Risikostoffe im Abwasser

Unzählige Chemikalien aus Medikamenten, Pestiziden oder Waschmitteln gelangen in die Gewässer. Dass dies oft durch Unwissen geschieht, macht der Info-Tag der Eawag deutlich.

Mit detektivischem Gespür entdecken Umweltwissenschaftler immer mehr chemische Substanzen aus unserem Alltag in Flüssen, Seen und Kläranlagen und können theoretisch jeden einzeln als Umweltsünder an den Pranger stellen. Zum Beispiel den 42-jährigen Urs, der eigentlich aus seiner Sicht umweltbewusst lebt, Velo fährt und seinen Müll fachgerecht trennt.

«Weil er sich nach der Arbeit beim Unihockey verletzt hat, am nächsten Tag aber fit sein möchte, schluckt er am Abend schnell noch das Schmerzmittel Voltaren mit dem entzündungshemmenden Wirkstoff Diclofenac», sagte Kristin Schirmer vom Wasserforschungsinstitut (Eawag) gestern Dienstag am Info-Tag an der ETH Zürich. Anhand der fiktiven Person Urs geht die Biologin auf chemische Spurensuche und zeigt, wie stark wir durch unser Verhalten jeden Tag die Umwelt belasten.

Duschmittel in Fischen

Für den Konsumenten auf den ersten Blick oft nicht erkennbar, stecken in vielen Präparaten Schadstoffe. Auch Urs hat sich darüber noch nie gross Gedanken gemacht und duscht sich, weil es so praktisch ist, mit einer flüssigen Seife, die das Biozid Triclosan enthält. Auf diese Weise bleibt das Duschpräparat zwar länger frisch und schimmelt nicht, aber das Desinfektionsmittel gelangt auch in Abwässer, Seesedimente und Fische.

Doch damit nicht genug. Am nächsten Morgen nimmt er wie gewohnt vor der Arbeit ein Parfüm mit dem Moschus-Duftstoff Galaxolid. Er weiss jedoch nicht, dass dieses künstlich hergestellte Molekül besonders gut fettlöslich ist und sich über die Nahrungskette anreichert, sodass es letztlich auch in Muttermilch und in Meerestieren vorkommt. Brisant ist, dass die Chemikalie in den Zellstoffwechsel eingreifen kann. «Sie verhindert, dass Giftstoffe aus den Zellen befördert werden», erklärt Kristin Schirmer. Allerdings sei noch zu wenig darüber bekannt, welche Rolle dieser Effekt bei den komplexen Vorgängen im Organismus spiele.

Geschädigte Bachflohkrebse

Pauschale Grenzwerte genügen laut den Experten auf der Tagung nicht, um Schäden durch Giftstoffe in Gewässern zu vermeiden. Der Lehrsatz, wonach allein die Dosis die Wirkung eines Gifts bestimme, habe sich in Studien als falsch erwiesen. So untersuchten Eawag-Forscher, wie sich das Pflanzenschutzmittel Carbaryl, dessen Konzentration im Wasser typischerweise stark schwankt, auf Bachflohkrebse auswirkt.

Ob der Süsswasserkrebs durch wiederholte Einträge dieses Pestizids abstirbt oder sich von der Exposition erholen kann, hängt vor allem auch vom Zeitraum zwischen zwei erhöhten Schadstoffbelastungen ab. Erfolgte beispielsweise eine zweite Schadstoffwelle innert weniger als 34 Tagen nach der ersten, war dies für die Tiere viel schädlicher.

Durch das Knowhow der Fachleute lässt sich der Eintrag von Schadstoffen zum Teil stark reduzieren. Etwa bei Dachpappen, die oft als Feuchtigkeitssperre unter Dachziegeln eingesetzt werden, ist dies gelungen. Denn sie enthalten zum Beispiel ein Herbizid, das Pflanzenwurzeln abtötet. Durch eine Zusammenarbeit der Eawag mit Herstellern liessen sich die Rezepturen und Anwendungsempfehlungen so verändern, dass dadurch das Herbizid mehr als zehnmal weniger stark aus den Dachpappenbahnen ausgewaschen wurde als früher.

Süssstoff im Rhein

Ein chinesisches Sprichwort würde die Situation des Eintrags von Schadstoffen in Gewässer gut auf den Punkt bringen, sagt Kristin Schirmer. Demnach sei es zwar leicht, Wasser auszuschütten, aber es aufzusammeln viel schwieriger. Auch Urs sei sich über die Folgen nicht im Klaren gewesen, welche sein eigener, chemischer Cocktail bewirken könne. Sogar der Süssstoff im Kaffee, den er wie viele andere täglich benutzt, hinterlässt Spuren. Wie eine Eawag-Studie zeigt, ist diese Substanz bereits im Rhein nachweisbar. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.06.2009, 09:42 Uhr

Meistgelesen in der Rubrik Wissen

Von Japanern und Delfinen

Das Magazin




© Tamedia AG 2010 Alle Rechte vorbehalten