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Kannibalismus im Hühnerstall
Von Anke Fossgreen. Aktualisiert am 10.04.2009 1 Kommentar
Plötzlich bewegt sich das makellose Ei. Da ein Sprung, dann ein Loch. Ein kleiner Schnabel mit Eizahn pickt von innen. Nach einer Weile knackt die Eierschale in zwei Hälften, und ein noch verklebtes Küken schaut mit schwarz glänzenden Augen in die Welt. Bereits nach kurzer Zeit sieht es gelb und flauschig aus.
Wären Hühnerküken allerdings Nesthocker wie etwa Singvögel, würde sich der Jö-Effekt erst später einstellen. Amselküken schlüpfen zum Beispiel hilflos, nackt und mit noch geschlossenen Augen. Sie sehen aus wie kleine gerupfte Hühnchen. Dafür ist die Brutzeit etwas kürzer als bei den Nestflüchtern, zu denen Hühner, Enten, Gänse oder auch Kiebitze gehören.
Keine Hähne im Stall
Doch wer nun ein schlechtes Gewissen hat, weil er mit dem Ei ungeborenes Leben verzehrt, der sei beruhigt. Aus den meisten Eiern, die wir essen, könnten sich keine Küken entwickeln. Die Hühnereier sind taub, das heisst nicht befruchtet. «In den Herden, in denen die Hennen hierzulande gehalten werden, gibt es in der Regel keine Hähne», erklärt Hans Oester vom Bundesamt für Veterinärwesen. Eine Ausnahme seien Eier aus der Bioproduktion. Da bei der biologischen Haltung in den Herden Hähne vorgeschrieben sind, könnten Bio-Eier befruchtet sein. Rote Flecken, die gelegentlich im Eigelb zu sehen sind – auch bei konventionellen Eiern –, seien aber meist kein Hinweis auf ein bebrütetes Ei, so Oester. «Das können kleine Einschlüsse von Blut sein, das aus geplatzten Äderchen stammt – so wie es bei unserem Nasenbluten passieren kann.»
Im Geschmack und Nährwertgehalt unterscheiden sich befruchtete oder unbefruchtete Eier nicht. Ebenso verhält es sich mit braunen oder weissen Eiern – im Inneren sind sie gleich. Doch wann legt eine Henne ein weisses und wann ein braunes Ei? «Das hat nichts mit der Gefiederfarbe zu tun», wehrt Oester ab. Dennoch gibt es einen äusseren Hinweis: «Wenn die Ohrscheibe einer Henne weiss ist, so legt sie weisse Eier. Ist die Ohrscheibe rötlich oder braun, so sind die Eier braun.»
Ich wollt, ich wär ein Huhn...
Hühner und andere meist kleinere Vögel können jeden Tag ein Ei legen. Bei ihnen dauert es ungefähr 24 Stunden von Eisprung und Befruchtung, bis sich zuletzt die schützende Kalkhülle um das Ei gebildet hat. Das sei ein heikler Schritt, erklärt Christian Marti von der Vogelwarte Sempach. «Meist legen die Vögel in den frühen Morgenstunden ihre Eier.» Die Kalkhülle bilden sie in ihrer Ruhephase.
In der Natur legen die Vögel so viele Eier, bis die Gelege voll sind. Das ist bei Hühnern und Gänsen nach etwa zehn bis zwölf Stück der Fall. Nimmt man ihnen jedoch ein oder mehrere Eier weg, so füllen sie die Anzahl wieder auf. «Das tun aber nicht alle Vögel», so Marti. «Amseln, die vier bis fünf Eier legen, scheinen nicht zu merken, wenn eines fehlt.» Diese Vögel würden sich also nicht als Eierproduzenten eignen.
Verbreiteter Kannibalismus
Hochgezüchtete Legehennen können bis zu 320 Eier pro Jahr legen. Das tun sie in der Schweiz seit 1991 nicht mehr in Käfigbatterien. Seitdem muss hierzulande Geflügel per Gesetz tiergerecht gehalten werden, das heisst im Freiland oder in Volieren. Hühner sind Bodenvögel. Sie müssen scharren und kratzen, schlafen erhöht auf einer Stange, und flattern oder fliegen nur kurze Strecken. «Doch auch in einer tiergerechten Haltung lässt sich manchmal nicht vermeiden, dass sich Hühner gegenseitig mit dem Schnabel picken, sich Federn ausreissen und Kannibalismus zeigen», sagt Oester. Hühner sind nicht nur Körnerpicker. «Sie lieben Fleisch und können sogar mal eine Maus verschlingen.»
Das Federpicken sei aber kein «aggressives» Verhalten, erklärt Ruedi Fries von der Technischen Universität in München. Normalerweise diene es eher dem Erkunden. Der gebürtige Luzerner Hinterländer hat zusammen mit seinem Team erforscht, wann Hühner das abnorme Verhalten entwickeln. «Es gibt Hühnerrassen, die eher zum Federpicken neigen als andere», so Fries. Meist tritt es bei Hennen auf, die braune Eier legen. Diese Tiere reagieren stärker auf ihre Umwelt, sie sind schneller gestresst. Das Picken ist ein stereotypes Verhalten, erklärt der Tiergenetiker, vergleichbar mit den monotonen Bewegungen von Zootieren in zu kleinen Käfigen.
Eine Studie bei Blaumeisen gab Fries einen Hinweis. Wissenschaftler konnten gezielt Meisen züchten, die entweder vorwitzig und interessiert gegenüber Neuem waren oder zurückhaltend und vorsichtig. Nur ein Gen war bei diesen Blaumeisen verändert, das Gen für einen Dopamin-Rezeptor. Dieses Gen untersuchte Fries bei Hühnern und fand Überraschendes: Hennen, die eine bestimmte Variante dieses Gens trugen, neigen eher zu dem abnormen Verhalten.
Über gelbe Beine gestolpert
Doch das Team fand noch ein weiteres Gen mit einer ähnlichen Funktion beim Huhn. Es beeinflusst den Serotonin-Stoffwechsel im Gehirn. Auch dieses Gen scheint eine Rolle beim Federpicken zu spielen. Ein verwandtes Gen beim Menschen hänge mit der Anfälligkeit für Depressionen zusammen, erklärt Fries.
Federpicken oder kannibalisches Verhalten ist von den wildlebenden Vorfahren der Haushühner nicht bekannt. Ursprünglich stammt das Haushuhn vom Bankivahuhn ab. Bis zum letzten Jahr galt dieser südostasiatische Vertreter als der einzige Vorfahre von unseren Eier- und Pouletproduzenten. Doch die gelben Beine passten für den schwedischen Forscher Leif Andersson nicht ins Bild. Denn für die gelbe Farbe in der Hühnerhaut ist ein defektes Enzym verantwortlich. Normalerweise spaltet es die roten Farbstoffe in der Nahrung, die Karotinoide, in farbloses Vitamin A.
Das Bankivahuhn trägt jedoch das funktionelle Enzym. Doch bei einer anderen Wildform, dem Grauen Kammhuhn, fanden die Forscher von der Universität Uppsala die Genmutation für die gelben Beine. Demnach, so Andersson, stammen zwar die meisten Haushühner von Bankivahuhn ab, dennoch ist irgendwann einmal in den letzten tausend Jahren eine weitere wilde Hühnerart eingekreuzt worden. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 10.04.2009, 23:13 Uhr
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1 Kommentar
Von wegen tiergerecht: tausende von Hennen zusammengepfercht in einem Stall lebend, im Falle von "Freiland"-Hühnern mit einem winzigen Auslauf, wo wegen der Übernutzung kein Grün mehr vorkommt, so sieht die Realität aus. Und so entsteht kannibalisches, aggressives Verhalten. Herr Fries gibt dazu ein "wissenschaftliches" Deckmäntelchen. Antworten







