Arme Länder nehmen Abschied von der Kohle

Die Weltklimakonferenz hat einen Fahrplan zur Umsetzung der Klimaschutzziele beschlossen. 48 Länder wollen ganz auf erneuerbare Energien setzen. Unklar bleibt die Rolle der USA.

48 Länder wollen in der Energieerzeugung umschwenken: Flaggen der teilnehmenden Nationen flattern an ihren Masten. (8. November 2016)

48 Länder wollen in der Energieerzeugung umschwenken: Flaggen der teilnehmenden Nationen flattern an ihren Masten. (8. November 2016) Bild: Mosa'ab Elshamy/Keystone

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Bei der Klimakonferenz in Marrakesch haben die Delegierten am Freitagabend einen Fahrplan zur Umsetzung der Klimaschutzziele von Paris beschlossen. Die Teilnehmerstaaten verpflichten sich, 2017 ihre Fortschritte beim Klimaschutz zu «überprüfen».

Im Mittelpunkt der knapp zweiwöchigen Gespräche in Marokko stand die Ausgestaltung des Pariser Klimaschutzabkommens. Dazu zählten auch Finanzhilfen reicher Staaten für die Bewältigung des Klimawandels in armen Ländern.

Mehr finanzielle Mittel gefordert

Die Weltgemeinschaft hatte sich in der französischen Hauptstadt im Dezember 2015 darauf verständigt, die Erderwärmung auf ein beherrschbares Mass von deutlich unter zwei Grad und möglichst unter 1,5 Grad im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter zu begrenzen. Die bisher vorliegenden nationalen Zusagen zur Verringerung des Treibhausgasausstosses reichen dazu allerdings bei weitem nicht aus.

Aktivisten beklagten nach Abschluss der Konferenz, dass die Regierungen keine klaren und konkreten Zusagen für eine Erhöhung der finanziellen Mittel im Kampf gegen den Klimawandel gemacht worden seien. Das Abkommen beinhalte weit mehr als die Reduktion des CO2-Ausstosses. Es gehe auch um Finanzierung und Technologie zur Unterstützung der Anstrengungen.

Abschied von Kohle

Dutzende arme Staaten haben den Abschied von Kohle, Öl und Gas angekündigt. Insgesamt 48 Länder wollen so schnell wie möglich in der heimischen Energieerzeugung ganz auf erneuerbare Quellen wie Wind und Sonne umschwenken.

Die Unterzeichner verpflichteten sich dazu heute mit einer gemeinsamen Erklärung, der «Marrakesch-Vision». In den eigentlichen Verhandlungen, die am späten Nachmittag noch andauerten, rangen Klimadiplomaten derweil um letzte Details. Erwartet wurden Gespräche bis weit in den Abend.

Die Konferenz sollte die Umsetzung des historischen Paris-Abkommens vom Dezember 2015 auf den Weg bringen. Umstritten waren etwa Vorentscheidungen zur Zukunft des so genannten Anpassungsfonds. Er soll armen Ländern helfen, sich auf Folgen der teils schon unvermeidlichen globalen Erwärmung einzustellen. Wichtig ist er vor allem Entwicklungsländern, die besonders unter Dürren, Stürmen oder Sturmfluten leiden.

Investitionen in CO2-freie Energien

Bundesrätin Doris Leuthard hat an der Konferenz für eine entschlossene Umsetzung des Pariser Klimaschutz-Abkommens plädiert. Weltweit nötig seien insbesondere Investitionen in CO2-freie Energien.

In ihrer Rede am Donnerstag sagte die Schweizer Umweltministerin weiter, es brauche mehr private Mittel zur Finanzierung klimapolitischer Massnahmen in Schwellen- und Entwicklungsländern. Sie appellierte an die Privatwirtschaft, in klimafreundliche Technologien zu investieren und damit die Wettbewerbsfähigkeit zu stärken.

Die deutsche Umweltministerin Barbara Hendricks zeigte sich heute zufrieden. Nicht nur das Engagement der Staaten, sondern auch von Städten, Regionen, Unternehmen und der Zivilgesellschaft mache das jährliche Treffen der Klimadiplomaten «mehr und mehr zu einer konkreten Tatenkonferenz», sagte Hendricks.

Unklare Rolle der USA

Einige Nichtregierungsorganisationen (NGO) waren weniger zuversichtlich. Viele Fragen seien nach dem Spitzentreffen weiter offen, sagte etwa Michael Müller, Vorsitzender der Naturfreunde Deutschland. «Die Rollen wichtiger Akteure sind unklarer denn je. Wie geht es unter Donald Trump in den USA, immerhin der zweitgrösste Emittent von Treibhausgasen, weiter?», fragte er.

Der künftige US-Präsident hatte im Wahlkampf unter anderem einen Ausstieg seines Landes aus dem Pariser Klimaschutz-Abkommen ins Spiel gebracht. Die Klimaerwärmung nannte er in einer Twitter-Mitteilung einen «Scherz», bei anderer Gelegenheit bezeichnete er sie als Erfindung der Chinesen.

Der Vorsitzende der Konferenz in Marrakesch, Salaheddine Mezouar, hatte Trump am letzten Verhandlungstag zu «Pragmatismus» in der Klimapolitik aufgefordert. Die internationale Gemeinschaft stehe in einem «grossen Kampf für die Zukunft unseres Planeten», sagte der marokkanische Aussenminister. Es gehe dabei um «die Würde von Abermillionen Menschen». Die Botschaft der Konferenz an Trump laute: «Wir zählen auf Ihren Pragmatismus und Ihren Geist der Verpflichtung.»

Komplette Umstellung

Für Manuel Graf vom WWF Schweiz verliefen die Verhandlungen positiv. «Das Pariser Abkommen muss nun aber belebt werden», erklärte er laut einer Mitteilung. Dafür brauche es Transparenz und Regeln, die einen Vergleich der Reduktionsbeiträge der Länder ermöglichten. Die Staaten müssten neue Massnahmen zum Klimaschutz einführen, denn «derzeit befinden wir uns auf einem Pfad zu etwa 3,5 Grad Celsius» Erwärmung.

Viel Zuspruch von Umweltschützern gab es aber für die Initiative der Entwicklungsländer zum Abschied von fossilen Brennstoffen. Die meisten der Unterzeichnerstaaten gehören zur Koalition jener Länder, die besonders von der Erderwärmung betroffen sind («Climate Vulnerable Forum», CVF).

Die 48 Länder stossen derzeit nach Angaben von Greenpeace gemeinsam so viel Treibhausgase aus wie Russland, der fünftgrösste CO2-Produzent der Welt. Sie wollen die heimische Energieerzeugung komplett auf erneuerbare Quellen umstellen. Greenpeace kritisierte, dass etwa Deutschland beim Kohleausstieg inzwischen von immer mehr Ländern überholt wird.

Nächster Gipfel in Bonn

Das UNO-Klimaabkommen war am 4. November in Kraft getreten und wurde inzwischen von 110 Staaten ratifiziert, darunter die grössten Treibhausgas-Verursacher USA und China. Da das Abkommen inzwischen in Kraft ist, wäre eine nachträgliche Annullierung des US-Beitritts ein kompliziertes und langwieriges Manöver.

Die nächste Klimakonferenz wird 2017 von den Fidschi-Inseln ausgerichtet. Da sich das Pazifik-Archipel jedoch ausserstande sieht, die zu erwartenden 15'000 bis 20'000 Teilnehmer auf seinem Territorium an einem einzigen Ort zu versammeln, wird die Konferenz aus logistischen Gründen in Bonn stattfinden. (nag/sda)

Erstellt: 18.11.2016, 20:14 Uhr

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