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Donald Trumps Albtraum

Von Alain Zucker. Aktualisiert am 13.02.2016 4 Kommentare

Naomi Oreskes deckte auf, wie eine Forschergruppe gezielt Zweifel an seriöser Wissenschaft sät. Seither ist sie Zielscheibe konservativer Kritiker.

«Ich werbe dafür, dass man die Fakten versteht», sagt Naomi Oreskes. Foto: Kayana Szymczak

«Ich werbe dafür, dass man die Fakten versteht», sagt Naomi Oreskes. Foto: Kayana Szymczak

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Sie ist der wissenschaftliche Albtraum der meisten republikanischen Präsidentschaftskandidaten: klein, zäh und mit der Streitlust einer gebürtigen New Yorkerin kämpft Naomi Oreskes gegen Wissenschaftler, Politiker und Thinktanks, die das süsse Gift des Zweifels an der Existenz des Klimawandels säen. Wir treffen uns in Davos, sie kommt zu spät und wirkt etwas übernächtigt an diesem letzten Tag des World Economic Forum. Doch selbst müde ist die Harvard-Professorin jemand, den die Amerikaner «intense» nennen, eine Frau auf Hochspannung. «Ich war etwas naiv am Anfang und hab nicht vorausgesehen, worauf ich mich einliess. Ich wollte nur herausfinden, weshalb beim Klimawandel dieser Graben zwischen Wissenschaft und der öffentlichen Meinung so tief war», sagt sie.

Oreskes — ein etwas herbes, forsches Gesicht, ein amüsierter Blick, der in den Bann zieht — ist zu einem der prominentesten Namen der Klimawissenschaft geworden: nicht weil sie den Klimawandel erforscht, sondern das fehlende Bewusstsein dafür. Die Wissenschaftshistorikerin hat zusammen mit Erik M. Conway im Buch «Merchants of Doubt» («Kaufleute des Zweifels») die Geschichte und Netzwerke der Klimaleugner nachgezeichnet. Sie deckte zwei Sachen auf: wie eine Gruppe von Forschern, finanziert von der Öl- und Kohle­industrie sowie konservativen Stiftungen, über Jahrzehnte gezielt in der Öffentlichkeit Zweifel streuten, was Umweltgefahren betraf — vom Ozonloch bis zum Klimawandel. Dies obwohl der wissenschaftliche Konsens eindeutig war. Bereits in ihrer ersten Publikation zum Thema hatte Oreskes 928 wissenschaftliche Artikel untersucht und nicht einen gefunden, der den Klimawandel nicht auf menschliche Aktivitäten zurückführte.

Die zweite Erkenntnis: Die gleiche Gruppe von Wissenschaftlern, die staatliche Eingriffe als Sozialismus verstanden, war schon in die Verteidigungsschlacht der Tabak­industrie involviert gewesen: mit parteiischen Gutachten, der Diskreditierung anderer Wissenschaftler, dem Anzweifeln gesicherter Evidenz. Der Kampf der Zigarettenmultis endete 1998, als diese in einem Monstervergleich klein beigeben mussten.

«Boxerin in einer schmutzigen Arena»

Oreskes Buch schlug ein – und sie fand sich auf einem rutschigen politischen Parkett wieder. Sie wurde persönlich angegriffen, als «Kommunistin» verunglimpft und mit Klagedrohungen eingedeckt. Dennoch zog sie sich nicht in den Elfenbeinturm zurück. Im Gegenteil: Die zierliche 58-Jährige ist zur «Boxerin in einer schmutzigen öffentlichen Arena» geworden, wie die «New York Times» schrieb. Sie hält Vorträge, unterstützt diffamierte Klimaforscher und wird von Studierenden als Heldin gefeiert. Ihre Gegner diskreditieren sie derweil als «Polit­aktivistin», um ihren Befunden die Wissenschaftlichkeit zu nehmen. Dazu sagt sie: «Als Akademikerin schäme ich mich nicht, dass ich insofern aktivistisch bin, dass ich die Bedeutung meiner Forschung der Öffentlichkeit erkläre. Ich werbe ja nicht für eine bestimmte Politik, sondern nur dafür, dass man die Fakten versteht.»

Evidenz, Fakten. Das sind Wörter, die sie oft benutzt. Sie antwortet schnell, lebhaft, auf den Punkt. Da ist ein Charisma, das von einem gesunden Selbstbewusstsein bezüglich ihres Intellekts gespeist wird. Aufgewachsen ist die Mutter von zwei Töchtern in Manhattan, sie war ein musikalisches Talent und übte am Klavier so lange, bis sie das Stück im Griff hatte, wie ein Ex-Freund der «New York Times» erzählte. Schliesslich folgte sie aber ihrem Vater in die Wissenschaft und studierte Geologie. Nach dem Studium verschlug es sie erst nach Australien, wo sie für ein Bergwerksunternehmen eine neue Mine für den Abbau von Kupfer und Uran entwickeln half. Doch als es losging, war sie bereits wieder in den Vereinigten Staaten und tauchte in die akademische Welt ein. Die Fragen, die sie zusehends interessierten, waren: Wie wissen wir, dass wir der Wissenschaft trauen können? Wie unterscheiden wir zwischen gesunder und schädlicher Skepsis?

Oreskes ist anders als viele Wissenschaftshistoriker, die – beeinflusst vom Dekonstruktivismus –die Wirklichkeit für eine soziale Konstruktion halten. Sie glaubt an objektive Wahrheit und sagt in der idealistischen Tradition von Thurgood Marshall, dem ersten schwarzen Richter am obersten US-Gericht: «Ich muss dran glauben, dass die Geschichte auch zur Wahrheit tendiert.» Deshalb sprang sie auch so auf das Thema Klimawandel an, als sie vor 15 Jahren eher zufällig über die Forschung dazu stolperte: «Wie konnte das sein, dass die Öffentlichkeit diese Erkenntnisse nicht anerkannte?» Seither hat sie das Thema gepackt. Sie kann sich immer noch gewaltig ärgern, dass US-Medien für eine ausgewogene Berichterstattung die Argumente beider Seiten gleich gewichten: «Es geht hier nicht um Interpretationen, sondern um Fakten!» Doch wieso fallen die Behauptungen der Klimaschutzgegner in den USA auf so fruchtbaren Boden, dass sich sogar Präsidentschaftskandidaten wie Donald Trump mit ihnen schmückt? Ihre Antwort: wegen des Freiheitsmythos der Amerikaner. «Dieses Gleichsetzen des Kampfs gegen den Klimawandel mit einem Angriff auf die freie Marktwirtschaft, auf die Freiheit an sich, ist Teil unseres ideologischen Fundaments, das sitzt tief in der amerikanischen Geschichte.»

Eigentlich müsste Oreskes der erfolgreiche Kampf gegen die Tabakindustrie optimistisch stimmen. Doch sie sagt: «Es hat 50 Jahre und Millionen Tote gebraucht. So viel Zeit haben wir beim Klimawandel nicht. Bis dann werden Hunderte Millionen vertrieben oder sterben.»

Das sind markige Worte: Hunderte Millionen Tote? Da übertrumpft das Engagement die Wissenschaftlichkeit. Doch sie klingt nicht verbissen, hat einen trockenen Humor («Mein nächstes Projekt? Die Rente!»). Um ihre Botschaft den Leuten näherzubringen, hat sie begonnen, neue Wege zu gehen – mit Mitteln, die unter die Haut gehen: Sie hat einen Dokumentarfilm gedreht und ein fiktives Buch geschrieben, Belletristik, das aus Sicht einer fernen Zukunft den «Kollaps der westlichen Zivilisation» beschreibt. «Die Leute verstehen nicht, was auf dem Spiel steht. Dann versuche ich halt, so zu schreiben, dass sie es verstehen.»

Bleibt die Frage, wie ökologisch Oreskes selber lebt. Die Frage erreicht sie per E-Mail ein paar Tage nach unserem Gespräch. Und da wird sie zum ersten Mal etwas langatmig, verliert sich in Details darüber, wie sie versucht, ihren ökologischen Fuss­abdruck möglichst klein zu halten: kleines Auto, wenig Fleisch, Energiesparlampen. Sie ringt damit, dass dieses Unterfangen mit steigender Bekanntheit schwieriger wurde, weil sie für ihre Vorträge per Flugzeug durch die ganze Welt tourt. Und doziert, dass es in unserer heutigen Welt schwierig bis unmöglich sei, ökologisch alles richtig zu machen, weswegen staatliche Eingriffe so wichtig seien, und so weiter und so weiter.

Es ist beruhigend: Auch Naomi Oreskes, furchtlose Gegnerin der Klimaleugner, kämpft bisweilen mit einem schlechten Gewissen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.02.2016, 07:53 Uhr

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4 Kommentare

Ronnie König

13.02.2016, 08:55 Uhr
Melden 68 Empfehlung 5

Ein Leben ohne Emission ist leider in der modernen Welt nicht möglich und für engagierte Menschen eh nicht! Aber das erschreckende an dem ganzen Theater ist doch, dass konservatives Kapital versucht falsche Wahrheit zu etablieren, aber keine Verantwortung übernehmen will, diffamiert und den Rechtsstaat missbrauchen will. Nicht nur bei der Klimafrage. Und somit anstelle der Gewinne eher Unkosten! Antworten


Eric Nero

13.02.2016, 10:52 Uhr
Melden 22 Empfehlung 4

ich wünschte mir eine Oreskes in Europa. Allerdings erwartete ich wenig Zuspruch, weil unsere Gesellschaft zu perfekt indoktriniert und zudem denkfaul ist. Beispiel: Digitalisierung und Funkwahnsinn. Antworten