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«Ich erwarte verheerende Erdbeben in Indien»
Interview Reto Hunziker. Aktualisiert am 04.03.2010
Professor Max Wyss ist Schweizer Seismologe und Direktor der «World agency of planetary Monitoring and Earthquake Risk Reduction».
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Erst Haiti, dann Chile und jetzt Taiwan: Man bekommt den Eindruck, es gebe eine Häufung von Erdbeben. Täuscht das?
Dieser Eindruck kann schon entstehen. Im Allgemeinen gibt es aber ungefähr gleich viele Erdbeben wie früher. Die Zahl der Erdbeben pro Zeiteinheit bleibt sich im Durchschnitt etwa gleich. Es ist aber so, dass ganz grosse Beben wie jenes Ende 2004 vor Sumatra, das den verheerenden Tsunami auslöste, den ganzen Planeten durchschütteln. Auf kurze Sicht – ich spreche hier von ein paar Jahrzehnten – kann es dadurch zu mehr Erdbeben kommen.
Das Erdbeben von Haiti könnte also eine Folge des Tsunami-Erdbebens sein?
Die Energie, welches das Beben auf Haiti ausgelöst hat, war lokal. Solche Energie ist nicht einfach verschiebbar. Allerdings kann sie andere Erdbeben «triggern», also frühzeitig auslösen. So kann es sein, dass ein Erdbeben, das erst in 10 Jahren erfolgt wäre, jetzt schon stattfindet.
War dies bei den beiden Erdbeben in Chile und Haiti möglicherweise der Fall?
Nicht erwiesenermassen. Aber es ist sehr gut möglich. Jedes Erdbeben hat nachhaltige Folgen. Es ist beispielsweise wissenschaftlich bewiesen, dass es vom Erdbeben 1896 in Japan immer noch Nachbeben gibt.
Aber schlimmer wird die Erdbebensituation nicht?
Nein, nicht in den nächsten paar Dekaden. Es müsste sogar eine Periode kommen, in der es weniger Erdbeben gibt. Weil ja jetzt einige vorgezogen werden.
Man hat auch den Eindruck, die Katastrophen werden immer verheerender. Stimmt das?
Ja, das ist so. Das hat aber mit dem starken Bevölkerungswachstum zu tun. Auf dem gleichen Raum wohnen heute viel mehr Leute. Eine Katastrophe, die man früher als mild empfunden hätte, wird heute zur grossen Katastrophe. Auch wenn die Bemühungen von Erdbebeningenieuren Früchte getragen haben und die Häuser – zumindest in den industrialisierten Ländern – erdbebensicherer sind. Das Verhältnis von Verletzten zu Toten hat sich da verbessert. In Entwicklungsländern hingegen wird beim Bau öfters gepfuscht, was die Opferzahlen erhöht.
Gibt es mehr Risikogebiete als früher?
Nein. Die Risikogebiete sind dieselben. Nur leben heute mehr Leute dort.
Ein grosses Beben in Nordamerika soll nur eine Frage der Zeit sein. Ist es wirklich so voraussehbar?
Die Wahrscheinlichkeit besteht und ist signifikant. Aber ich würde nicht Nordamerika als Ort nennen, wo man sich Sorgen machen müsste. Die Häuser sind gut gebaut: Ein kalifornisches Heim ist einstöckig und aus Holz konstruiert – eines der sichersten Häuser, in denen man leben kann.
Wo müsste man sich denn Sorgen machen?
Ich erwarte die schlimmsten Beben der Zukunft in Indien, Nordindien, Himalaya. Weil da Beben der Stärke wie von jenem in Chile vorkommen. Ausserdem ist es eine riesige Bevölkerung, die in schlechten Häusern wohnt. Eine Million Verletzte wäre ohne weiteres zu erwarten.
Wo bebt es in Europa am häufigsten?
In Griechenland. Das Land verbucht 50 Prozent aller europäischer Erdbeben. Danach folgt mit grossem Abstand Italien, später Portugal und Spanien.
Wie sieht es in der Schweiz aus?
In Basel gab es 1356 das grösste Erdbeben nördlich der Alpen, das je historisch bekannt wurde. Würde die Erde heute in Basel mit einer Stärke von 6,7 beben, wären bestimmt 10'000 Tote zu beklagen.
Ist damit in nächster Zeit zu rechnen?
Nein. In nächsten zehn Jahren ist das höchst unwahrscheinlich. Da ist ein Erdbeben im Wallis wahrscheinlicher. Allerdings dürfte es nicht über die Magnitude 6 hinauskommen.
(baz.ch/Newsnet)
Erstellt: 04.03.2010, 16:12 Uhr










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