Wissen

Scherzbolde wider Willen

Von Anke Fossgreen. Aktualisiert am 01.10.2010 1 Kommentar

Mit dem Ig-Nobelpreis werden lustige Forschungen geehrt. Zuweilen erzielen diese aber achtbare Resultate.

Mithilfe einer Drohne analysierte eine englische Wissenschaftlerin die Atemluft von Walen.

Mithilfe einer Drohne analysierte eine englische Wissenschaftlerin die Atemluft von Walen.
Bild: Diane Gendron

Wie untersuchen Tierärzte, ob ein Wal an Infektionskrankheiten in den Atemwegen leidet, ohne das Tier einzufangen? Ganz einfach, sie sammeln «Walschnodder» mit einem ferngesteuerten Helikopter ein. So beschreibt das Ig-Nobelpreiskomitee die ungewöhnliche Methode der Wissenschaftlerin Karina Aceveda-Whitehouse aus England und ihrer mexikanischen Kolleginnen Agnes Rocha-Gosselin und Diane Gendron. Ihre Forschungsarbeit erfüllt exakt die Kriterien für den Ig-Nobelpreis.

Der Ig-Nobelpreis ist eine kuriose Auszeichnung für wissenschaftliche Studien, die «ignoble», also «unehrenhaft» sind. «Ich möchte, dass die Leute zuerst lachen und dann nachdenken», sagt Marc Abrahams, der gestern Abend in Cambridge bei Boston an der Harvard-Universität zum 20. Mal durch die witzige Show führte, in der die Ig-Nobelpreise jeweils verliehen werden.

Bakterien im Walschnodder

Der Hintergrund des diesjährigen Ig-Nobelpreises für Ingenieurwissenschaften: Im «Walschnodder» – seriöser auch als Atemluft des Wals beim Auftauchen bezeichnet – wiesen die drei Forscherinnen verschiedene Bakterienarten nach: zum Beispiel Staphylokokken oder Streptokokken, die bei den Meeressäugern zu gefährlichen Krankheiten oder gar zum Tod führen können («Animal Conservation», Bd. 13, S. 217).

Die Ig-Nobelpreiszeremonie stand in diesem Jahr unter dem Motto «Bakterien». «Wir werden unser Publikum zunächst mit Bakterien überschütten», kündigte Abrahams vor der Verleihung an. So würden die Besucher erfahren, dass sie von Geburt an quasi bester Nährboden für die mit blossem Auge unsichtbaren Lebewesen sind.

Da liegt es nahe, dass diese unerwünschten Siedler auch vor einem Männerbart nicht haltmachen. Das ist bereits 1967 akribisch untersucht worden. Damals publizierten US-Forscher, dass bärtige Wissenschaftler, die in mikrobiologischen Labors arbeiten, in ihrer Gesichtsbehaarung Bakterien und Viren jeglicher Art nach draussen transportieren können («Applied Microbiology», Juli 1967, S. 899). Sorgsam testete das Team verschiedene Methoden, den Bart zu waschen, an einem Puppenkopf und an richtigen Männern. Ergebnis: Weder klares Wasser noch Seife konnten der Keime in den stacheligen Haaren Herr werden. Der Tipp an die Mitarbeiter von mikrobiologischen Labors: glatt rasieren vor dem Nachhausegehen. Für diese Erkenntnis gab es dieses Jahr den Ig-Nobelpreis für Gesundheit.

Fluchen lindert Schmerzen

Die mit dem Ig-Nobelpreis für Physik ausgezeichneten Forscher haben ganz praktische Alltagstipps endlich wissenschaftlich bewiesen. Neuseeländische Ärzte vom Institut für Präventiv- und Sozialmedizin der Universität Otago in Dunedin wollten wissen, ob es stimmt, dass Socken, über die Stiefel gezogen, Stürze auf Glatteis verhindern. 30 Passanten, meist Universitätsangestellte oder Studenten, nahmen an dem halsbrecherischen Versuch teil. Sie mussten die abschüssige Strasse vor der Uni mit blossem Schuhwerk oder Socken über den Stiefeln beschreiten. Tatsächlich berichteten die Sockenträger über signifikant bessere Trittsicherheit im Vergleich zur rutschenden Kontrollgruppe. Die Forscher deklarieren, dass sie keinerlei Interessenkonflikte haben: Keiner von ihnen stehe in einer finanziellen Verbindung zu Sockenfabrikanten, und keiner von ihnen besitze Schafe – was in Neuseeland an sich schon ungewöhnlich ist («Journal of the New Zealand Medical Association», online).

Auch die Erkenntnisse der diesjährigen Ig-Friedensnobelpreisträger helfen im täglichen Leben weiter. Oder sie können zumindest als wissenschaftlich fundierte Ausrede gelten, von Zeit zu Zeit ordentlich zu fluchen. Britische Psychologen bestätigten die Annahme, dass Schimpfwörter nützlich sind, um Schmerzen besser zu ertragen. Freiwillige Testpersonen mussten ihre Hand in eiskaltes Wasser tauchen. Einige von ihnen stiessen dabei laute «Flüche ihrer Wahl» aus, die anderen neutrale Wörter. Die Schimpfkaskaden erhöhten die Schmerztoleranz, stellten die Forscher fest. Im Durchschnitt 40 Sekunden länger ertrugen die polternden Probanden die Kälte an der Hand im Vergleich zu ihren wohlerzogenen Mitstreitern. Die Psychologen vermuten, dass das Fluchen eine «Kämpfen oder fliehen»-Reaktion des Körpers in Gang setzt. In solchen Situationen steigt in der Regel die Herzfrequenz und sinkt das Schmerzempfinden – beides beobachteten sie bei ihren unflätigen Testpersonen («Neuroreport», Bd. 20, S. 1056).

Schleimpilz als Vorbild

Doch nicht nur kuriose Forschungsarbeiten aus unbekannten wissenschaftlichen Fachzeitschriften werden prämiert. Den Ig-Nobelpreis für Transportplanung erhielt ein japanisches Team für eine Veröffentlichung im hochkarätigen Fachjournal «Science» (Bd. 327, S. 439). Die Mathematiker und Elektroingenieure beobachteten, wie der Schleimpilz Physarum polycephalum im Labor wächst. Er bildet dabei effiziente, optimal an die Umwelt angepasste Netzwerke aus, um seine Zellen zu versorgen. Der Mensch könne davon lernen, wie sich der öffentliche Transport und die Infrastruktur eines Landes verbessern liessen.

Manch einen mag es gegruselt haben bei so vielen Einsichten in die Welt der Bakterien, Viren und Schleimpilze. Die Teilnehmer der Show wussten indes die Mikroben abzuwehren. Sie desinfizierten ihre Hände, bevor sie die Bühne betraten. So haben die Ig-Nobelpreisträger nicht einmal ein paar ruhmreiche Bakterien von den echten Nobelpreisträgern abbekommen, die traditionell die witzigen Auszeichnungen überreichen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 01.10.2010, 07:57 Uhr

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1 Kommentar

Ronnie König

01.10.2010, 13:13 Uhr
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Nun die Schleimpilzarbeit wurde wohl genommen, da es an wirklich Lächerlichem gemangelt hatte. Diese Arbeit hat es auch in den TV geschaft. Die Walarbeit ist ebenfalls sehr clever. Schaut man die Auswahl der letzten 10Jahre an, so gibts tatsächlich sehr seltsames. Ich beneide Prof. Benecke nicht um diesen Job. Antworten



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