WM 2010

Portugal und der Ketchup-Effekt

Von Tilo Wagner, Lissabon. Aktualisiert am 21.06.2010

Cristiano Ronaldo ist seit zwei Jahren ohne Tor in einem Pflichtspiel für sein Land – und trotzdem auch heute gegen Nordkorea der grosse Hoffnungsträger.

Cristiano Ronaldo: Der vermeintlich gefährlichste Angriffsspieler trifft das Tor nicht mehr.

Cristiano Ronaldo: Der vermeintlich gefährlichste Angriffsspieler trifft das Tor nicht mehr.
Bild: Keystone

Vor dem Spiel gegen Nordkorea greifen Portugals Sportkommentatoren in die Mottenkiste vergangener Erfolge, um das Interesse an einer Weltmeisterschaft zu wecken, die bisher in Portugal keine Begeisterungsstürme ausgelöst hat. Für einige Fans gehört das 5:3 der Seleção gegen Nordkorea im Viertelfinal 1966 sogar zu den besten WM-Spielen überhaupt. Nach 25 Minuten hatte damals der Fussballzwerg 3:0 geführt, doch der legendäre Eusébio erzielte darauf vier von fünf portugiesischen Toren und schoss sein Team in den Halbfinal.

Eusébios Treffsicherheit weint Portugal auch heute noch nach. Denn der vermeintlich gefährlichste Angriffsspieler im aktuellen Kader trifft nicht: Im Trikot der Nationalmannschaft hat Cristiano Ronaldo seit zwei Jahren kein Tor in einem Wettbewerbsspiel erzielt.

Decos Kritik am Trainer

Nach dem enttäuschenden Offensivspiel der Portugiesen gegen die Elfenbeinküste (0:0) wurde auch aus den Reihen der Mannschaft offene Kritik an der taktischen Aufstellung von Trainer Carlos Queiroz laut. Der portugiesisch-brasilianische Spielmacher Deco hatte Queiroz vorgeworfen, ihn auf der rechten Mittelfeldseite völlig falsch positioniert zu haben. Deco entschuldigte sich später mehrmals öffentlich für den fehlenden Respekt vor dem Trainer. «Manchmal macht man Fehler», sagte Queiroz, «das hat die Stimmung in der Mannschaft nicht zerstört. Das Wichtigste ist, dass wir trotz Decos Kritik die Ruhe bewahrt haben.» In der Sache lag der Mittelfeldspieler von Chelsea nach Meinung vieler Beobachter aber richtig.

Nachdem Aussenstürmer Nani wegen einer Schulterverletzung kurz vor Beginn der WM ersetzt werden musste, fehlt Portugal für sein Offensivspiel mit zwei leicht zurückhängenden Flügelspielern und einem Mittelstürmer neben Cristiano Ronaldo die zweite überdurchschnittliche Kraft auf der Seite. Dem 26-jährigen Danny von Zenit St. Petersburg gelang gegen die Elfenbeinküste auf der linken Seite so wenig, dass der formschwache Simão Sabrosa von Atletico Madrid nun wohl doch wieder in die Startformation rücken wird. Zudem setzte Queiroz im ersten Spiel die Aussenverteidiger sehr defensiv ein, obwohl gerade Benficas Fabio Coentrão auf der linken Seite als gelernter Flügelstürmer Akzente nach vorne setzen kann.

100 Kilo Ketchup aus Portugal

Problematisch bleibt auch die Besetzung der Mittelstürmerposition. Der schmächtige Liedson geniesst das Vertrauen des Trainers, spielt bei Sporting aber immer an der Seite eines zweiten Stürmers und kommt mit der Umstellung auf das 4-3-2-1-System nicht zurecht. Angesichts der vielen Fragezeichen hinter dem portugiesischen Angriffsspiel wird ein Grossteil der Hoffnungen doch wieder auf den Schultern von Ronaldo lasten. Zu Beginn der WM hatte der 25-Jährige seine Torflaute mit einem Zitat zu erklären versucht: Tore seien wie Ketchup; wenn der Bann gebrochen sei, würden sie in grossen Mengen fliessen. Ein portugiesischer Ketchup-Hersteller hat nun vor dem Spiel gegen Nordkorea, das Portugal unbedingt gewinnen muss, um sich die Chance auf ein Weiterkommen zu wahren, 100 kg des gewürzten Tomatenmarks ins Lager der Portugiesen nach Südafrika geschickt. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 21.06.2010, 11:30 Uhr