Wissen
Kampfansage an die Feinde der Biene
Die schlechte Nachricht vorweg: Den Bienen geht es unvermindert schlecht. Gemäss den jetzt ausgewerteten Zahlen ist im Winter 2007/2008 jedes fünfte Bienenvolk eingegangen. Die Sterblichkeit der Bienenvölker ist somit «doppelt so hoch wie normal», sagt Peter Neumann vom Zentrum für Bienenforschung (ZBF) an der Forschungsanstalt Agroscope Liebefeld-Posieux. Im Kanton Bern liegt die Mortalität bei durchschnittlich 18 Prozent, in Luzern bei 39 Prozent, in Genf bei 42 Prozent. Angesichts der grossen ökologischen und volkswirtschaftlichen Bedeutung der Bienen seien das beunruhigende Zahlen, urteilt Neumann. Gemäss Schätzungen der ETH Zürich würde das Verschwinden der Bienen allein in den Obst- und Beerenkulturen Verluste von gegen 300 Millionen Franken hervorrufen.
Die Frage nach den Ursachen der seit einigen Jahren gehäuft auftretenden Bienensterben ist nicht abschliessend geklärt. Unbestritten ist, dass die Varroamilbe den Bienen zusetzt und deren Immunsystem schwächt. Befallene Völker gehen ohne menschliche Pflege nach zwei bis drei Jahren ein. Und: In der Schweiz sind alle Völker befallen. Somit gilt der Kampf gegen die Varroamilbe ungeachtet möglicher anderer Ursachen für das Massensterben als wichtiger Beitrag zur Rettung der Bienen.
Ursache noch nicht geklärt
Die Schweiz, respektive das ZBF, steht an der Spitze des neuen Forschungsnetzwerkes Coloss. Ihm sind Experten aus 35 Ländern angeschlossen, alle mit dem Ziel, Antworten auf das «globale Problem» Bienensterben zu finden. Die Schweiz selbst legt ihren Forschungsschwerpunkt laut Coloss-Koordinator Neumann auf die Varroamilbe.
Die Fokussierung auf diesen Parasiten bedeute nicht, dass das ZBF die Ursache des Massensterbens als geklärt erachte. Aber die Richtung der schweizerischen Forschungsinitiative sei trotz einiger unbekannter Faktoren richtig. Die Varroamilbe alleine könne zwar die hohen Verluste nicht erklären. Gleichzeitig sei sie bis jetzt «der einzige klare Faktor».
Das Ziel der Offensive ist es, wenn immer möglich Methoden zur biologische Bekämpfung der Milbe zu finden sowie zu erkennen, welche Wechselwirkungen zwischen dem Milbenbefall und anderen Faktoren wichtig seien. Auf der Bank der Verdächtigen sitzen in den Augen der ZFB-Bienenforscher auch etliche menschgemachte Umweltfaktoren und die mangelnde genetische Vielfalt der hier gezüchteten Honigbienen.
Wie die zunehmend konsternierten Imker auf den erneuten Angriff auf die Varroamilbe reagieren werden, ist noch unklar. Die Tatsache, dass der Parasit schon seit einem Vierteljahrhundert in hiesigen Bienenstöcken sitzt, macht viele empfänglich für andere Erklärungen der Katastrophe. Sehr aufmerksam reagierten deshalb viele Imker etwa auf die jüngsten Forschungsergebnisse von der Universität Padua. Sie liefert zwingende Hinweise darauf, dass das Pflanzenschutzmittel Clothianidin, das beispielsweise für die Imprägnierung von Maissaaten verwendet wird, die Bienen gefährdet. Nachgewiesen wurde, dass Maispflanzen, die mit dem erwähnten Nervengift aus dem Hause Bayer behandelt wurden, Wassertröpfchen ausscheiden, die Spuren des Gifts enthalten. Unter Versuchsbedingungen sind Bienen nach dem Kontakt mit diesen Tröpfchen innert Minuten eingegangen. Die Hinweise aus Padua stützen das Verhalten der deutschen Behörden, die 2008 nach dem grossen Bienensterben in Baden-Württemberg den Einsatz von Clothianidin und verwandter Produkte nicht mehr zulassen.
Unzufriedene Imker
Während Deutschland den Einsatz des nach heutigem Wissensstand bienengefährdenden Insektizids unterbindet, bleibt die Chemikalie in der Schweiz zugelassen. Von den Bauern wird lediglich verlangt, ihre Sämaschinen so nachzurüsten, dass kein chemisch belasteter Staub aufgewirbelt werden kann. Das Bundesamt für Landwirtschaft erachtet dies als vorläufig ausreichende Massnahme. Den Imkern reicht sie nicht aus - und in der politischen Bewältigung des Bienensterbens rückt «die Chemie» damit eher wieder stärker in den Fokus: Die grüne Nationalrätin Maya Graf (BL) hat vor kurzem eine Motion mit dem Ziel eingereicht, die Zulassung von Clothianidin als Pflanzenschutzmittel sofort zu sistieren.
Setzt das Zentrum für Bienenforschung auf den falschen Hauptangeklagten? Bienenexperte Neumann will die möglichen Einflüsse von Insektiziden nicht herabspielen. Es gelte in der Tat zu untersuchen, wie sich beispielsweise subletale - nicht tödliche - Dosen von solchen Giften auf die Bienen und Bienenvölker auswirkten. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 01.04.2009, 10:18 Uhr







