Wissen
«Die Wirtschaft würde aufschreien»
Optimistisch: Gunter Stephan, Klimaökonom (Bild: Walter Pfäffli)
Interaktiv-Box
Stichworte
Gunter Stephan
Gunter Stephan, 57, ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Bern und Vizedirektor des Nationalen Forschungsschwerpunkts Klima.
Herr Stephan, geht es bei der Klimakonferenz in Kopenhagen wirklich ums Klima?
Gunter Stephan: Schon, aber nicht nur. Es ist auch eine Art Weltwirtschaftskonferenz.
Inwiefern?
Klimawandel und Klimapolitik sind Faktoren des Standortwettbewerbs. In den letzten Jahren sind Schwellenländer wie China, Indien oder Brasilien zu den alten Wirtschaftsmächten aufgestiegen und bedrängen nun Europa, die USA und Japan. In den Augen der Aufsteiger nutzen die alten Industrieländer den Klimaschutz zum Teil als Mittel, die aufstrebende Konkurrenz aus dem Süden zu bändigen.
Aber die wissen sich gegen die Klimahürden, die der Norden verordnen will, zu wehren.
Ja, zum Beispiel dadurch, dass sie Gerechtigkeitsaspekte betonen – wir im Süden haben ein Recht auf Wirtschaftsentwicklung wie ihr im Norden. Das ist kein neues, aber ein grosses Problem, wenn man weltweite Reduktionsziele für Treibhausgase festlegen will.
Fast niemand glaubt, dass die Monsterkonferenz in Kopenhagen ein Erfolg wird. Ist es effizient, auf aussichtslosem Weg Klimalösungen zu suchen?
Ich würde hier die Effizienz nicht in den Vordergrund rücken. Wir haben bisher kaum Erfahrungen, wie man aus einer globalen Bedrohung mit so vielen Playern und Interessen Auswege findet. Deshalb ist in der Klimafrage auch der Lernprozess der Konferenz wichtig – sogar, wenn man sich in Kopenhagen nur darauf einigt, in einem halben Jahr eine Nachfolgekonferenz anzuberaumen.
Selbst Ökonomen verweisen auf die wirtschaftlichen Kosten, die sich bis Ende Jahrhundert auftürmen, wenn wir nichts gegen den Klimawandel unternehmen. Klimaschutz ist zwingend. Aber ich halte es für nicht angebracht, einen Masterplan mit sofortigen, sehr einschneidenden Massnahmen umzusetzen. Ich bin für moderate, aber kontinuierliche Schritte in Richtung mehr Klimaschutz. Das bringt langfristig mehr, weil man die Politik und deren Instrumente immer wieder überprüfen und allenfalls neu justieren kann.
Die ewigen kleinen Schritte bewirken doch viel zu wenig.
Wegen des hohen Lebensstandards ist es ein Privileg des Nordens, in dieser Frage ungeduldig zu sein. Apropos kleine Schritte: Da lassen wir heute auch in der Schweiz zu vieles ausser Acht. Warum sind die Motorfahrzeugsteuern nicht nach dem CO2 abgestuft? Warum bieten Gebäudeversicherungen nicht Produkte an, die Investitionen in energieeffiziente Gebäude und andere Vorkehrungen gegen den Klimawandel belohnen?
Akzeptieren wir Klimaschutz nur, wenn damit kein Verzicht verbunden ist?
Das ist nicht die entscheidende Frage. Deutschland hat zusammen mit Dänemark stark in Windenergie investiert und ist heute der grösste Produzent von Windkraftanlagen. Klimaschutz kann Vorteile im Standortwettbewerb bringen und Wirtschaftswachstum erzeugen.
Aber? Der Umbau auf eine klimaschonendere Wirtschaft bedeutet eine Umverteilung von Einkommen sowie den Auf- und Abstieg von Branchen. Es gibt Profiteure, aber auch Verlierer, die sich natürlich wehren und Politiker unter Druck setzen.
Gibt es den Widerspruch zwischen Wirtschaft und Klimaschutz überhaupt?
Nein. Unternehmen kalkulieren genau und sind vor allem angewiesen auf stabile Rahmenbedingungen. Schlecht sind lavierende Politiker. Als die Schweiz von der CO2-Abgabe zurückbuchstabierte zum Klimarappen, gab es Kritik sogar aus einzelnen Industriezweigen, weil die sich schon auf das strengere CO2-Regime eingestellt hatten. Weniger direkt reagieren private Haushalte auf wirtschaftliche Anreize. Als Konsumenten oder Freizeitmenschen im Alltag entscheiden wir nicht nur rational nach Kosten und Nutzen. Hier spielen auch Überzeugungen, Zeitdruck oder die Bequemlichkeit mit.
Was würde passieren, wenn Kopenhagen scheitert?
Wenn kein Nachfolgeabkommen für Kyoto in Sicht käme, würde die Wirtschaft in Europa, den USA und Japan Zetermordio schreien.
Echt? Warum denn?
Die grossen Autokonzerne in Deutschland, in Japan und in den USA etwa haben in den letzten Jahren Milliarden investiert, um den Treibhausgasausstoss zu verringern. Japan hat sich gerade ein Gesetz verordnet, das zu mehr Energieeffizienz verpflichtet und auf das sich die Wirtschaft mit Investitionen ausrichtet. Würde der globale Konsens zum Klimaschutz nun fallen, müsste die Wirtschaft in diesen Ländern erhebliche Investitionen abschreiben. Das wäre eine kleine Katastrophe.
Mit welchen Folgen?
Es ist vielleicht ganz gut, wenn man sich das mal ausmalt. Ich rechne damit, dass dann die EU, Japan und wohl auch die USA eine Koalition bilden – und zwar eine starke Koalition, weil sie nach wie vor die grossen Wirtschaftsmotoren sind. Sie würden wohl die Zusatzregel der Welthandelsorganisation anwenden, gemäss der Güter zusätzlich mit einer Importsteuer belegt werden können, die aus Ländern kommen, die den Klimaschutz missachten. Mit anderen Worten: Die aufstrebenden Schwellenländer verlören ihre Absatzmärkte in den alten Industrieländern.
Was sie verhindern wollen.
Ja. Ich glaube, dass die zwar zaghaften, doch positiven Klimaschutzsignale etwa aus China oder Brasilien in letzter Zeit auch vor dem Hintergrund dieses Szenarios zu verstehen sind.
Sie sind ziemlich optimistisch, was den Fortschritt des Klimaschutzes angeht?
Das bin ich, ja. Aus dem Klimaschutzzug steigen wir nicht mehr aus. Auch aus wirtschaftlichen Gründen.
(Berner Zeitung)
Erstellt: 05.12.2009, 17:56 Uhr







