Wissen
Wer die Roten Varis das Fürchten lehrte
Der Rote Vari liegt hoch oben auf der Metallkonstruktion direkt unter dem durchsichtigen Hallendach und geniesst die Wintersonne. Sein Kollege hat sich derweil eine süsse Frucht von einem Baum geangelt und verzehrt sie wenige Schritte von den Besuchern entfernt. «Die Frucht ist zu gut, um vor uns zu fliehen», sagt Zoodirektor Alex Rübel.
Als die Masoala-Halle im Zürcher Zoo vor fünfeinhalb Jahren eröffnet wurde, konnte man nur mit Geduld und Glück einen der Halbaffen erspähen. Inzwischen sind die Tiere bedeutend weniger scheu geworden. «Sie lassen sich von den Besuchern nicht beeindrucken, bleiben aber trotzdem auf Distanz», erklärt Chefpfleger Stefan Wettstein.
Neben den Roten Varis, die mit einem Gewicht von rund vier Kilogramm zu den grössten Lemuren gehören, leben in der Masoala-Halle auch deutlich kleinere Bambuslemuren. «Im Regenwald hausen die Varis ganz oben im Penthouse, die Bambuslemuren hingegen in den unteren Etagen», erklärt Rübel. «In ihrer Heimat in Madagaskar kommen sie sich nicht in die Quere, hier aber schon.»
Früher seien die Varis die Chefs in der Halle gewesen, sagt der Zoodirektor. Die zwei Bambuslemuren, beides Männchen, zogen jeweils den Schwanz ein und machten sich aus dem Staub, wenn sich ein grosser Halbaffe näherte. Doch dann kam ein Bambuslemuren-Weibchen mit einem Jungen dazu, «ein richtiges Räf, das die Varis eingeteilt hat», erzählt Rübel. Am Anfang hätten die Tiere einige Blessuren davongetragen, doch jetzt gehe es gut. Die vier kleinen Bambuslemuren behaupten sich gegen die acht grossen Varis, die sich ihrerseits nun zurückziehen, wenn Knatsch droht.
Fäulnispilze fühlten sich zu wohl
Obwohl es in der Halle angenehm warm ist, spürt man den Winter auch hier: Einzelne Pflanzen werfen ihr Laub ab und schlagen erst im Frühling wieder aus - für tropische Gewächse ein unüblicher Prozess. Das Pflanzenwachstum werde durch drei Faktoren gesteuert: Licht, Wärme und Regen, erklärt Rübel. «Im Winter müssen wir die Wärme und den Regen dem Licht anpassen.» Eine künstliche Beleuchtung würde zu viel Energie verschlingen und wäre zu teuer.
Am Anfang war es im Winter zu feucht, deshalb verfaulten viele grüne Pflanzen. Nun lassen es die Hallenbetreiber in der kältesten Zeit nur noch alle zwei Wochen regnen statt mehrmals pro Woche, wie ursprünglich geplant. Zusätzlich wird die Luft besser umgewälzt. Auf der Seite der Halle stehen meterbreite Düsen, die grosse Strömungen erzeugen und so die feuchte Luft vom Boden bis unters Dach blasen, wo sie wieder abgesaugt wird. «Mit der besseren Luftumwälzung vergällen wir den Pilzen übermässiges Wachstum», sagt Rübel. Dadurch konnte die unerwünschte winterliche Fäulnis gestoppt werden. Die Pilze seien aber ein wichtiger Bestandteil des Regenwaldes, betont der Fachmann. Sie helfen bei der raschen Zersetzung von totem Material und sorgen so dafür, dass die Nährstoffe neuen Lebewesen wieder zur Verfügung stehen. Mindestens 130 verschiedene Pilzarten hat es in der Zürcher Masoala-Halle, darunter auch eine Art, die mit einem Schleier einen prachtvollen Anblick bietet - aber nur für ein paar Stunden, am anderen Tag sei dieser Pilz nur noch «ein Häufchen Elend», meint Wettstein.
Weniger willkommen sind die Ameisen, die mit Pflanzen in die Halle eingeschleppt wurden. «Sie haben sich extrem wohlgefühlt und vermehrt», erzählt Wettstein. Die Bekämpfung mit einem Frassgift half, und in der kühleren Jahreszeit sank die Zahl der Ameisen weiter. «Wieso, weiss man nicht», sagt Wettstein. «Diesen Winter wurden sie besonders stark dezimiert. Darüber sind wir glücklich.» Die Grösse der Halle habe es ermöglicht, ein Gleichgewicht herzustellen, ergänzt Rübel.
Buffet statt Einzelservice
Auch beim Futtermanagement machen die Pfleger heute einiges anders als zu Beginn. Früher habe man die Tiere separat gefüttert, was aber schwierig gewesen sei, sagt Wettstein. «Heute servieren wir ein Buffet.» Bei den Futterkörben mit Gemüse und Früchten bedienen sich sowohl Halbaffen wie Flughunde, eine Art grosse Fledermäuse. Für die verschiedenen Vogelarten gibt es nur noch zwei Teller - eine Insekten- und eine Körnermischung.
Viele Tierarten in der Masoala-Halle pflanzen sich inzwischen erfolgreich fort. Damit der Zoo die Übersicht über den Bestand behält, fangen die Tierpfleger jeweils im August die Jungtiere ein und versehen sie mit einem Chip; die Vögel werden beringt. Pech mit der Aufzucht hatten die Zoofachleute bisher bei den Grauköpfchen, einer Papageienart, die nur in Madagaskar vorkommt. «Wir hoffen, dass es dieses Jahr klappt», sagt Rübel. Bei den Roten Varis hingegen verhindern Hor- monimplantate, dass sie noch mehr Nachwuchs bekommen.
Wie erhofft, hat sich die Masoala-Halle in den letzten Jahren vom Garten zum Wald entwickelt und gleicht ihrem natürlichen Vorbild, dem Masoala-Regenwald im Norden Madagaskars, immer mehr. Der Besucherpfad führt vorbei an Vanillepflanzen, die sich an einem Stützbaum emporranken, und an Ylang-Ylang-Bäumen, deren Blüten zur Parfümherstellung verwendet werden, zum Beispiel für Chanel No. 5. «Eines unserer Highlights sind die Kakaobäume», sagt Wettstein. Je nach Sorte tragen die Bäume grüne oder rote Früchte. Die Ernte war bereits so reichlich, dass die Pfleger Schokolade herstellten.
Etwas abseits steht eine Pflanzschule, in der verschiedene Gewächse aus Samen gezogen werden. «Die Palmen sind speziell heikel, manche Samen brauchen bis zu drei Jahren, bis sie keimen», erklärt Wettstein. «Da müssen wir noch sehr viel lernen.» Doch ein paar Schritte weiter vorn wachsen am Hallenrand bereits ein paar Exemplare einer Palmenart, die in Masoala nur noch an zwei Orten vorkommt. Die Bäumchen sind ein paar Dutzend Zentimeter hoch. Später wird es nur für zwei oder drei dieser Palmen in der Halle Platz haben, die restlichen müssen kompostiert werden. «Wir dürfen aus rechtlichen Gründen keine Pflanzen aus Madagaskar weitergeben», erklärt Rübel.
Mausmakis überwachen
In der kleinen Voliere neben den Palmen können Tiere gepflegt und aufgefüttert werden. Hier verpflegen sich zudem die nachtaktiven, nur acht Zentimeter grossen Mausmakis. Sie schlüpfen durch eine enge Röhre und «loggen» sich dabei mit ihrem Chip automatisch ein. Eine Infrarotkamera filmt, wie sie über eine Waage ans Fressen und wieder zurück in die Halle gelangen. Bis zu 15 Gramm Futter würden die nur 40 bis 50 Gramm schweren Tiere jeweils gegen Mitternacht vertilgen, sagt Wettstein. Die Daten über das Verhalten jedes einzelnen Tieres werden zurzeit von zwei Forscherinnen ausgewertet.
Am anderen Ende der Halle trennt ein kleiner Teich die Besucher von den Riesenschildkröten, die gemächlich nach Futter suchen. Eines der jüngeren Tiere hat einen seltsam verformten Panzer mit Knoten. «Sie wurde falsch gefüttert, bevor sie zu uns kam», sagt Rübel. «Ich hoffe, dass sich das in den nächsten 30 Jahren auswächst.»
Erstellt: 21.02.2009, 12:05 Uhr









Die Welt in Bildern



































