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«Es ist jetzt schon fast zu spät, um eine kritische Erwärmung zu verhindern»

Von Martin Läubli. Aktualisiert am 30.11.2009 80 Kommentare

Einen Monat vor der Uno-Klimakonferenz in Kopenhagen spricht Deutschlands Top-Klimaforscher Stefan Rahmstorf über seinen Kampf gegen Klimaskeptiker, gerechte Klimapolitik und die Zeit, die uns noch bleibt.

Ein unerbittlicher Kämpfer für die Klimawahrheit: Stefan Rahmstorf.

Ein unerbittlicher Kämpfer für die Klimawahrheit: Stefan Rahmstorf.
Bild: Reuters

Massiver Rückgang: Triftgletscher im Berner Oberland.

Massiver Rückgang: Triftgletscher im Berner Oberland. (Bild: ETH)

Klimagipfel Kopenhagen

Wenn er spricht, dann klar und sachlich. Emotionen scheinen nicht zum deutschen Klimaforscher Stefan Rahmstorf zu gehören. Dabei gilt der Wissenschaftler mit Weltruf am Potsdam- Institut für die Erforschung der Klimafolgen als unerbittlicher Kämpfer für die Klimawahrheit. Rahmstorf wird dann mit spitzer Feder aktiv, wenn über den Klimawandel geschrieben wird und dabei «die Fakten nicht stimmen».

Herr Rahmstorf, Sie haben eben ein Podiumsgespräch hinter sich. Dabei gab es eine spontane Umfrage beim internationalen Publikum, in welchem Land noch Skepsis gegenüber dem Klimawandel herrsche. Ein Drittel hob die Hand. Waren Sie überrascht?
Ich war eher überrascht, dass die meisten meinen, bei ihnen sei der Klimawandel allgemein akzeptiert. Skeptiker gibt es doch überall, auch bei uns in Deutschland. Wenn auch nur eine Minderheit.

Diese Minderheit kann Sie auf die Palme bringen. Dagegen führten Sie vor 2 Jahren einen medialen Feldzug.
Das war doch kein Feldzug. Der Herausgeber der Zeitschrift «Universitas» überredete mich, für ein Themenheft einen Beitrag über die «Klimaskeptiker» zu schreiben ...

... er musste Sie überreden?
Erst habe ich abgelehnt. Dieses Thema ist doch längst wissenschaftlich gegessen.

Der Uno-Weltklimarat IPCC hat erst vor zwei Jahren verkündet, dass der Mensch mit 90-prozentiger Wahrscheinlichkeit Schuld an der Erderwärmung trägt.
Schon 1965 gab es einen Bericht von amerikanischen Forschern an den US-Präsidenten, der folgerte, dass bis zum Jahr 2000 die CO2-Konzentration in der Luft um 25 Prozent steigen und messbare Veränderungen im Klima hervorrufen werde. Das war zu einem Zeitpunkt, als der Anstieg der CO2-Konzentration erstmals belegt worden war, nicht aber ein Temperaturanstieg. 1979 sagte ein weiterer Bericht voraus, die Erwärmung werde in etwa 20 Jahren messbar werden. Tatsächlich geschah das bereits 10 Jahre früher.

Die Reaktionen auf Ihren Beitrag waren geharnischt, weil Sie skeptische Journalisten spitz angriffen. Sie verlangten eine Qualitätsprüfung bei den Redaktionen.
Ich warf die Frage auf, was mit der Qualitätskontrolle in den Zeitungen los ist. Werden Fakten nicht mehr geprüft? Man kann anderer Meinung sein, aber die wissenschaftlichen Fakten müssen stimmen. Wahrhaftigkeit ist das oberste Gebot des Pressecodex. Das ist ähnlich wie in der Wissenschaft. Falsches sollte richtiggestellt werden.

Wie zum Beispiel in diesem Jahr in der britischen Zeitung «The Guardian»? Da kritisierten Sie den umstrittenen dänischen Politologen Björn Lomborg.
Er machte eine grosse Sache daraus, dass der Meeresspiegel in den letzten zwei Jahren gesunken sei. Das ist sehr irreführend. Der Meeresspiegel ist in den letzten 15 Jahren global um 5 Zentimeter gestiegen, das ist bedeutend rascher als erwartet. Aber jede Zeitreihe hat auch kurzfristige Schwankungen, da kann man immer einen scheinbar gegenläufigen Zweijahreszeitraum herauspicken. Das gilt übrigens auch bei der globalen Temperatur.

Können solche Leute den politischen Prozess blockieren?
Die sogenannten Klimaskeptiker haben grossen Einfluss – nicht in Fachkreisen, aber bei wichtigen Entscheidungsträgern grosser Firmen und in der Politik. Viele Menschen sind dadurch ernsthaft verunsichert. Das hat den Fortschritt im Klimaschutz erheblich verlangsamt. Es ist schon fast zu spät, um zu verhindern, dass die kritische globale Erwärmungsgrenze von 2 Grad überschritten wird.

Einer der unsichersten Punkte ist nach wie vor, wie empfindlich das Weltklima auf die Erwärmung reagiert. Hat deshalb die Politik das Gefühl, für kurzfristige Massnahmen bleibe noch genügend Zeit?
Viele Politiker kennen zwar grundsätzlich das Problem des Klimawandels, sind sich aber nicht über die Dringlichkeit im Klaren. Unsicherheiten können leider auch eine negative Wendung nehmen. Zum Beispiel beobachten wir, dass das arktische Eis viel schneller schrumpft als alle Modellrechnungen es voraussagten.

Wie viel Zeit haben wir denn noch?
Man kann die Frage so stellen: Wie viel Zeit haben wir noch, um die Wende von wachsenden zu sinkenden Emissionen der Treibhausgase hinzukriegen? Realistisch gesehen wird es fast unmöglich, die Erwärmung unter 2 Grad zu halten, wenn wir die Wende nicht vor 2020 geschafft haben. Theoretisch ginge es später, aber dann müssten die globalen Emissionen jährlich um 9 Prozent oder mehr sinken. Das ist vermutlich ökonomisch nicht machbar.

Es braucht also eine Energie-Revolution, weg von Erdöl und Kohle, hin zu Wind- und Solarenergie?
Wir sprechen von einer Transformation der Gesellschaft – vielleicht vergleichbar mit der neolithischen Revolution, also dem Übergang von der Jagd zu Ackerbau und Viehzucht.

Das scheint eine Herkulesaufgabe zu sein, die in den nächsten 50 Jahren fast nicht zu bewältigen ist.
Man kann auch zuversichtlich sein. Die Entwicklung der erneuerbaren Energien läuft rasanter, als es die grössten Optimisten erwartet haben. Zum Beispiel die Windenergie: Sie wächst weltweit um 20 Prozent pro Jahr, damit verdoppeln sich alle 4 Jahre die Kapazitäten. Das ist das Schöne am exponentiellen Wachstum: Am Anfang sieht man es kaum, aber wenn man einmal bei einem Anteil von 2 Prozent Windstrom ist, dann ist man nach vier Jahren schon bei 4, dann bei 8, 16, das geht dann sehr schnell. Windenergie ist bei guten Standorten auch bereits wirtschaftlich.

Trotzdem fehlt der politische Wille immer noch, starke Klimaverpflichtungen einzugehen. Die Entwicklungsländer pochen auf Gerechtigkeit und fordern, die reichen Staaten müssten erst Emissionen reduzieren.
Der Wissenschaftliche Beirat der deutschen Bundesregierung schlägt deshalb vor, jedem Land auf der Basis der Bevölkerungszahl ein Emissionsbudget für die nächsten 40 Jahre zuzuteilen, sodass die Erwärmung unter 2 Grad bleibt. Demnach darf ein Erdenbürger 110 Tonnen CO2 produzieren. Auf die Länder übertragen, hiesse das zum Beispiel: Indien müsste sich weniger anstrengen, das Budget würde bei heutigen Emissionen noch 90 Jahre reichen. Für Deutschland hingegen nur 10, für die USA gar nur 6 Jahre. Bezogen auf das CO2 sind die armen damit eigentlich die reichen Länder. Die Industrieländer müssten bei den Entwicklungsstaaten CO2-Zertifikate einkaufen, um das Budget nicht zu überziehen. Die Einnahmen sollten zweckgebunden sein, also konkreten Projekten zur Anpassung an den Klimawandel und zum Aufbau einer nachhaltigen Energie-Infrastruktur dienen.

Aber wer weiss, was in 40 Jahren ist?
Natürlich braucht es Nahziele. Wir leiten in unserem Gutachten aus dem Gesamtbudget auch Nahziele für die Industriestaaten für 2020 ab. Der Vorteil unserer Methode ist die einfache Formel, mit der man für jedes Land eine Verpflichtung berechnen kann. Heute werden nach dem Konsensprinzip für einzelne Länder irgendwelche Reduktionsziele verhandelt. So ist es fast hoffnungslos, etwas zu erreichen. Auf längere Sicht wird man sich auf eine einfache transparente Formel einigen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.11.2009, 11:45 Uhr

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80 Kommentare

Hans Graber

04.11.2009, 11:36 Uhr
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@Walter Sahli: Lesen Sie bitte nochmal durch, was Sie da geschrieben haben und überlegen Sie bitte, ob Sie mich so wirklich überzeugen können? Es wird kälter, weil es wärmer wird? Hui, das wird aber jetzt echt spannend.... Antworten


Tom Würgler

04.11.2009, 09:20 Uhr
Melden

Wer nicht einmal auf die Aussagen eines Topforschers eingeht, sondern nur brabbelt, hat keinen seriösen (und dringend notwendigen) Diskurs im Sinn. Der verschwenderische Umgang mit Ressourcen soll eben - koste es was es wolle - beibehalten werden. Wissenschaftliche Diskussionen setzen eine minimale Vertrautheit mit der Materie voraus. Einfach mal Weischet / Stern-Report etc. lesen wäre nett... Antworten



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