Der Turbolachs ist bereit

Von Walter Niederberger, San Francisco. Aktualisiert am 24.09.2010 3 Kommentare

In den USA steht ein transgener Zuchtlachs kurz vor der Zulassung. Strittig ist, ob das Fleisch dieser Tiere in den Läden deklariert werden muss.

Die beiden Lachse sind gleich alt: Raten Sie mal, welcher genmanipuliert ist.

Die beiden Lachse sind gleich alt: Raten Sie mal, welcher genmanipuliert ist.
Bild: Keystone

In der Schweiz verboten: Häufige Kontrollen üblich

In der Schweiz sind Produktion und Verkauf von gentechnisch veränderten Wirbeltieren verboten, sie dürfen nicht einmal bewilligt werden. Diese Bestimmung ist im Gentechnikgesetz in Artikel 9 festgeschrieben und wird gemäss Anne-Gabrielle Wust Saucy, Sektionschefin im Bundesamt für Umwelt, auch streng kontrolliert. In der EU könnten solche Produkte theoretisch bewilligt werden, was angesichts des aktuellen Widerstandes der Bevölkerung derzeit eher unwahrscheinlich ist. (mma)

Die Aquabounty Technologies betätigt sich seit über 20 Jahren als Schöpferin tierischen Lebens. 1989 stellte sie den ersten transgenen Lachs her und legte schon vor 15 Jahren ihr erstes Gesuch für die kommerzielle Nutzung des Fisches vor. Diese Woche ist das Biotech-Unternehmen in Boston seinem Ziel einen grossen Schritt näher gekommen. Experten im Auftrag der Regierung erklärten den Fisch als ernährungsmässig unbedenklich und bezeichneten die Risiken für die Umwelt als überblickbar. Trotz der dezidierten Forderung der Umwelt- und Konsumentenschutzverbände glaubt die Zulassungsbehörde Federal Drug Agency (FDA) gar, den manipulierten Lachs nicht mit einem Gentechlabel versehen zu müssen.

Angepriesen wird der Fisch – ein Atlantischer Lachs – von den Herstellern als wirtschaftliches und ökologisches Wunder. Da in das Erbgut des Tieres das Gen eines Wachstumshormons des Chinook-Lachses von der Westküste eingekreuzt und mit einem Antifrosthormon eines Schellfisches gekoppelt wird, wächst der Fisch doppelt so schnell wie ein wilder Lachs. Statt drei Jahre braucht der «Frankensteinfisch», wie Kritiker ihn nennen, nur 16 bis 18 Monate, bis er die marktreife Grösse erreicht.

Zucht nur auf dem Land

Der wirtschaftliche Vorteil: Lachsfarmen können Tiere schneller hochfüttern und verkaufen, womit sie ihre Anlagen besser auslasten. Allfällige Zusatzkosten für die Nahrung würden durch die effizientere Produktion mehr als wettgemacht, so die Promotoren. Zudem mache der Gentechfisch ökologisch Sinn. Er könnte nämlich in Fischfarmen in den USA gezüchtet werden, statt wie bis anhin mehrheitlich aus Südamerika und Norwegen importiert zu werden.

Die Aquabounty Technologies präsentierte diese Woche detailliertes Forschungsmaterial, das darauf abzielte, die kommerzielle Verwertung des Fisches voranzutreiben. So züchtete das Unternehmen seit 1989 zehn Generationen des Fisches und untersuchte jede einzelne Generation auf genetische Veränderungen. Punkto Geschmack, Vitamin-, Hormon- und Fettgehalt stellten die Forscher keine grossen Unterschiede zu einem wilden Lachs fest; eine Beobachtung, die die FDA weitgehend teilt. Zudem versprach die Gentechfirma, mehrere Schutzvorkehrungen beizubehalten, um ein Auswildern des Lachses zu verhindern.

So sollen die Eier ausschliesslich in Wassertanks im Landesinnern von Panama sowie auf einer Insel in Kanada gezüchtet werden. An die Produzenten selber sollen keine Tiere verkauft werden, sondern nur die Eier von Weibchen, die zudem unfruchtbar gemacht wurden. Sollte ein Gentechlachs entkommen, so könnte er sich nicht fortpflanzen.

85 Prozent aller Lebensmittel sind gentechnisch verändert

Trotz solcher Garantien bleiben zahlreiche Fragen ungeklärt. Zwar sind die Amerikaner gegenüber gentechnisch veränderten Nahrungsmitteln weit weniger skeptisch als die Europäer. Mehr als 85 Prozent der industriellen Lebensmittel enthalten heute in der einen oder anderen Form gentechnisch veränderte Zusätze, ohne dass sie deklariert werden müssten. Dennoch machten Konsumentenschutzvertreter diese Woche klar, dass der Schritt von Gentechsoja hin zu einem Gentechfisch weit grösser sei, als die Lachs-Ingenieure zugeben.

Die Diskussion um die Deklarationspflicht zeigt, wie heikel das Thema ist. Das Gentechunternehmen lehnt eine obligatorische Deklaration des Lachses ab. Ein solches Label komme dem Totenkopfsymbol auf der Giftflasche gleich, argumentiert Aquabounty Technologies. Dies aber sei genau der Punkt, entgegnen die Konsumenten- und Tierschützer. Wer Gentechlachs essen wolle, könne dies tun. Wer aber aus ökologischen oder ethischen Gründen verzichten wolle, müsste dafür eine klare Entscheidungsgrundlage haben.

An neuen Sorten Fisch forschen

Ob der Superlachs auf den Tisch kommt, wird in einigen Monaten definitiv geklärt. Doch ist noch gar nicht völlig klar, ob die FDA abschliessend befinden kann. Sie ist nämlich nur deshalb in den Fall involviert, weil sie auch Veterinärmedikamente regelt, womit der Atlantiklachs einbezogen ist, da er fast ausschliesslich in Zuchtfarmen unter regelmässiger Zugabe von Wachstumshormonen und Antistress-Medikamenten hoch gepäppelt wird.

Skeptiker fordern, dass auch die für eine breitere Umweltschutzwürdigung zuständigen Regierungsstellen einbezogen werden, etwa der US Fish und Wildlife Service. Die FDA erklärte bereits, für ein Gentechlabel keine ausreichende Gesetzesgrundlage zu haben, da «keine substanziellen Veränderungen» zu einem wilden Lachs festzustellen seien. Der abschliessende Befund dürfte grosse Bedeutung erhalten. Die USA wären das erste Land, das ein gentechnisch verändertes Tier zum Konsum freigibt. Dies wäre ein Präjudiz für andere Biotechfirmen auch ausserhalb der USA, die an 18 anderen Fischarten herumwerkeln, um sie schneller gross und fett zu machen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.09.2010, 12:58 Uhr

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3 Kommentare

Ronnie König

24.09.2010, 15:55 Uhr
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Die Auswüchse des Kapitalismus wird uns noch die Zukunft kosten. Dieser Ansatz wäre richtig, wenn es ausschliesslich Festland Aquakulturen wären. Doch beim Deklarieren sollte ein Gentechprodukt ganz klar erkennbar sein. Dies ist erst der Anfang. Und niemand wird Verantwortung übernehmen wenns denn schief läuft, das ist das grosse Problem. Der Fisch an sich wäre ja gut. Antworten


Peter Weierstrass

24.09.2010, 17:00 Uhr
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Dass in den Fisch-Farmen nur unfruchtbare Weibchen heranwachsen sollen, hat nichts mit dem Schutz der wilden Lachse zu tun. Sondern damit, dass ein Fischzüchter für jede "Ernte" neue Eier kaufen muss - gegen viel Geld, versteht sich. So hat der Züchter keine Möglichkeit, "seine" Fische weiterzuzüchten. Antworten