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Die zehn wichtigsten Fragen zum Klima

Von Martin Läubli. Aktualisiert am 03.12.2009

Im Kampf gegen die globale Erwärmung gibt es Gewinner und Verlierer. Die zentralen Fragen und Antworten vor der Uno-Klimakonferenz in Kopenhagen.

Erwärmt sich die Erde stärker als um 2 Grad, werden in Trockenzonen die Wasserressourcen so knapp, dass nur noch Abwandern hilft.

Erwärmt sich die Erde stärker als um 2 Grad, werden in Trockenzonen die Wasserressourcen so knapp, dass nur noch Abwandern hilft.
Bild: Keystone

Warum wissen Klimaforscher, dass der Mensch hauptverantwortlich ist für die globale Erwärmung?
Die globale Temperatur ist in den letzten 25 Jahren um durchschnittlich 0,19 Grad pro 10 Jahre angestiegen. Das ist keine Laune der Natur. Hauptverantwortlich sei der Mensch, sagt der Uno-Klimarat IPCC. Das können die Forscher heute mit einer Sicherheit von mehr als 90 Prozent sagen. Vor wenigen Jahren war die Aussage der Forscher noch nicht so klar. Doch inzwischen gibt es weltweit mehr Messstationen auf dem Land, Satelliten liefern Daten, auf den Ozeanen Bojen und Schiffe. Klimaarchive wie Eisbohrkerne, Sedimentschichten, Baumjahrringe, Gletscher und Korallen geben Auskunft, wie das Klima früher war. So erfahren wir von den Klimaarchiven: Die letzten 60 Jahre sind die wärmste Periode auf der Nordhemisphäre in den letzten 1300 Jahren.

Die Konzentration der Treibhausgase Kohlendioxid(CO2), Methan(CH4) und Lachgas (N2O) sind seit 1750 massiv angestiegen. Ihre Werte waren noch nie so hoch in den letzten 800 000 Jahren vor der Industrialisierung. Die Klimamodelle sind dank schnelleren Computern bedeutend besser geworden. Sie können heute den gemessenen Temperaturverlauf seit 1850 zuverlässig nachbilden. Und sie zeigen: Die natürlichen Faktoren, Sonnenstrahlung und Vulkanausbrüche, haben einen Einfluss auf die Erderwärmung, doch entscheidend in den letzten Jahrzehnten waren die zusätzlichen Treibhausgase aus Verkehr, Haushalt und Industrie.

Trotzdem gibt es wärmere und kühlere Jahre, das gehört zu den natürlichen Schwankungen. Aber der langfristige Erwärmungstrend ist eindeutig. Und noch ein Indiz gibt es, das den Menschen als Täter entlarvt: Während sich die unterste Atmosphärenschicht erwärmt, kühlen sich die höheren Schichten ab, wie das aufgrund des Treibhauseffektes zu erwarten ist. Wäre hingegen die Sonne verantwortlich, müssten auch die höheren Schichten wärmer werden. Übrigens: Die Wirkung von CO2 als Treibhausgas hat der schwedische Nobelpreisträger Svante Arrhenius bereits 1896 erkannt.

Wie können die CO2-Emissionen des Menschen eine globale Erwärmung auslösen?
Das kurzwellige Sonnenlicht wird an der Erdoberfläche in langwellige Wärmestrahlen verwandelt. Deren Wärmeleistung beträgt etwa 240 Watt pro Quadratmeter. Das reicht allerdings nur für eine durchschnittliche jährliche Erdtemperatur von minus 19 Grad. Die Oberflächentemperatur beträgt aber plus 15 Grad. Warum dieser Unterschied? Natürliche Treibhausgase in der unteren Atmosphäre, namentlich Wasserdampf und Kohlendioxid halten einen Teil der Wärmeabstrahlung der Erde in der unteren Atmosphäre zurück. Der Globus wird dadurch um etwa 34 Grad aufgeheizt. Dieser natürliche Treibhauseffekt wird nun vom Menschen durch Kohlendioxid aus der Verbrennung fossiler Brennstoffe verstärkt: Der Anteil am Gesamttreibhauseffekt beträgt 2 Prozent. Macht man eine grobe Überschlagsrechnung, so sind 2 Prozent von 34 Grad 0,68 Grad, also etwa die gemessene Erwärmung der letzten 100 Jahre.

Warum darf sich die Erde nicht stärker als um 2 Grad erwärmen?
Die Schäden nehmen grundsätzlich überproportional mit der Erwärmung zu. Wird die 2-Grad-Grenze überschritten, erhöht sich zum Beispiel das Risiko extremer Wetterereignisse, etwa für Dürren, Hochwasser und Stürme. Betroffen wären vor allem arme Regionen, die ohnehin schon unter Wassermangel oder starken Monsunregen leiden. Bauern in Südasien und südlich der Sahara müssten mit Verlusten der Getreideernte von bis zu 20 Prozent rechnen. Selbst mit rigorosen Sparmassnahmen würden in Trockenzonen die Wasserressourcen so knapp, dass nur noch Abwandern helfen würde. Nimmt die Zuwanderung aus diesen Gebieten in die Megastädte zu, so wird die Wassernot durch den Klimawandel in diesen dichtbesiedelten Städten weiter erhöht. Ein Teufelskreis. Aber auch in der Schweiz bekämen wir die Erwärmung zu spüren: Der Jahrhundertsommer 2003 wäre ein normales Phänomen, und noch heissere Sommer keine Seltenheit. Natürlich gäbe es auch Gewinner: In Russland zum Beispiel würde sich die Erwärmung positiv auf die Landwirtschaft auswirken. Doch irgendwann ist auch dort die Grenze erreicht, bei der das Ökosystem kippt.

Was ist, wenn wir die 2-Grad-Grenze überschreiten?
Die Welt würde nicht untergehen. Aber es würde eine Grenze erreicht, die es in vielen Regionen unmöglich machte, selbst mit modernsten technischen Massnahmen grosse Schäden zu verhindern. Es wäre zudem ein Experiment: Denn es gibt Schwellenwerte für manche Ökosysteme, bei denen es kein Zurück mehr gibt. So beim grönländischen Eisschild: Eine Abschmelzung erhöhte den Meeresspiegel massiv. Tropische Regenwälder und boreale Nadelwälder ertragen nur eine bestimmte Erwärmung. Unsicher ist allerdings, wo diese Schwellenwerte exakt sind.

Ist die Entwicklung umkehrbar?
Auch wenn die CO2-Emissionen auf null reduziert werden, so wird die CO2-Konzentration in der Atmosphäre nur langsam sinken. Die Hälfte des Ausstosses bleibt nämlich bis zu 1000 Jahre in der Atmosphäre, den Rest schlucken Ozeane und die Landvegetation. So wird bei einem Null-Szenario die globale Temperatur nur wenige Zehntel Grad über einen Zeitraum von Jahrhunderten abnehmen. Das heisst: Sollten die Emissionen sinken, die Erdoberfläche würde sich trotzdem vorläufig weiter aufwärmen. Einige Effekte der Erwärmung sind nicht mehr rückgängig zu machen: etwa der Anstieg des Meeresspiegels, der derzeit stärker ansteigt als erwartet. Daher sollte so schnell wie möglich der Null-Emission-Pfad angepeilt werden. Konkret: Der Pro-Kopf-Ausstoss sollte bis 2050 global unter einer Tonne CO2 pro Jahr sein. Der Schweizer produziert derzeit 6 Tonnen pro Jahr, der globale Durchschnitt liegt bei 2 Tonnen.

Die Entwicklungsländer haben ein Recht auf wirtschaftliche Entwicklung. Welche Folgen hat das für den Klimaschutz?
Die jährliche Rate der CO2-Emissionen hat sich in den letzten 18 Jahren verdreifacht. Die globalen Emissionen lagen 2008 knapp 40 Prozent über dem Wert von 1990. Selbst wenn die Industriestaaten bis 2050 ihre Emissionen um 60 Prozent senken würden, würde der CO2 global trotzdem um 80 bis 90 Prozent zunehmen. Der Grund: die Zunahme der Emissionen in Schwellen- und Entwicklungsländern. Die ärmere Welt dürfte sich künftig eigentlich nur auf dem Null-Emission-Pfad entwickeln.

Was bringen uns Ingenieurlösungen?
Die Prognosen sehen düster aus. Deshalb hat der deutsche Chemie-Nobelpreisträger Paul Crutzen vor einigen Jahren technische Lösungen vorgeschlagen, um die Erwärmung vorübergehend zu bremsen. Bis sich die Welt ohne Erdöl, Kohle und Erdgas, dafür mit erneuerbarer Energie aus Wind- und Sonnenkraft versorgen kann. Seine Idee: Der höheren Atmosphäre regelmässig eine Schwefelinjektion verpassen. Die Schwefelpartikel würden das Sonnenlicht teilweise in den Weltraum reflektieren. Die Schwefellösung würde vermutlich sogar funktionieren, wie das Wissenschaftler nach dem Ausbruch des Vulkans Pinatubo feststellten. Es folgten zwei kühlere Jahre. Nur veränderte der ausgespieene Schwefel das Niederschlagsmuster, und im Meer wurden versauerte Zonen festgestellt. Und die Atmosphäre müsste ständig geimpft werden. Denn hört man damit auf, so ist man innert weniger Jahren wieder auf dem alten Erwärmungstrend. Es gibt eine lange Liste solcher Ingenieurlösungen: Von kleinen Spiegelraumsonden bis zur Düngungder Meere, um mehr CO2 in den Meeren zu speichern. Die fantastischen Ideen brauchten langfristige Abklärungen, weil sie in das Ökosystem Erde eingreifen. Es gibt derzeit nur eine grosstechnische Lösung, die vermutlich in 15 bis 20 Jahren kommerziell eingesetzt wird: Die Speicherung von CO2-Emissionen zum Beispiel aus Kohlekraftwerken im Untergrund.

Ist es nicht vordringlicher, die Armut zu bekämpfen, als Milliarden in den Klimaschutz zu investieren?
Es gibt kein Entweder-oder. Armut bekämpfen, heisst Entwicklung. Nur eine nachhaltige Entwicklung hilft, die Erderwärmung zu stoppen. Entwicklungshilfe muss sich also damit auseinandersetzen, wie arme Länder ihren Lebensstandard erhöhen können, ohne den CO2 massiv zu steigern. Kein Klimaschutz wäre fatal: Nach jeder Dürre oder jedem Hochwasser würden die Ärmsten in ihrer Entwicklung wieder zurückgeworfen.

Blockiert der Klimaschutz das Wirtschaftswachstum?
Es gibt Gewinner und Verlierer. Die Schwerindustrie zum Beispiel muss mehr investieren als Dienstleister, um die CO2-Emissionen zu senken. Trotzdem ist Klimaschutz generell eine grosse Chance. Der Sonnen- und Windenergiemarkt ist in den letzten zehn Jahren jährlich um 30 Prozent gewachsen - Tendenz steigend. In Deutschland sind in der Branche Tausende Arbeitsplätze geschaffen worden. Es lohnt sich ohnehin, zum Beispiel in eine effiziente Energieversorgung zu investieren, man spart Geld dank niedriger Energiekosten, wie ein McKinsey-Bericht zeigt. Dazu braucht es allerdings Anschubfinanzierungen und Anreizsysteme, um neuer Umwelttechnologie und erneuerbarer Energie zum Durchbruch zu verhelfen. Und einen Preis für eine Tonne CO2, damit die Wirtschaft den langfristigen Profit kalkulieren kann. Bereits heute können Unternehmen auf dem europäischen Emissionsmarkt mit Reduktionszertifikaten handeln. Wer jetzt eine langfristige Klimastrategie fährt, wird in Zukunft gut aufgestellt sein. Die Entwicklung in Richtung post-fossiler Gesellschaft hat bereits begonnen. Der Stern-Report zeigt, dass die Kosten etwa 1 Prozent des Bruttoinlandproduktes ausmachen, um die globalen Emissionen bis 2050 zu halbieren.

Warum ist man auf den Einzelnen im Klimaschutz angewiesen?
Die Verbreitung energiesparender Technologie und der Bau einer nachhaltigen Energieversorgung sind nur klimafreundlich, wenn dieser Profit nicht durch zusätzlichen Energiekonsum überkompensiert wird. Mit Energieeffizienz im Eigenheim spart der Eigentümer Geld und hilft dem Klima - allerdings nur, wenn er darauf verzichtet, mit dem Ersparten eine zusätzliche Flugreise nach Bali zu machen.

Quellen: IPCC-Report 2007; Synthesis Report Climate Change Copenhagen 2009; ProClim Forum für Klima der Schweizerischen Akademie der Naturwissenschaften; Spezial-Report Deutscher Klimarat 2009; ETH-Klimatagung 2009. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.12.2009, 11:06 Uhr

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