Wenn ein Zentimeter-Geschoss zur Handgranate wird

Weltraumschrott bedroht die Raumfahrt. Nun diskutieren Experten Massnahmen, um die Gefahren zu verringern.

Für Satelliten sind die vielen Schrottpartikel im Orbit ein Problem.

Für Satelliten sind die vielen Schrottpartikel im Orbit ein Problem. Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Als die todbringende Wolke aus Weltraummüll auf sie zurast, sind die beiden Astronauten gerade mit Reparaturarbeiten am Weltraumteleskop Hubble beschäftigt. Im Kinofilm «Gravity» mit Sandra Bullock und George Clooney zerstört die Trümmerwolke ein Shuttle-Raumschiff, das Hubble-Teleskop und später auch die Internationale Raumstation ISS. Der Bösewicht in dem oscarprämierten Streifen ist also kein ausserirdisches Monster, sondern um die Erde rasender Weltraumschrott. Ein phantasievoller Science-Fiction-Film? Mitnichten. Denn so realitätsfern ist das Szenario von «Gravity» nicht. In erdnahen Umlaufbahnen rast mittlerweile eine derart grosse Menge Weltraumschrott um den Planeten, dass mittelfristig die Raumfahrt in Gefahr geraten könnte. Ab Dienstag kommender Woche beraten in Darmstadt hunderte Top-Experten aus aller Welt über Methoden, die für Sonden und Satelliten gefährlichen Trümmer unschädlich zu machen.

Dass die «Gravity»-Geschichte nicht frei erfunden ist, zeigt unter anderem folgende Begebenheit vom Juli 2015. Damals, zwei Jahre nach dem Kinostart des Films, musste sich die ISS-Besatzung vor vorbeifliegendem Weltraummüll kurzzeitig in Sicherheit bringen. Die Raumfahrer zogen sich in die russische «Sojus»-Raumkapsel zurück, die an der ISS angedockt war - bis der Weltraumschrott knapp an der Raumstation vorbeigesaust war.

Es war bereits das vierte Mal in der ISS-Geschichte, dass die Besatzung wegen vorbeifliegender Schrottteile kurzfristig «umziehen» musste. Bei diesem High-Tech-Müll, mit dem sich nun erneut die Fachleute im Darmstädter Kontrollzentrum der Europäischen Weltraumorganisation ESA befassen werden, kann es sich um ausgediente Raketenstufen und abgeschaltete Satelliten ebenso handeln wie um nur Millimeter grosse Teile.

Laut ESA umrunden derzeit 750'000 Objekte von mehr als einem Zentimeter Grösse die Erde - mit einer Geschwindigkeit von durchschnittlich mehr als 40.000 Stundenkilometern. Die Zahl der Schrottteile ab einem Millimeter Grösse beträgt sogar unvorstellbare 170 Millionen. Dabei setzt der Einschlag eines nur ein Zentimeter grossen Objekts zum Beispiel in einen Satelliten die Energie einer Handgranatenexplosion frei.

Etwa 18'000 dieser Trümmerteile sind so gross, dass sie regelmässig von leistungsstarken Überwachungssystemen verfolgt werden können. Weltraummüll entsteht auf vielfältige Weise - beispielsweise bei den mehr als 4900 Raketenstarts, die seit Beginn des Raumfahrtzeitalters vor fast 60 Jahren stattgefunden haben und bei denen stets grosse und kleine Teile in Erdumlaufbahnen gelangen. Ausserdem wissen die Forscher von mehreren Kollisionen grosser Objekte, die Weltraumschrott hinterlassen haben. Einer dieser Zusammenstösse ereignete sich am 10. Februar 2009: Der US-Satellit Iridium 33 kollidierte mit dem abgeschalteten russischen Satelliten Kosmos 2251. Beide wurden total zerstört - und die «Müllhalde» im Erdorbit wuchs um weitere mindestens 2200 Trümmerteile.

Stoff genug für die viertägige Europäische Konferenz zu Weltraumschrott, die bereits zum siebten Mal stattfindet und die weltweit grösste Veranstaltung zu Raumfahrtrückständen ist. Bei dem Treffen wollen Wissenschaftler, Ingenieure und Manager aus allen wichtigen Raumfahrtnationen die neuesten Erkenntnisse über Weltraumschrott austauschen.

Im Mittelpunkt stehen dabei strategische Ansätze sowie technische Optionen zum Umgang mit dem Weltraummüll. Eine der grössten Gefahren besteht darin, dass Kollisionen vor allem grosser Schrottobjekte eine folgenschwere Kettenreaktion auslösen können: Die Teile stossen mit gigantischer Geschwindigkeit zusammen und zersplittern - mit der Folge, dass mit der steigenden Zahl der Teile auch das Gefahrenpotenzial weiter anwächst.

Diese Kettenreaktion nennen die Forscher «Kessler-Syndrom» - sie könnte Teile des erdnahen Weltraums für die Raumfahrt unbrauchbar machen. Als eine Option im Kampf gegen die zunehmende Vermüllung des Weltraums werden die Experten in Darmstadt die sogenannte «aktive Entfernung» von Weltraumtrümmern erörtern. Das bedeutet nichts anderes, als dass ein Raumfahrzeug zu einem grossen Schrottteil startet und es einsammelt. (amu/AFP)

Erstellt: 12.04.2017, 15:07 Uhr

Service

Agenda

Alle Events im Überblick.

Kommentare

Blogs

Sweet Home Das tut Frauenwohnungen gut

Geldblog Was bei Geldanlagen wirklich wichtig ist

Die Welt in Bildern

Angestarrt: Ein Riesenotter beobachtet die Besucher im Zoo von Duisburg (22. Mai 2017).
(Bild: Martin Meissner) Mehr...