Gentech-Fliegen im Freilandversuch

Eine britische Firma will erstmals gentechnisch veränderte Insekten in Europa freisetzen. Das soll Olivenschädlinge vernichten – Kritiker befürchten, dass die Versuche zu voreilig sind.

In die Falle locken: Durch die Paarung von weiblichen Olivenfliegen (Bild) mit gentechnisch veränderten Männchen soll die Spezies ausgerottet werden.

In die Falle locken: Durch die Paarung von weiblichen Olivenfliegen (Bild) mit gentechnisch veränderten Männchen soll die Spezies ausgerottet werden. Bild: Wikimedia

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Knorrige Baumstämme, silbern schimmernde Blätter, die Stille allenfalls unterbrochen von einer zirpenden Grille: Eine Olivenplantage – ach was, einen Hain – stilisieren Menschen gerne zum Idyll. Mindestens aber zu einem Ort, wo Bauer und Natur noch in Frieden miteinander leben. Doch zur Natur gehören auch Schädlinge, und die stören den Frieden oft. Zum Beispiel die Olivenfliege, deren Larven die Früchte zerfressen. Die Bauern wehren sich im Wesentlichen mit Gift. Und davon brauchen sie immer mehr, weil die Insekten schnell resistent werden.

Nun soll eine andere Methode zum Einsatz kommen: gentechnisch veränderte Olivenfliegen, die ihre frei lebenden Artgenossen ausrotten. Die britische Firma Oxitec hat bei spanischen Behörden einen Freilandversuch mit solchen Insekten beantragt. Sollte dies genehmigt werden, wäre es der erste Freisetzungsversuch mit Gentech-Insekten innerhalb der Europäischen Union. Daher steht bei den Plänen von Oxitec nicht nur die Olivenernte im Mittelpunkt. Es geht auch um die Zukunft einer noch recht neuen Methode der Schädlingsbekämpfung, die allein wegen des Reizwortes «Gentechnik» viel Aufmerksamkeit erregt.

Freilandversuche ab 2014

In Katalonien, nahe der Provinzhauptstadt Tarragona, will Oxitec über insgesamt 24 Olivenbäumen ein Netz aufspannen und darunter acht Wochen lang Gentech-Insekten freilassen. Die geplante Versuchsfläche von etwa 0,8 Hektar befindet sich auf dem Land des katalanischen Forschungsinstituts Irta, das an dem Experiment auch beteiligt sein soll. Wie viele neuartige Insekten unter den Netzen herumschwirren werden, stehe noch nicht fest, sagt Oxitec-Geschäftsführer Hadyn Parry. Die Freisetzungen könnten möglicherweise im kommenden Frühjahr starten, wenn der Antrag genehmigt wird. Ein ähnlicher Versuch ist auch in Italien geplant.

Die genveränderten Fliegen sollen ihre frei lebenden Artgenossen im Lauf mehrerer Generationen vernichten. Nur männliche Fliegen sollen freigesetzt werden. Sie tragen einen zusätzlichen DNA-Schnipsel in sich, eine Art Sterblichkeits-Gen. Dieses zeigt seine Wirkung, nachdem sich die Oxitec-Fliegenmännchen mit frei lebenden Weibchen gepaart haben. Wegen des zusätzlichen Gens sterben die weiblichen Nachkommen schon nach kurzer Zeit noch als Larven. Die männlichen Nachkommen überleben, geben das «Sterblichkeits-Gen» aber mit jeder Paarung weiter. Damit die Gentech-Fliegen und die frei lebenden Weibchen zueinanderfinden, muss man so viele Männchen freisetzen, dass die normalen Geschlechtsgenossen rein zahlenmässig keine Chance haben. Mit der Zeit soll die Population der Olivenfliegen so stetig schrumpfen und schliesslich ganz verschwinden. Die Gentech-Insekten werden in Fallen gefangen und mit einem Gift getötet – bei ihnen wirkt das noch gut, weil sie nie zuvor Kontakt mit den Mitteln hatten.

Ein ähnliches Prinzip ist seit etwa 60 Jahren Routine – nur dass es sich statt gentechnischer Methoden der Radioaktivität bedient. Bei der Sterilen-Insekten-Technik (SIT) werden männliche Insekten radioaktiv bestrahlt und dann freigesetzt. Gibt es genügend von ihnen, paaren sie sich mit frei lebenden Weibchen, erzeugen jedoch keinen Nachwuchs. Auf diese Weise lassen sich zum Beispiel die Tsetse- und die Mittelmeerfliege gut bekämpfen.

Uneingeschränkt funktioniert die Sterile-Insekten-Technik jedoch nicht, vor allem nicht bei Mücken. Oxitec hat daher schon vor einigen Jahren einen neuen Weg getestet, um Moskitos zu bekämpfen. Die Firma veränderte auch diese Insekten gentechnisch und setzte sie auf der Karibikinsel Grand Cayman, in Teilen Malaysias und Brasiliens aus. Die Gentech-Mücken sollten ihre frei lebenden Artgenossen ausrotten, die das Dengue-Virus übertragen.

In vielen Ländern ist der Erreger eine schwerwiegende Bedrohung. Mehr als 20 000 Menschen sterben jedes Jahr am Denguefieber. Um eine solche Geissel in den Griff zu bekommen, akzeptieren vielleicht auch manche Menschen gentechnische Methoden, die diese ansonsten ablehnen. Doch verglichen mit dem Dengue-Virus ist eine schlechte Olivenernte kein ernstes Problem – und auch kein ausreichender Grund, Gentech-Insekten im Freiland zu testen. Schliesslich wird sich mancher Konsument sorgen, dem ein gutes Olivenöl als Höhepunkt einer gesunden Ernährung gilt und der sich im Restaurant auf ein Schälchen Oliven zur Vorspeise freut. Muss er nun um seine Gesundheit fürchten? Oxitec-Geschäftsführer Parry sagt: «Der Versuch ist durch Netze geschützt. Ausserdem sind die Oliven nicht für den Verkauf bestimmt.» Ein Risiko, falls man doch eine betroffene Olive essen würde, sieht er nicht.

Genveränderung ohne Vorteil

Anti-Gentechnik-Organisationen wie Genewatch und Testbiotech sind dennoch alarmiert. Zumal Oxitec sich in den vergangenen Jahren nicht durch ausserordentliche Transparenz hervorgetan hat. Im Gegenteil: Im vergangenen Jahr mahnten Forscher in einem Fachartikel unter anderem mehr Unabhängigkeit in der Auswertung der Daten an, wenn es um Freisetzungsversuche mit Gentech-Insekten geht. Ausserdem solle jeder Einzelfall für sich geprüft werden – eine Forderung, die nach einer Selbstverständlichkeit klingt. In einem harschen Kommentar warf Oxitec-Mitgründer Luke Alphey den Autoren daraufhin vor, das Konzept wissenschaftlicher Qualität nicht verstanden zu haben.

Gegenseitiges Vertrauen fördert so ein Verhalten nicht. So wirken auch Sorgen wie diese nachvollziehbar: Was, wenn sich doch ein paar der Oxitec-Fliegenmännchen durch das Netz quetschen? «Dann isst der Verbraucher schlimmstenfalls eine oder zwei Larven, die aus Paarungen mit den gentechnisch veränderten Fliegen entstanden sind», sagt der Biologe Ernst Wimmer von der Uni Göttingen. Anlass zur Sorge sieht er dennoch keinen: «Ich denke, dass von diesem Versuch keine Gefahr für Mensch und Umwelt ausgeht.» Gegenteilige Hinweise kenne er nicht.

Zumal in den emotional aufgeladenen Debatten pro und kontra Gentechnik kaum über die Alternativen gesprochen wird. Wer aber wünscht sich auf seiner Pizza Oliven, über die immer wieder Nebelschwaden von Gift gesprüht wurden? Einen solch massiven Einsatz von Insektiziden könnten die Gentech-Fliegen verhindern helfen. Und das ist nur einer der ökologischen Vorteile, die Fachleute in der recht neuen Technik sehen. Zudem wirkt sich deren Einsatz ausschliesslich auf die gewünschte Art aus, in diesem Fall die Olivenfliege. Gift hingegen tötet viele Insektenarten – darunter auch nützliche.

Trotzdem werden die neuartigen Insekten in Europa auf Widerstand stossen. Das liegt allein schon an der Nähe zur grünen Gentechnik. Doch gibt es einen entscheidenden Unterschied. Gentechnik kann Pflanzen Vorteile verschaffen, etwa wenn die Gewächse resistent gegen Gifte gemacht werden. Den Regeln der Evolution zufolge kann dieser Vorteil das Ausbreiten der Resistenz fördern – auch unkontrollierbar und in einem Mass, wie es niemand will. Die Insekten hingegen haben durch die gentechnische Veränderung nur Nachteile. Schliesslich sterben die weiblichen Nachkommen früh. «Da sehe ich keinen Selektionsvorteil», sagt Wimmer. Daher gilt es als unwahrscheinlich, dass sich die neue Eigenschaft ungewollt unter Olivenfliegen ausbreitet.

Angst vor Resistenzen

Wimmer und sein Giessener Kollege Marc Schetelig entwickeln selbst gentechnisch veränderte Insekten und verhehlen nicht, dass sie auch eigene Interessen an dieser Methode der Schädlingsbekämpfung haben. Wimmer erhält für ein Patent zudem Lizenzgebühren von Oxitec. Doch auch wenn er und andere Forscher Gentech-Insekten in vielen Fällen für sinnvoll halten, um Schädlinge zu bekämpfen, kritisieren sie das Vorgehen von Oxitec. Im Wesentlichen befürchten sie, die Freilandversuche könnten voreilig sein. Weil sich Oxitec auf einen einzigen Mechanismus verlasse, um die weiblichen Larven zu töten, könnten die Insekten schnell neue Resistenzen bilden, befürchtet Schetelig. «Ich hoffe, dass nicht irgendetwas auf den Markt geworfen wird, was nicht vorher im Labor so umfassend wie möglich getestet wurde.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.10.2013, 17:09 Uhr

Artikel zum Thema

Das Gentech-«Potenzial» für den Ackerbau

Gentechnik ist gesünder als Bioanbau – zumindest in gewissen Fällen. Zu diesem Schluss kommt eine Studie der Akademien der Wissenschaften Schweiz. Mehr...

Politiker rechtfertigen den Gentech-Boykott

In einem Brief bekräftigen Parlamentarier, dass die Schweizer Landwirtschaft keine Gen-Pflanzen braucht. Damit widersprechen sie einer Studie, welche die Vorteile des Gentechs aufzeichnet. Mehr...

Ein Forschungsfeld für Gentechpflanzen

Wissenschaftler der Universität Zürich planen einen neuen Freisetzungsversuch mit gentechnisch verändertem Weizen. Dies, obwohl die Forscher bis vor kurzem für ihre Arbeit keine Zukunft sahen – zumindest nicht in der Schweiz. Mehr...

Kommentare

Die Welt in Bildern

Moderne trifft auf Tradition: Ein Mönch im Hof des Kumbum Klosters in Xining (China) benutzt sein Iphone (23. April 2017).
(Bild: Wang He/Getty Images) Mehr...