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Anatomie einer erfolgreichen Hochschule

Von Matthias Meili. Aktualisiert am 26.02.2010 4 Kommentare

Die ETH Lausanne ist längst aus dem Schatten der ETH Zürich getreten. Nur hat das in der Deutschschweiz noch fast niemand gemerkt.

Zentrum der Wissensfabrik: Das soeben eingeweihte Rolex Learning Center der ETH Lausanne.

Hisao Suzuki

Die ETH Lausanne, französisch École Polytechnique Fédérale de Lausanne oder kurz EPFL, eilt von Erfolg zu Erfolg. Die Einweihung des neuen Rolex Learning Center vergangene Woche ist der neuste Coup einer Hochschule, die – von der Deutschschweiz fast unbemerkt – aus dem Schatten der altehrwürdigen ETH Zürich herausgetreten ist.

Seit dem Jahr 2000 ist die EPFL rasant gewachsen. Heute studieren, diskutieren und forschen im modernen Campus in Dorigny, Politische Gemeinde Ecublens, 7000 Studenten und Doktorierende. Damit ist die EPFL zwar nur halb so gross wie die ETH Zürich, aber weit grösser als noch im Jahr 2000, als die EPFL 4000 Studenten hatte und als gute, aber eher biedere Schule für Ingenieure und Techniker galt.

Weltweiter Erfolg

Heute zählt das Waadtländer Technikum zu den internationalsten Universitäten weltweit. 60 Prozent der Doktoranden kommen aus dem Ausland. Auch im Wettbewerb um Fördergelder schwingt die EPFL regelmässig obenaus. 2008 ergatterten Lausanner Forscher elf der so wichtigen Förderstipendien der Europäischen Union für Spitzenforscher – die sogenannten ERC Advanced Grants –, fünf mehr als die ETH Zürich. (2009 hatte die ETH Zürich bei diesen Beiträgen die Nase wieder vorn.) Und auch in den internationalen Hochschul-Rankings holt die EPFL mächtig auf. Im vielbeachteten Ranking des Times Higher Education Supplement stieg die EPFL in den letzten zwei Jahren vom 117. auf den 42. Rang auf. Die ETH Zürich verbesserte sich im gleichen Zeitraum vom 42. auf den 20. Rang.

Architekt dieser Hochschule ist Patrick Aebischer, 1954 in Freiburg geboren, Sohn eines Künstlerehepaars und langjähriger Hochschulmediziner. Acht Jahre lang arbeitete Aebischer als Professor an einer amerikanischen Universität. Sportlich-dynamisch wie er aussieht, spricht der Präsident der EPFL auch: einnehmend, überzeugend. Wenn er etwas Wichtiges sagen möchte, zieht er eine seiner dichten Augenbrauen hoch, meistens die rechte. Und fast alles, was er sagt, ist wichtig.

Seine Ziele sind hochgesteckt. «Die EPFL möchte die beste Universität der Welt werden, und das Learning Center signalisiert genau diesen Anspruch», verkündet Patrick Aebischer im Webfilm der neuen Bibliothek. Seit seinem Amtsantritt im Jahr 2000 hat Aebischer diese Ziele mit einer Beharrlichkeit und einem politischen Feingefühl verfolgt, die selbst seine Widersacher diesseits des Röstigrabens beeindrucken. «Aebischer ist wohl einer der schlausten Bildungspolitiker der Schweiz», sagt der Zürcher FDP-Nationalrat Ruedi Noser, ein Spezialist für Hochschulfragen.

In Konkurrenz zur ETH Zürich

Aebischers Werkzeuge waren interne Reformen und eine Ausweitung des Einflussbreiches. Die Verschlankung der hochschuleigenen Strukturen hat er gegen alle inneren Widerstände durchgeboxt. 2002 ordnete er die 12 Departemente in fünf grosse Fakultäten um, sogenannte Schools. Hinzu kamen zwei neue Colleges. In diesen grossen Einheiten sollen die Forscher unablässig und transdisziplinär in den zukunftsträchtigsten Forschungsbereichen arbeiten: Life Sciences etwa oder Computer- und Mikrotechnologie, aber auch Finanz- und Managementwesen. An die Spitze setzte er Leute seiner Wahl, denen er jedoch viel Autonomie bei der Leitung der Fakultäten zugestand.

Ein Insider der Szene umschreibt Aebischers Strategie wie folgt: «Gute Leute behalten, schlechte Leute hinauswerfen, gute Institutionen fressen.» Im Kampf der Hochschulen um die besten Professoren hatte Aebischer oft ein goldenes Händchen. So wählte der schillernde israelische Hirnforscher Henry Markram Lausanne als Standort seines Brain Mind Institute, obwohl er Angebote von Spitzenuniversitäten aus aller Welt hatte. Heute arbeitet er am Genfersee an der verrückten Idee, mithilfe von Computerpower ein künstliches Hirn zu erschaffen.

Ausweitung des Portefeuilles

Auch die Ausweitung seines Portefeuilles trieb Aebischer erfolgreich voran. Bis 2003 wurden von der Universität Lausanne die Fächer Chemie, Physik und Mathematik übernommen – und damit auch Studenten, Doktoranden und Professoren mitsamt den Bundesbeiträgen, die an deren Zahl gebunden waren. 2008 schluckte die EPFL das Krebsforschungsinstitut Isrec. Ein Jahr später kam das Neuenburger Institut für Mikrotechnologie hinzu.

Der Vorwärtsdrang der EPFL stiess in der Deutschschweiz nicht nur auf Gegenliebe. Schon im Jahr 2000 schickte die ETH Zürich besorgte Briefe an den ETH-Rat – die Dachbehörde der ETHs –, in denen die Zürcher um Aufklärung ersuchten bezüglich der EPFL-Bestrebungen, den Bereich Life Science zu stärken. Die brave Ingenieurschule im kleinen Lausanner Vorort hatte sich als ernsthafter Konkurrent in einem zukunftsträchtigen Bereich entpuppt, den die ETH Zürich für sich beanspruchte. Die Missstimmung gipfelte 2007 darin, dass die ETH Zürich bei Bundesrat Couchepin eine Aufsichtsbeschwerde einreichte, in der sie sich bitter über die ungerechte Geldverteilung des ETH-Rats beklagte.

Sponsoring dient der Forschung

Die Rivalität zwischen EPFL und ETH Zürich ist eine Tatsache, denn beide hängen am Geldhahn des Bundes, der derzeit jährlich rund 2 Milliarden Franken in den ETH-Topf gibt. Will die eine Hochschule wachsen, geht dies auf Kosten der anderen. Und im vergangenen Jahrzehnt wuchs vor allem die EPFL. In den Jahren 2000 bis 2006 schnellten die Beiträge an die EPFL gemäss einer Auflistung des ETH-Rates um 18,3 Prozent in die Höhe, während sich die ETH Zürich mit einem Anstieg von 8 Prozent begnügen musste.

In der Zwischenzeit haben sich die Beträge wieder angeglichen, 2010 erhalten beide ETHs ein Wachstum von 3,3 Prozent zugestanden. Auch die Stimmung zwischen Zürich und Lausanne ist besser geworden. Heute anerkennt Ralph Eichler, Präsident der ETH Zürich, ohne Zögern: «Die EPFL ist eine starke, im Vergleich zur ETH aber junge Hochschule mit einem eigenen Profil, ohne Zweifel. Die ETH Zürich und die EPFL ergänzen sich gut.»

Patrick Aebischer liebt Projekte mit Publikumswirkung, er will damit auf den Innovationsstandort Schweiz aufmerksam machen: Zum Beispiel die Zusammenarbeit der EPFL mit Alinghi, deren Erfolge den Namen der Lausanner Hochschule in die ganze Welt hinausgetragen haben. Sponsoring aus der Privatwirtschaft in Gebäude und Infrastruktur wie beim Rolex Learning Center lässt er nicht nur zu, sondern fördert sie nach Kräften. Patrick Aebischer sieht darin nur Vorteile: «Wenn Firmen sich finanziell beteiligen, können wir mehr des öffentlichen Geldes für Forschung und Lehre einsetzen.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.02.2010, 06:26 Uhr

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4 Kommentare

Isabel Wirth

26.02.2010, 12:24 Uhr
Melden 1 Empfehlung

Naja, ein paar Fakultäten und Institute von andern Unis übernehmen hat ja nunmal zur Folge, dass die Studentenzahlen der EPFL in grösserem Stil wachsen. Aebischer kocht auch nur mit Wasser. Antworten


Stefan Kreis

26.02.2010, 09:43 Uhr
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Rivalität stärkt den Wettbewerb. Die ETHZ soll ruhig schrumpfen und Lausanne weiter wachsen, dann müssten zahlreiche Professuren den wertvollen Wohnraum in den Villen am Züriberg freigeben, den sie jetzt mit ihrer raumfressenden Bürokratie, Instituten, Verwaltung etc. besetzt halten. Ich ermutige diese zum Wegzug nach Lausanne! Antworten



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