Interview

«Wenn das in der Schweiz passiert wäre, müssten alle ins Gefängnis»

Nach dem Streit mit 100 Sherpas sitzt beim Schweizer Extrembergsteiger Ueli Steck der Schock noch tief. Er sagt: «Die wollten uns umbringen.» Was geschah am Mount Everest? Im Interview nimmt er Stellung.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Nach einem gewalttätigen Zwischenfall mussten Sie Ihre Mount-Everest-Expedition abbrechen. Wann kehren Sie an diesen Berg zurück?
Diese Frage kann ich nicht beantworten. Denn wenn ich sie jetzt beantworte, sage ich «nie mehr». Aber es heisst ja, sag niemals nie. Im Moment sind noch zu viele Emotionen da. Ich brauche Zeit, um das Ganze zu reflektieren. Dann kann man weiter sehen.

Offenbar hat eine aufgebrachte Menge von rund 100 Sherpas Sie und Ihre Mitkletterer Simone Moro und John Griffith letzten Sonntag angegriffen und mit dem Tod bedroht. Wie ist dieser Angriff genau abgelaufen?
Ich möchte dazu nicht mehr sagen, als wir bereits gesagt und geschrieben haben (siehe Info-Box). Das ist eine heikle Angelegenheit. Sie müssen sich vorstellen: Die wollten uns umbringen. Sie sagten, wenn wir nicht gehen, bringen sie uns um. Es waren 100 Leute. Das steckt man nicht so einfach weg. Es ist vieles passiert, das man nicht am Telefon erklären kann.

Es heisst, Sie hätten von Sherpas angebrachte Seile überquert; dabei habe sich Eis gelöst. Ist es auf die Sherpas gefallen oder hätte es sie beinahe getroffen?
Es hat sich kein Eis gelöst. Kein Sherpa ist verletzt worden. Doch zu Beginn hat einer behauptet, er sei durch Eis verletzt worden. Er hat später aber zugegeben, dass er ausgerutscht war und sich so am Kopf verletzte.

Wie konnte das aufgeklärt werden?
Bei einer Aussprache im Basislager sind beide Seiten übereingekommen, dass wir alle zur falschen Zeit am falschen Ort waren. Weder die Sherpas, noch wir haben uns falsch oder richtig verhalten. Es ist völlig normal, dass es am Berg Diskussionen gibt. Das kann ich akzeptieren. Entscheidend ist aber, was im Lager 2 geschehen ist. Denn selbst wenn ein Sherpa verletzt worden wäre, weil ein westlicher Bergsteiger einen Fehler gemacht hätte, wäre das kein Grund, um zu versuchen diese Leute umzubringen.

Weshalb ist die Situation eskaliert?
Das Problem ist nicht in dem Moment entstanden, sondern in den letzten 20-30 Jahren. Es gibt eine Kluft zwischen westlichen Bergsteigern und Sherpas. Am Everest geht es um sehr viel Geld und Prestige. Die Sherpas verdienen selber zwar auch viel, sie sehen aber, wie viel Geld die kommerziellen Expeditionen machen. Das führt zu Spannungen, die man nicht so leicht in den Griff kriegt.

Es gibt den kommerziellen Aspekt, aber es kommt auch immer wieder vor, dass Sherpas durch Eis oder Steine, die sich wegen anderer Kletterer gelöst haben, schwer verletzt oder gar getötet werden.
Jeder kann frei entscheiden, welchen Job er macht. Wenn man in die Berge geht, ist das gefährlich. Das muss jeder akzeptieren. Es trifft nicht nur Sherpas, es trifft auch westliche Bergsteiger. Im letzten Jahr starben neun Westler und Sherpas am Everest. Wir sitzen alle im gleichen Boot. Die Sherpas sind nicht einfach die Armen. Sie verdienen viel Geld und gehören zu den reichsten Menschen in Nepal.

Unter denen, die Sie angriffen, waren auch Sherpas, mit denen Sie im letzten Jahr den Everest bestiegen hatten und die Ihre Freunde waren.
Es sind Dinge passiert, die menschlich nicht nachvollziehbar sind.

Am Tag nach dem Angriff hat es eine Versöhnungszeremonie gegeben. Wie sah die aus?
Es ging darum, eine konstruktive Lösung zu finden, insbesondere, was mit den Anführern des Angriffs geschehen soll. Wenn das in der Schweiz passiert wäre, dann müssten alle ins Gefängnis. Denn es war versuchter Mord. In Nepal kann man das nicht so lösen. Wenn man es so durchgezogen hätte, wären vielleicht vier oder fünf ins Gefängnis gekommen. Aber die anderen hundert hätten noch viel mehr Hass auf Europäer. Und das kann nicht das Ziel sein. Es ist eine sehr heikle Angelegenheit.

Wie haben Sie sie schliesslich entschärft?
Wir haben eine Vereinbarung getroffen, in der alle Führer der Sherpas sagen, so etwas dürfe nie wieder vorkommen. Und mein Kollege Simone Moro musste sich offiziell für die Schimpfworte entschuldigen, die er ausgesprochen hatte. Damit ist der Streit begraben. Aber das ist ein Papier, das nicht das ganze Problem löst. Es war nur ein erster Schritt.

Was müsste man noch tun?
Die kommerziellen Expeditionen sind ein grosses Problem. Es gibt immer mehr Sherpas. Die älteren sind in die Everest-Besteigungen hineingewachsen. Sie haben Respekt, wissen, worum es geht und auch, woher das Geld kommt. Viele Junge sind heute sehr schnell erfolgreich, verdienen viel Geld und sind grosse Helden. Sie wollen nun die Kontrolle über das Ganze übernehmen. Das schafft immer wieder Probleme. Dazu kommt ein kulturelles Problem. Die Nepalesen greifen bei vielen Konflikten auch untereinander zur Selbstjustiz. Und genau das wollten sie in Lager 2 machen.

Könnte man das Verhalten der jungen Sherpas auch als eine Art Emanzipation sehen?
Vielleicht schon. Aber was bedeutet Augenhöhe? Ich habe noch nie einen Sherpa schlecht behandelt. Letztes Jahr hatte ich einige Sherpas gefragt, ob ich mit ihnen auf den Gipfel darf. Das war kein Problem. Ich bin hinter ihnen gegangen und habe sie nicht überholt, obwohl ich das hätte tun können, da ich keine Fixseile brauche. Das haben sie mir sehr hoch angerechnet. Es gibt aber Junge, die offenbar glauben, ihre Arbeit sei schlechter als unsere.

Früher waren die Sherpas eher Diener der westlichen Bergsteiger, heute wollen sie auf Augenhöhe verhandeln.
Am Tag des Vorfalls war eine Gruppe schon fünf, sechs Stunden dabei, Seile zu fixieren. Da gingen wir in einem nur eineinhalbstündigen Marsch an ihnen vorüber. Das schafft Neid und Hass. Denn es gibt ihnen das Gefühl, sie seien schlechter als wir. Ich glaube, ich bin den Sherpas immer auf Augenhöhe begegnet. Aber vieles hängt von der Persönlichkeit der einzelnen Menschen ab. Wenn man andere nur aufgrund von Äusserlichkeiten, Leistung oder Geld wahrnimmt, dann stören die Unterschiede.

Es heisst, wenn das kurze Zeitfenster naht, während dem Besteigungen möglich sind, steige jeweils die Anspannung der Hunderten, die auf den Gipfel wollen. War das in diesem Jahr besonders ausgeprägt?
Nein, das war überhaupt nicht der Fall. Wir waren noch in der Phase der Akklimatisation und die Stimmung war entspannt. An dem Tag war es aber recht kalt und windig. Es war nicht einfach, am Berg zu arbeiten.

Sie mussten Ihre Expedition abbrechen. Was hatten Sie vor?
Wir planten eine Überschreitung, etwas das vorher noch nie jemand geschafft hat. Die Details gebe ich nicht bekannt. Ich glaube unser Plan hätte mit diesem Team funktioniert. Die Verhältnisse waren perfekt. Nun geht es halt nicht. Manchmal kommt im Leben etwas dazwischen.

Wann kommen Sie in die Schweiz zurück?
Das weiss ich nicht genau. Ich befinde mich jetzt in der nepalesischen Hauptstadt Kathmandu und muss noch vieles regeln. (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 02.05.2013, 10:36 Uhr

«Sie warfen einen grossen Stein in mein Zelt. Hätte er mich getroffen, wäre ich jetzt tot», sagt Ueli Steck im Interview mit «abc news» (siehe unten): Steck, hier auf der Annapurna Southface Expedition im Mai 2007. (Bild: Robert Boesch)

Amerikanerin stellte sich vor Ueli Steck



(Video: Nachrichten-Beitrag von abc news/Youtube)

So verlief der Angriff gemäss Steck

Am 27. April stiegen Ueli Steck, Simone Moro und John Griffith von Camp 2 zu ihrem Zelt vor Camp 3 auf. Kurz vor dem Ziel war eine Gruppe von Sherpas dabei, Fixseile zu installieren. Die westlichen Bergsteiger setzten den Aufstieg nach eigenen Angaben 50 Meter von den Seilen entfernt fort. Um in ihr Zelt zu gelangen, mussten sie zuletzt die Seile traversieren. Als Steck an der Reihe war, entdeckte ihn der Chef-Kletterer. Der protestierte und seilte sich zu Steck ab. Moro stiess dazu und wurde verbal ausfällig. Die Sherpas brachen ihre Arbeit ab und stiegen hinab ins Camp 2.

Als etwas später Steck und seine Kollegen dort eintrafen, warteten offenbar schon 100 «sehr aggressive» Sherpas auf sie. Gegenüber dem Migros-Magazin schildert Steck die Ereignisse folgendermassen: «Ich hatte grosses Glück, dass sich die amerikanische Bergsteigerin Melissa Arnot zwischen uns und die aufgebrachten Sherpas stellte und so den ersten Angriff abwehrte. Ich hatte die Situation zu wenig schnell richtig eingeschätzt und wurde von einem Stein am Kopf getroffen. Jonathan und Simone rannten los und konnten sich verstecken. Greg Vernoovage drängte mich ins Zelt, um mich in Sicherheit zu bringen und stand danach vor dem Zelteingang. Die Sherpas umzingelten das Zelt und sagten, ich soll herausgeholt werden. Sie wollten mich als Ersten umbringen.»

Die Sherpas hätten dann einen grossen Stein ins Zelt geworfen. Dieser traf ihn aber nicht, sagte Steck zu «abc news». «Dann riefen die Sherpas nach Simone Moro», schildert Steck die Ereignisse im Migros-Magazin weiter. «Er musste sich auf den Knien für die lauten Worte am Berg entschuldigen und erhielt Fusstritte ins Gesicht. Nach seiner Entschuldigung beruhigte sich die Situation etwas, und die Sherpas entschieden, wir hätten eine Stunde Zeit, um den Berg zu verlassen, und uns sei es nicht mehr erlaubt, zurückzukehren.» Von den beteiligten Sherpas hat sich bisher niemand öffentlich zu dem Vorfall geäussert. Dem Sender abc sagte die Amerikanerin Melissa Arnot laut der Nachrichtenagentur AFP, die Bergsteiger aus Europa hätten sich falsch verhalten. Die Sherpas hätten bei der Kommunikation Fehler gemacht.
(rub)

Video



«Alle fühlen sich gut»: Auf EpicTV veröffentlichten die Bergsteiger zu Beginn ihrer Expedition ein Video.

Artikel zum Thema

Ueli Steck bricht Everest-Expedition ab

Ueli Steck ist wohlauf und zurück im Basislager. Die Expedition ist für ihn nach dem Streit mit den Sherpas aber vorzeitig zu Ende. Die Frage drängt sich auf, weshalb die Einheimischen derart ausgerastet sind. Mehr...

«Sherpas müssen ihre Gäste oft bis in den Tod begleiten»

Interview Dass es zum Konflikt am Everest kam, ist nicht erstaunlich, sagt Everest-Kenner Walther Lücker. Denn die Sherpas leisten viel und haben trotzdem keine Autorität. Nur dass es Ueli Steck traf, findet er erstaunlich. Mehr...

«Westler» gegen Nepalesen am Mount Everest

Bergsteiger Ueli Steck führt die Aggressionen von Sherpas auf ein «Problem» zwischen Einheimischen und Besuchern zurück. Nepalesen werfen ihm vor, sich nicht an die Regeln am Hang gehalten zu haben. Mehr...

Blogs

Von Kopf bis Fuss Die älteste Yogalehrerin der Welt

Blog Mag Achtung! Expliziter Inhalt

Promotion

Kostenlose Ebooks

Laden Sie in unserem Weiterbildungs-Channel kostenlos Ebooks herunter.

Die Welt in Bildern

Strassenkunst: Ein übergrosses Graffiti ziert die Wand eines Hochhauses in Berlin (28. April 2017).
(Bild: Felipe Trueba) Mehr...