Die Cyber-Hauptstadt in der Wüste

Wirtschaftsspionage, Erpressung, kriegerische Angriffe: Israel macht eine Wüstenstadt in der öden Südhälfte des Landes zum Zentrum der Cyber-Abwehr.

Die Wüstenmetropole wird zur Cyber-Kapitale: Blick auf die Stadt Beerscheba. (17. Dezember 2015)

Die Wüstenmetropole wird zur Cyber-Kapitale: Blick auf die Stadt Beerscheba. (17. Dezember 2015) Bild: Amir Cohen/Reuters

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Beerscheba, das schon lange den Beinamen «Hauptstadt der Negev-Wüste» führt, wird nun zur «Cyber-Capital» ausgebaut. Rund einhundert Kilometer weiter kommt am Dienstag die Weltbranche zur CyberTech-Messe in Tel Aviv zusammen.

«Egal ob Deutschland, USA oder Israel – die Bedrohung durch Computerattacken wächst sprunghaft», sagt Dudu Mimran, Technischer Leiter der Innovation Laboratories der Deutschen Telekom in Beerscheba. Aber insbesondere Israel habe sich zu einem «Impulszentrum» für die Cybersicherheit entwickelt. Laut Tom Ahi Dror vom National Cyber Bureau, das direkt dem Ministerpräsidenten untersteht, werden in Israel ein Fünftel der globalen privaten Investitionen in Cybersicherheit getätigt.

Die Deutsche Telekom war mit ihren Innovationslabors, die sie seit zehn Jahren gemeinsam mit der örtlichen Ben Gurion Universität (BGU) betreibt, einer der ersten Mieter im Technologiepark von Beerscheba. Seit einem Monat ist dieser Advanced Technology Park dank einer futuristisch gestalteten Fussgängerbrücke direkt mit der BGU verbunden.

Zwei Hauptprobleme

Das dritte Element im grossangelegten Regierungsprojekt CyberSpark ist die Verlagerung all jener Einheiten der israelischen Streitkräfte nach Beerscheba, die mit Technologie und Überwachung zu schaffen haben. In wenigen Jahren sollen dort 15'000 Beschäftigte für die Sicherheit der Informationstechnologie tätig sein.

Zwei Hauptprobleme sehen die Experten im eskalierenden Cyberkrieg. «Die gesetzestreue Seite hat bisher immer monatelange Verspätung, wenn neue Schadprogramme auftauchen», sagt Joav Zruja, einer der Partner von JVP Cyber Labs in Beerscheba. Dieser Venturekapitalfonds ist der grösste israelische Investor in Cybersicherheit.

Deshalb habe JVP zuerst das Startup-Unternehmen Cyaktive gefördert, das Varianten «böser Software» schneller entwickeln will als die Angreifer. «So können wir schon vorausschauend die Abwehr entwickeln», sagt Zruja. Inzwischen testen Siemens und Oracle die Cyaktive-Strategie.

Riesen-Stromausfall

Das zweite grosse Problem entsteht aus dem wachsenden Internet der Dinge, also der breiten Einbeziehung unserer gegenständlichen Alltagsumwelt und der klassischen Industrie in Onlinenetzwerke. «Das vermehrt die Zahl leicht angreifbarer Ziele sprunghaft», sagt Joni Schohet von SCADAfence, einem weiteren Startup, das JVP in Beerscheba als Inkubator «ausbrütet».

Der Jungunternehmer verweist auf ein deutsches Stahlwerk, wo Hacker bis in die Produktionsnetze vordringen konnten und für Ausfälle sorgten, die einen Hochofen massiv beschädigten. So nachzulesen im Lagebericht der Bundesregierung zur IT-Sicherheit für 2014. Und vor wenigen Wochen erzeugte eine Cyber-Attacke in der West-Ukraine einen Stromausfall in 700'000 Haushalten.

Mehr Bedrohungen

Ob Wirtschaftsspionage, Erpressung, Diebstahl oder kriegerischer Angriff – die Bedrohungen aus dem Internet nehmen zu. Und Israel nimmt im Abwehrkampf eine Spitzenstellung ein. Die permanente Bedrohung im Nahen Osten, die allgemeine Wehrpflicht in einer technologisch hochgerüsteten Armee, welche die dafür talentiertesten Rekruten zur Cyberabwehr ausbildet, sind wichtige Gründe dafür.

Dass Beerscheba mit heute 200'000 Einwohnern zum Hauptquartier der boomenden Branche ausgebaut wird, ist eine politische Entscheidung. Der Negev bietet sechzig Prozent der Fläche Israels, beherbergt aber nicht einmal zehn Prozent seiner Bevölkerung. Am Ende soll die Wüstenmetropole mit einer halben Million Einwohnern nach Jerusalem die zweitgrösste Stadt im Lande sein.

Arbeitsplätze schafft für sie der neue Wachstumsmagnet: Im Technologiepark wird derzeit das dritte von 27 geplanten Bürogebäuden gebaut. Und die Streitkräfte schreiben im Februar die Errichtung ihres Technologie-Campus aus, der gleich nebenan liegen wird. (thu/AFP)

(Erstellt: 25.01.2016, 19:33 Uhr)

Artikel zum Thema

USA und China verhandeln Cyber-Vertrag

Kurz vor dem Besuch des chinesischen Präsidenten Xi Jinping in Washington arbeiten die beiden Länder offenbar an einem Abkommen über Internet-Sicherheit. Mehr...

Cyber-Abwehr der Nato gegen Spionage in der Schweiz

Der Lauschangriff in Genf zeigt: Die Schweiz ist im Visier von Cyber-Spionen. EDA-Chef Burkhalter will darum die Prävention ausbauen. Mehr...

Russische Hacker stehen unter Verdacht

Der Cyber-Angriff auf den Pariser Sender TV5 Monde im April wurde dem IS zugeordnet. Ein französisches Magazin vermutet die Hackerattacke aus einer anderen Region. Mehr...

Das Immobilien-Portal für Basel und die Region

Werbung

Kommentare

Die Welt in Bildern

Zum Schutz der Alpen: Eine Frau mit einem roten Ballon steht in der Naehe des Nordportals des Gotthard-Basistunnels anlaesslich der Aktion der Alpen-Initiative 'Weil wir die Alpen lieben'. (8. Dezember 2016)
(Bild: Alexandra Wey) Mehr...