Kanalisieren, verhindern, abwürgen, bestimmen

Die Medienarbeit bei den Schweizer Fussballern nahm an der WM in Brasilien bedenkliche Züge an. Ein Kommentar eines Betroffenen.

Lachen und knipsen am Strand von Porto Seguro: Schweizer Spieler mit Valon Behrami (ganz links).

Lachen und knipsen am Strand von Porto Seguro: Schweizer Spieler mit Valon Behrami (ganz links). Bild: Keystone

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Ich war an der Fussball-WM in Brasilien. Tönt fantastisch, ist es ja auch – und selbst nach 26 Berufsjahren eine spannende Herausforderung. Wer hat schon das Privileg, mit den besten Schweizer Fussballern für knapp vier Wochen in eines der aufregendsten Länder der Welt zu fliegen?

Für das offizielle Arrangement, welches ein Berner Reisebüro in Zusammenarbeit mit dem Schweizer Fussballverband (SFV) erarbeitete, musste jeder Verlag 18 300 Franken pro Nase bezahlen. Kost und Logis, dazu zwei Übersee- sowie drei weitere Inlandflüge zu den Gruppenspielen.

Schon am ersten Tag nach der Landung in Porto Seguro wurde klar, wie die tägliche Arbeit zu laufen hat. Zwei Spieler stellten sich täglich den rund fünfzig bis achtzig Journalisten. Pro Spieler rund eine Viertelstunde, die 
er, auf einem Podium sitzend, hinter einem Mikrofon bewältigen musste. Noch an der Endrunde in Südafrika waren es pro Tag drei Spieler gewesen, die sich, an Tischen sitzend, mindestens zwanzig Minuten Zeit genommen hatten.

An den Spielern liegts nicht

Schöne, neue Medienwelt. Ein Einzelgespräch mit einem Spieler, 
zum Beispiel mit einem Reservisten wie etwa FCB-Verteidiger Fabian Schär? SFV-Medienchef Marco von Ah ver tröstete den Anfrager über eine Woche lang. Dann schickte er Schär mit den Worten ins Auditorium: «Bitte nicht zu lange fragen, der Spieler hat noch weitere Termine heute.»

Das Schweizer Fernsehen, das in Porto Seguro im gleichen Hotel untergebracht war wie die Mannschaft, musste tagelang verhandeln, ehe dem wutschnaubenden Sportchef Urs Leutert wenigstens zugestanden wurde, dass ein Spieler zehn Minuten vors Mikrofon tritt. Das Paradoxe dabei: Die Spieler verweigern sich der Medien arbeit keineswegs. Sie sind alle Profis genug und durchaus bereit für eine Abwechslung im eintönigen WM-Alltag.

Vielen Journalisten waren die neuen, restriktiven Bestimmungen egal, weil sie zum ersten Mal an einer WM dabei waren. Sie begnügten sich damit, nach Hause zu berichten, wie toll alles hier sei und dass sie soeben Xherdan Shaqiri am Strand gesehen hätten. Journalistische Vielfalt, Exklusivität? Nicht unbedingt, ist obendrein auch sehr anstrengend.

Einheitsbrei in der Heimat

Wer jedoch beim Verband nachhakte, wurde freundlich, aber bestimmt abgewiesen. Mal hiess es, Ottmar Hitzfeld wolle nicht, dass die Spieler zu viel reden. Mal war es der Medienchef, der keine Lust zu haben schien, mal die Fifa, die mit ihrer Doktrin alle in Atem hielt. In diesem Geflecht gab es für die Schweizer Journalisten vor Ort praktisch kein Durchkommen. In den ersten zwei Wochen in Porto Seguro war ein komplettes Training für die Presse zugänglich, sonst waren nur die ersten 15 Minuten offen – oder nur die Reservisten auf dem Platz.

Zwischen dem Sieg über Ecuador und der Pleite gegen Frankreich befand es Ottmar Hitzfeld eine knappe Woche lang nicht für nötig, eine Pressekonferenz abzuhalten. In den Zeitungen zwischen Genf und St. Gallen war deshalb quer durchs Land nur Einheitsbrei zu lesen, da sich alle stets auf die gleichen zwei Spieler stürzen mussten.

Wer aufbegehrt, wird abgestraft

Nicht falsch verstehen: Ein WM-Spiel ist keine Quartierveranstaltung. Es ist legitim, dass der Verband nicht hundert Spezialwünsche der Journalisten erfüllen kann. Es ist normal, dass ein Gökhan Inler nicht zwei Stunden lang vor den Kameras den Handstand zelebrieren muss.

Doch in Brasilien bestand die SFV-Medienpolitik aus kanalisieren, verhindern, abwürgen und bestimmen – ein Trend, der auch in anderen Branchen wild um sich greift. Wer nicht mitzieht und aufbegehrt, wird abgestraft. Richtig ist aber, dass die Befindlichkeit der Journaille beim Einordnen des Geschehens auch immer mitschwingt. Alles hat seinen Preis.

So machts keinen Sinn

Gerade im anonymen Zeitalter des Internets ist es eine Grundaufgabe der Journalisten, den Puls der Beteiligten zu spüren. Dass sie nachfragen dürfen, dass sie sich auch mal kurz mit einem Spieler unter vier Augen austauschen. Wer das verhindert, nährt in erster Linie die Spekulationen und entfernt sich von der Basis: Es sind die Medien, die den Fussball weltweit populär gemacht haben.

Mit seiner fantasielosen Bewältigung des Tagesgeschäftes machte der SFV einen auf grosse Fussballnation. Bis zum Frankreich-Spiel, dann kläffte Shaqiri in die Mikrofone: «Wir sind nicht Brasilien oder Deutschland, wir sind nur die kleine Schweiz.» Nach gut zwei Wochen Brasilien habe ich die Übung abgebrochen und in Basel weitergeschrieben. Ein ganz kleines Zeichen in einer kleinen Fussballnation. (Basler Zeitung)

(Erstellt: 04.07.2014, 12:34 Uhr)

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