Wissen
Das Wissen der Welt frei im Netz: Open Access funktioniert
Von Martin Ebel. Aktualisiert am 27.07.2009
Links
- www.open-access.net: umfassende Informationsplattform zum Thema, mit zahlreichen Links.
- www.textkritik.de: «Heidelberger Appell» mit allen Unterzeichnern und Chronik.
Die wissenschaftliche Schweiz ist vorne mit dabei
Alle wichtigen wissenschaftlichen Einrichtungen in der Schweiz bekennen sich zu den Prinzipien des Open Access.
Der Schweizerische Nationalfonds, der 600 Millionen Franken im Jahr für Forschungsförderung bereitstellt, hat die «Berliner Erklärung» 2006 unterschrieben und 2007 in Abstimmung mit der Rektorenkonferenz der Schweizer Universitäten Richtlinien zum wissenschaftlichen Publizieren erlassen. Darin heisst es ausdrücklich, wissenschaftliche Publikationen sollten als Open Access zur Verfügung gestellt werden, sofern keine rechtlichen Bestimmungen verletzt werden. Die Wahl eines Verlags bleibt dem Forscher frei. In den Verhandlungen mit diesem Verlag muss er sich ein eigenes, nichtkommerzielles Verwertungsrecht auf Open Access vorbehalten.
Als Open-Access-Pionier in der Schweiz sieht sich die Universität Zürich. Sie «verpflichtet» ihre Forschenden, alle Publikationen vollständig auf dem Uni-eigenen Dokumenten- und Publikationsserver Zora zu hinterlegen – ebenfalls mit der wichtigen Einschränkung, «sofern dem keine rechtlichen Hindernisse entgegenstehen» (etwa ein exklusiver Verlagsvertrag). Allein im Jahr 2008 sind über 7300 Einträge erfolgt, ein Dritten davon mit frei abrufbarem Volltext, der Rest als bibliografischer Verweis (etwa im Fall, dass der Verlag die Rechte nicht freigegeben hat).
Bei der ETH Zürich heisst der entsprechende Server ETH E-Collection. Der entsprechende Passus «fordert» Open Access und nennt dieselbe rechtliche Einschränkung. Die ETH rät ihren Forschenden, in Verlagsverträgen alle Klauseln zu streichen oder zu verändern, die vollständige Rechteabtretung verlangen. Sie «ermutigt» die Publikation in einer Open-Access-Zeitschrift und bietet an, die Kosten zu übernehmen (ein weiteres Thema: Renommierte Open-Access-Zeitschriften verlangen erhebliche Gebühren für den Abdruck – nicht mehr für das Abonnement!).
An der ETH lehrt auch der Wissenschaftshistoriker Michael Hagner. Er sieht die Vorteile von Open Access (vor allem in den Naturwissenschaften), wendet sich aber strikt gegen jeden Zwang von Seiten der Forschungsinstitutionen. Er fürchtet die Gängelung der Forschung durch Wissenschaftsbürokraten: Künftig, so sein Schrecksszenario in der FAZ vom 6. Mai, müssten wohl alle Forschungsergebnisse auf Englisch publiziert werden, ein bestimmtes Format erfüllen und eine bestimmte Länge einhalten. Und dann könnte der Uni-Präsident die Leistung seiner Angestellten endlich messen.
Vor einer verschlossenen Tür steht niemand gern, wenn dahinter Wissen, Erkenntnis und Fortschritt warten. Auch wenn er sie mit einem Münzeinwurf öffnen kann. Lieber geht er weiter und sucht eine offene Tür. Deshalb hat das Schlagwort vom «Open Access» in der akademischen Welt einen so faszinierenden Klang – für viele, nicht für alle. Open Access: Das bedeutet den Zugang zu wissenschaftlichen Publikationen – schnell, unkompliziert und vor allem gratis.
Wie ist es bisher? Der Chemiker Dr. A., angestellt bei einer angesehenen Universität, findet etwas heraus, schreibt darüber einen Aufsatz, reicht ihn bei einer renommierten Wissenschaftszeitschrift ein, damit sein Name heller leuchte, sein Artikel möglichst oft von Kollegen zitiert werde, seine Karriere befördert werde – und natürlich, last not least, damit die Fachwelt von seiner Entdeckung profitieren kann. Bevor die Zeitschrift druckt, legt sie den Text ein paar Fachkollegen zur Beurteilung vor. Diese «Peer-Review» ist vor allem in den STM-Fächern (Science, Technology, Medicine) eminent wichtig. Sie sichert die Verlässlichkeit der Publikation und das Niveau der Zeitschrift.
Man könnte auch Papier sparen
Wie funktioniert das finanziell? Dr. A. forscht in einem Labor seiner Universität, wo er auch angestellt ist. Die Zeitschrift gehört einem Wissenschaftsverlag. In den STM-Fächern sind das international aufgestellte und hochprofitable Grossverlage wie Springer in Heidelberg (Jahresumsatz rund 1,3 Mrd. Franken) oder Reed Elsevier (fast 10 Mrd., 36 000 Mitarbeiter). Sie kassieren von den Universitätsbibliotheken hohe Abonnementsgebühren. Die öffentliche Hand zahlt also zweimal: für die Forschung selbst an den Forscher und seine Mitarbeiter, für die Veröffentlichung an ein Privatunternehmen.
In den letzten Jahren stagnierten die Bibliotheksetats oder schrumpften gar, die Abogebühren der Renommierzeitschriften aber stiegen und stiegen. Schon aus Notwehr musste die Idee aufkommen, die Publikationen den interessierten Kollegen direkt zur Verfügung zu stellen, ohne teure Gebührenhürde. Das Internet bot die technischen Mittel dazu: Wer etwas zu sagen hat und es in eine geeignete schriftliche Form gebracht hat, stellt es auf seine Website oder den Server seiner Universität, und jeder, der sich dafür interessiert, kann es lesen und sich dazu äussern.
Dieses Prinzip – eben den Open Access – propagiert die «Berliner Erklärung», ein Dokument, das am 22. Oktober 2003 verfasst und inzwischen von mehr als 250 Wissenschaftsorganisationen in aller Welt unterzeichnet worden ist (darunter allen wichtigen Deutschlands und der Schweiz). Längst wird Open Access in der Wissenschaftswelt breit praktiziert; Universitäten unterhalten eigene Server für die Verwaltung und Archivierung der Beiträge, sogenannte Repositorien, Wissenschaftler kommen schneller an die Ergebnisse der Kollegen und auch an höhere Zitierquoten, längst auch gibt es eigene Open-Access-Zeitschriften im Netz. Und es wird Papier gespart: So manche Dissertation, die niemand braucht als der Autor, steht besser online (wo sie als Mauerblümchen ungeküsst auf seinem Server sitzen bleibt), als dass für ihren Druck unschuldige Bäume gefällt werden müssen.
Rabenschwarze Szenarien
Was so gut läuft, kann nicht ohne Pferdefuss sein, mag man einwenden. Und manche meinen, diesen schon entdeckt zu haben. Universitäten und Wissenschaftsorganisationen gehen dazu über, Open Access nicht nur zu fördern, sondern zu fordern. Anfang des Jahres hat die Allianz der deutschen Wissenschaftsorganisationen (zu der etwa die Deutsche Forschungsgemeinschaft, die Leibniz-Gesellschaft und die Max-Planck-Institute gehören) eine Erklärung abgegeben, nach der mit öffentlichen Geldern finanzierte Forschungsergebnisse der Öffentlichkeit auch gratis zur Verfügung stehen müssen.
Die Antwort war ein publizistischer Aufschrei. Am 22. März ertönte der «Heidelberger Appell für Publikationsfreiheit und die Wahrung der Urheberrechte». Beide seien durch die Forderungen der Allianz bedroht – weiter auch durch Google, deren klammheimliche Digitalisierung von Millionen Büchern die Initiatoren des Appells mit dem Open Access vermengten. Sie haben aber nichts miteinander zu tun, ausser dass beide das Internet nutzen. Der «Heidelberger Appell» trägt inzwischen über 2600 Unterschriften, viele prominente Namen aus Geisteswissenschaft, Verlagswesen und Literatur.
Im Frankfurter Literaturhaus trafen sich kürzlich Protagonisten des «Heidelberger Appells» zu einer Tagung. Dabei marschierten hochkarätige Juristen aus mehreren Fachbereichen auf und entwarfen ein rabenschwarzes Szenario von enteigneten Forschern und bankrotten Verlagen. Allerdings hielten Verfechter des freien Zugangs, die ebenfalls anwesend waren, dagegen: Der Autor verliere sein Urheberrecht durch die Freigabe eines Artikels keineswegs, auch nicht sein Recht, Ort und Art der Publikation selbst zu bestimmen.
Er kann nämlich nicht nur direkt ins Netz (das ist der sogenannte goldene Weg des Open Access), sondern durchaus einen «klassischen» Verlag oder eine gedruckte Zeitschrift wählen und erst dann – nach einer angemessenen Frist, die mit dem Verlag auszuhandeln ist – den Text ins Netz stellen (der «grüne Weg»). Hier steckt der Teufel natürlich im Detail, nämlich im zeitlichen Abstand von Erst- und Zweitpublikation; in der Exklusivität der Rechte; in der Vergütung verlegerischer Leistungen, die gegebenenfalls in die Onlinefassung eingehen. An diesen Fragen wird heftig gearbeitet.
Wenn sich jemand mit Recht ungemütlich fühlen darf in der Open-Access-Welt, dann sind es die mittelständischen Verlage in den Geistes- und Gesellschaftswissenschaften (die bei den Initiatoren wie den Unterzeichnern des «Heidelberger Appells» dominieren). Jemand wie Hans Dieter Beck von C. H. Beck (Jura und Kulturgeschichte, 500 Mitarbeiter) konnte überzeugend darstellen, warum es seinen Verlag braucht: Er wählt aus (nur das Beste statt eines unübersichtlichen Wustes von Publikationen), er regt die Produktivität von Autoren an, als Ideengeber, aber auch durch den Wettbewerb der Verlage untereinander; er macht viele Texte durch das Lektorat überhaupt erst geniessbar; er sorgt für Verbreitung im Zielpublikum.
Tatsächlich ist die Arbeit von mittelständischen Verlagen wie Beck oder Winter, Fink oder Klostermann für die Geistes- und Sozialwissenschaften so wichtig, dass man sie sich nicht wegdenken möchte. Hier herrscht aber auch eine andere Kultur, die der Monografien und Sammelbände, als im Reich der STM, wo Aufsätze dominieren – und wo sich längst eine Online-Journal-Szene etabliert hat, mit einem funktionierenden Peer-Review-Kontrollsystem. Biomed Central, der weltgrösste Open-Access-Verlag, gibt 180 wissenschaftliche Zeitschriften heraus. Seit vergangenem Jahr gehört er Springer.
Megatrend der Wissenschaftswelt
Für Natur- und Geisteswissenschaftler stellt sich Open Access also unterschiedlich dar. Für Letztere spielt die Textgestalt etwa noch eine grössere Rolle. Der Oberheidelberger Roland Reuss etwa, Hauptinitiator des «Appells», ein Editionsspezialist, hatte seine akribische Kafka-Ausgabe im Netz gefunden, illegal und entstellt, und mit Recht empört reagiert, aber zu Unrecht seinen Spezial- zum Generalfall hochgejazzt. Die Fragen, an denen er und manche Mitstreiter sich festbeissen, erscheinen entweder lösbar oder abseitig.
Open Access oder nicht – das ist längst nicht mehr die Frage, die Bewegung ist ein Megatrend der Wissenschaftswelt, und das ist auch gut so. 90 Prozent der Zeitschriften und Verlage, auch die Giganten, stimmen inzwischen zu, dass bei ihnen veröffentlichte Texte auch auf der Website der Autoren oder einem Universitätsserver stehen – öffentlich und kostenfrei zugänglich. In den meisten Disziplinen sind die Vorteile überwältigend. Und für den Erhalt einiger mittelgrosser Player in unserer Kulturlandschaft müsste sich auch sorgen lassen. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 27.07.2009, 19:16 Uhr











Die Welt in Bildern

































