Insekten-Invasion an der Limmat

Wer in der Abenddämmerung entlang der Limmat joggt oder spazieren geht, wird zurzeit von einer dunklen Wolke von Insekten eingehüllt.

Lästig, aber ungefährlich: Riesige Schwärme von Köcherfliegen an der Limmat. (Video: Mario von Ow)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Warum tauchen die «Limmatfliegen» jetzt so plötzlich auf?
Wenn ein Temperatursprung kommt, schlüpfen sie alle auf einmal. Doch im Vergleich zum 19. Jahrhundert ist das, was wir im Moment haben, gar nichts. Damals trat diese Art von Köcherfliegen, die auch Hydropsyche pellucidula heisst, so massenhaft auf, dass sie nicht nur wie jetzt zu Tausenden an Quaigeländern und Bäumen der Limmat herumflogen, sondern morgens auch noch in grosser Zahl an den Häusern des Zürichbergs gefunden wurden.

Auf dem Weg der Uferpromenade paaren sich die Insekten. Gibt es bald noch mehr von ihnen?
Ja, im Mai ist immer Paarungszeit. Sie gehen dann meist irgendwo ins Gebüsch, wo das Männchen mit seinem Greifwerkzeug das Weibchen am Hinterleib festhält und es begattet. Danach fliegt das Weibchen zur Limmat und legt unter Wasser bei einem Stein bis zu 500 Eier ab. Kurz darauf schlüpfen die Larven und häuten sich mehrmals. In grossen Flüssen kann man sie in einer Dichte von bis zu 10'000 Individuen pro Quadratmeter finden.

«Die Tiere haben keinen Stachel und sind somit überhaupt nicht gefährlich für Menschen.»

Wie fressen die Larven unter Wasser?
Am Anfang spinnen sie ein kleines Netz, das wie ein stehendes Gitter aussieht und etwa die Grösse eines 50-Rappenstückes hat. Darin bleiben unter anderem Wasserflöhe oder Grünalgen hängen. Sie sind also keine Räuber, sondern eher passive Filtrierer. Um dafür die besten Plätze zu ergattern, kämpfen sie gegen ihre Konkurrenten. Im Frühjahr bauen sich die Larven einen Köcher, der aussieht wie eine Art Seidenstrumpf mit Steinchen dran. Darin verpuppen sie sich. Nach dieser etwa drei- bis vierwöchigen Puppenruhe beissen sie sich aus dem Kokon, schwimmen an Land und gehen einzeln aus dem Fluss.

Und dann fliegen sie gleich los?
Nein, nicht sofort. An Land häuten sie sich nochmals. Um ihre Flügel zu entfalten, müssen sie zuerst noch Hämolymphe in die Adern pumpen. Obwohl man diese Insektenart früher auch Badener Mücke nannte, hat sie keinen Stachel und ist somit nicht gefährlich für Menschen. Die Beine und auch die Flügel sind bei allen Köcherfliegenarten behaart.

In der Luft wirken Limmatfliegen hyperaktiv und äusserst hektisch. An Land dagegen fast lethargisch. Woran liegt das?
In den jetzt überall zu beobachtenden Tanzschwärmen geht es vor allem darum, einen Geschlechtspartner zu finden. Beim Fliegen können sie eine Geschwindigkeit von bis zu 25 km/h erreichen, etwa wie ein Velofahrer. In der Tat sind Köcherfliegen ansonsten nicht sehr reaktionsschnell, wenn sie einmal sitzen.

Welche Feinde haben sie?
Die adulten Tiere werden von Fledermäusen und Vögeln gefressen. Ihr Auftreten in grossen Schwärmen hat den grossen Vorteil, dass sie sofort einen Geschlechtspartner finden und auch Fressfeinden besser entgehen können. In der Schweiz gibt es insgesamt 315 Köcherfliegenarten, davon etwa ein Drittel auf Zürcher Stadtgebiet.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.05.2017, 18:58 Uhr

Verena Lubini ist Gewässerökologin in Zürich.

Limmatfliege nach dem Gang an Land und vor der letzten Häutung. Foto: Verena Lubini (Verena Lubini)

Sponsored

Ein Hauch Kalifornien in der Westschweiz

Lausanne wird immer wieder mit San Francisco verglichen. Was daran stimmt, sagt Yves Béhar, Designer des 100-Dollar-Laptops.

Blogs

Mamablog 20 Spielideen für den Strand

Blog Mag Essen als Kult

Die Welt in Bildern

Süsse Handarbeit: In der Schokoladenfabrik 'La muchacha de los chocolates' platziert ein Arbeiter eine Kirsche in eine mit Schokolade ausgekleidete Form. (21. Juli 2017)
(Bild: Andres Stapff) Mehr...