VW-Affäre «in Europa nur ein Sturm im Wasserglas»?

Verliert der VW nach dem Update an Kraft? Braucht er mehr Benzin? Dazu Empa-Experte Christian Bach.

Das VW-Emblem stand bisher für deutsche Wertarbeit. Nun hat dieses Bild Risse bekommen.

Das VW-Emblem stand bisher für deutsche Wertarbeit. Nun hat dieses Bild Risse bekommen. Bild: Sofia Jaramillo (AP Photo)

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Hat Sie der Abgasskandal von Volkswagen überrascht?
Ja, das hat er. Die Tatsache, dass bei Dieselfahrzeugen die Stickoxidemissionen bei der Fahrt auf der Strasse teilweise viel höher sind als beim Test im Labor, ist zwar schon seit einiger Zeit bekannt. Dagegen ist die Verwendung einer Software, um gezielt bessere Ergebnisse bei der Abgasprüfung zu erreichen, schon sehr überraschend. Hier wurde mit dem Einsatz eines sogenannten Defeat Device ganz klar eine rote Linie überschritten und Abgaswerte mutmasslich manipuliert.

Was für technische Massnahmen müssen nun an den betroffenen Fahrzeugen vorgenommen werden?
Die von VW in den USA eingesetzte Software hat festgestellt, wann das Auto sich für eine Kontrolle im Labor befindet, um dementsprechend die Abgasreinigung zu optimieren und die Stickoxidwerte zu verbessern. Diese Software müsste sich eigentlich problemlos deaktivieren lassen. Mit grosser Wahrscheinlichkeit muss man also den Motor oder die ganze Elektronik dafür nicht austauschen. Denkbar ist jedoch, dass man an einzelnen Komponenten der Abgasreinigung wie etwa dem Stickoxid-Speicherkatalysator oder bei dem anderen Verfahren, dem Harnstoff-Einspritzsystem, Veränderungen vornehmen muss.

Ist es also gar nicht so schlimm?
Das kommt drauf an. Es könnte sein, dass es sich zumindest in Europa als ein Sturm im Wasserglas erweist. Die Hoffnung ist, dass die hierzulande eingebauten Defeat Devices nur vorhanden, aber nicht aktiv sind. Zurzeit kann man darüber aber nur spekulieren. So oder so wird es für VW eine heftige Busse in den USA zur Folge ­haben.

Warum hat man ausgerechnet in den USA die Software aktiviert?
Dort sind die Abgasvorschriften strenger als in Europa, gleichzeitig ist aber auch die Konkurrenz an Billigautos viel grösser. Man kann in den USA beispielsweise einen Pick-up mit einem 8-Zylinder-Benzin-Motor für 20'000 US-Dollar kaufen. Ein kleiner Golf mit technisch aufwendigem Dieselmotor hat somit keine richtigen Marktchancen. Deshalb ist die Versuchung gross, eine kostspielige Technologie mit einem billigen Trick zu umgehen. Die neusten Modelle sind nach Angaben von VW ­allerdings ohne diese verbotene Software ausgerüstet und sind aufgrund verbesserter Abgasreinigungssysteme zudem auch auf der Strasse sauberer als die Autos der vorherigen Generation.

Sind umgekehrt die älteren Dieselfahrzeuge noch wahre Dreckschleudern? Und demnach eine Gefahr für die Umwelt?
Nicht unbedingt. Es kann nämlich durchaus sein, dass die Abgaswerte von VW trotz allem auf der Strasse niedriger sind als bei Fahrzeugen ihrer Mitbewerber. Die Abgasaffäre hat durchaus auch etwas Positives, indem sie deutlich macht, dass die Zeit der Trickserei nun endlich vorbei ist. Denn es gibt jetzt auch taugliche Messsysteme für die Strasse. Vergleichbar ist dies, als wenn ein Schüler früher immer einen Spickzettel für die Prüfung benutzte, weil er wusste, dass der Lehrer nur sehr schlecht sehen konnte. Jetzt tut der Schüler es nicht mehr, weil er weiss, dass der Lehrer nun eine Brille trägt, und das Risiko, erwischt zu werden, somit viel zu gross ist.

Fährt ein Auto ohne manipulierte Abgas-Software langsamer?
Nein, das wirkt sich nicht spürbar auf die Leistung des Motors aus. Es kann ­jedoch sein, dass der Besitzer eines solchen Fahrzeugs häufiger den Tank mit der Harnstofflösung Adblue auffüllen muss. In den USA könnte dies vielleicht eine Rolle gespielt haben. Denn es gibt dort weniger Servicestationen für Dieselfahrzeuge als zum Beispiel in Europa. Möglicherweise wollte VW deshalb in den USA gezielt weniger Harnstofflösung zur Abgasreinigung einsetzen. Allerdings ist dies bisher nur eine Vermutung. Wir müssen warten, bis in den nächsten Wochen die dazu laufenden Untersuchungen abgeschlossen sind. Dennoch hat die Abgaskontrolle im Labor gezeigt, dass das Reinigungsverfahren als solches auch bei den älteren VW-Modellen tadellos funktioniert. Bisher aber nur im Labor. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 29.09.2015, 07:42 Uhr

Der Ingenieur ist Abteilungsleiter für Fahrzeugantriebs- systeme an der Empa, wo unter anderem neue Methoden zur Abgasreinigung erforscht werden.

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