Irkut statt Boeing? Fünf neue Flugzeugtypen im Vergleich

Mit der Irkut MC-21 will Russland Airbus und Boeing angreifen. Was die neue Mittelstrecken-Maschine zu bieten hat.

Hat eine Reichweite von 6000 Kilometer: Am Sonntag hat eine Irkut MC-21-300 den ersten Testflug absolviert.
Video: Tamedia / AFP

Ein Prototyp des kommerziellen russischen Mittelstreckenflugzeugs Irkut MC-21 hat am Sonntag im sibirischen Irkutsk erfolgreich seinen ersten Testflug absolviert. Es habe keine Probleme gegeben, teilte der Hersteller anschliessend mit. Der je nach Version für 132 bis 211 Passagiere ausgelegte Jet steht für die Hoffnung auf ein Wiederaufleben der russischen Luftfahrtbranche und soll den Marktführern Airbus und Boeing Konkurrenz machen. Anfangs Mai hat bereits China mit dem Testflug des Comac C919 zum Angriff auf die Platzhirsche im Mittelstreckensegment geblasen. Einen Schritt weiter ist Bombardier. Die Kanadier haben ihre ersten CSeries-Flugzeuge bereits ausgeliefert, neun davon an Erstkunde Swiss. Am Samstag landete die erste Maschine des Typs CS300 in Kloten. Mit 145 Plätzen ist das neue Mittelstreckenflugzeug der Swiss etwas kleiner als die neuen Modelle aus Russland, China, den USA und Europa.

Der Testflug der MC-21-300 im sibirischen Irkutsk dauerte nach Angaben des Unternehmens 30 Minuten. Dabei erreichte sie eine Höhe von tausend Metern und eine Geschwindigkeit von 300 Stundenkilometern. Der Prototyp hätte bereits vor drei Jahren fliegen sollen, die Entwicklung verzögerte sich aber. Mittlerweile ist die Markteinführung auf 2019 oder 2020 geplant. Auch der kanadische Flugzeugbauer Bombardier hatte mit seinem neuen Modell CS100 mehrere Jahre Verspätung. Erstkunde Swiss erhielt das erste Flugzeug schliesslich vor rund einem Jahr. Verzögerungen gab es auch bei den Chinesen, die ebenfalls ein neues Flugzeug entwickeln. Die Comac C919 hob vor drei Wochen zum ersten Testflug ab und soll wie das russische und kanadische Modell die Marktführer von Airbus und Boeing konkurrieren.

Russische MC-21 setzt auf leisere Triebwerke

Die russische Firma Irkut gehört zum russischen Luftfahrtkonsortium OAK und vereint die ehemaligen Flugzeugbauer Tupolew, Iljuschin, Jakowlew und Suchoi. Bereits seit 2003 bauen die Russen in Irkutsk an einem Nachfolger für die einst weitherum bekannten und hörbaren Tupolew-Modelle. Die MC-21 werden mit Triebwerken der russischen Firma Aviadvigatel oder mit amerikanischen Pratt & Whitney 1400G Getriebefantriebwerken ausgestattet.

Die leiseren Pratt-&-Whitney-Triebwerke sind am Flughafen Zürich bereits bekannt, da der kanadische Flugzeugbauer Bombardier in seinen CSeries-Maschinen auf diese setzt. Erstkunde Swiss hat bereits acht CS100 mit 125 Sitzplätzen im Einsatz und letzten Samstagabend die allererste CS300 mit 145 Plätzen erhalten. Die Maschinen des grösseren Modells wird die Swiss vor allem in Genf einsetzen, wo sie in einem harten Konkurrenzkampf mit Easyjet steht.

Bildstrecke – Die neuen Mittelstreckenflugzeuge, von CS300 bis Airbus 320neo

Die britische Billigairline setzt ihrerseits auf die neuen Airbus-A320neo-Flugzeuge. Wie die C-Series sind diese leiser, effizienter und umweltschonender als die Vorgängermodelle. Bei Lufthansa sind die A320neo schon seit über einem Jahr im Einsatz, auch die Swiss hat die neuen Maschinen aus Toulouse bestellt, welche rund 35 Plätze mehr bieten als die CS300.

8700 Bestellungen für Airbus und Bombardier

Die US-Amerikaner haben ihrerseits mit der Boeing 737 MAX nachgelegt, einer Weiterentwicklung ihres Verkaufsschlagers auf der Mittelstrecke. Vor einer Woche hat Malindo Air aus Malaysia die erste Boeing 737 MAX in Betrieb genommen, knapp 3700 sind vorbestellt. Rund 9500 Maschinen des Typs 737 hat Boeing seit 1967 bereits produziert. Die A320-Familie von Airbus (A319, A320, A321) gibt es erst seit 1988, seither hat der europäische Flugzeugbauer rund 7500 Maschinen hergestellt. Vom neuen Modell sind 5000 Vorbestellungen eingegangen.

Im Gegensatz zu den beiden Marktführern sind die neu entwickelten Flugzeuge noch nicht so gefragt. Gerade mal 177 Bestellungen für die russischen MC-21-Flugzeuge gibt es bisher, vorwiegend aus dem Heimmarkt sowie Kirgistan. Auch für die Comac C919 stammt ein Grossteil der 566 Bestellungen aus dem Heimmarkt China. Bombardier hat Aufträge für insgesamt 360 CS-Flugzeuge von Airlines in Asien, Europa und Nordamerika erhalten. Die grössten Kunden der Kanadier sind Delta Air Lines (75), Air Canada (45) sowie die Swiss mit 30 bestellten Flugzeugen, wovon acht der zehn CS100- und eine von 20 CS300-Maschinen bereits ausgeliefert wurden.

Einstiger Hoffnungsträger mit technischen Problemen

Airbus und Boeing haben derzeit also noch einen grossen Vorsprung auf die neuen Konkurrenten im Mittelstreckensegment. Bis China und Russland ihre Flugzeuge tatsächlich in Serienproduktion herstellen können, wird es zudem noch mindestens zwei bis drei Jahre dauern, weitere Verzögerungen ausgeschlossen. Ein Blick in die Geschichte zeigt zudem, dass solche neuen Projekte auch schiefgehen können. Der russische Suchoi Superjet 100 galt vor einigen Jahren ebenfalls als neue Hoffnung für die russische Luftfahrtbranche. Er ging 2011 in Produktion und hatte bis zu 125 Plätze, ähnlich der CS100 von Bombardier.

2012 stürzte eine Maschine bei einem Demonstrationsflug ab, was allerdings auf menschliches Versagen zurückgeführt werden konnte. Im gleichen Jahr wurden aber auch technische Probleme mit einzelnen Komponenten bekannt. Die russische Aufsichtsbehörde zwang Aeroflot 2013 dazu, vier Maschinen wegen technischer Zwischenfälle nicht mehr einzusetzen. Letzte Weihnachten blieben schliesslich 18 Maschinen am Boden. Das alles führte dazu, dass bis heute erst 98 Maschinen in Betrieb sind.

Video – So wird eine MC-21 zusammengebaut
Einblick in die Irkut-Montagehalle (Quelle: Irkut Corporation) (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 29.05.2017, 18:33 Uhr

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