Silvio Berlusconi spielt auf Zeit

Aktualisiert am 08.07.2011

Italiens Premier will 2013 nicht mehr antreten und nennt einen möglichen Nachfolger. Fraglich ist, ob er sich noch solange halten kann. Von Oliver Meiler

Es war ein Interview, das gar nicht hätte stattfinden sollen: zwischen einer Vernissage im Abgeordnetenhaus und Peperonihäppchen im Römer Regierungspalast. Silvio Berlusconi hatte gerade an einer Buchpräsentation teilgenommen, war umgeben von einem Pulk politischer Höflinge und Parlamentsjournalisten, als er in der Menge einen Kommentator der linken, ihm nicht gewogenen Zeitung «La Repubblica» erkannte. Italiens Premier fragte Claudio Tito, warum ihn die Zeitung ständig angreife: «Versucht doch, ausgeglichener zu berichten, wenn ihr das schafft.»

Und so begannen die beiden Männer, die sich sonst auf Distanz messen, ein engagiertes Gespräch, vergassen darob das Umfeld, fanden sich bald im Büro Berlusconis wieder, wo sich der in einem Sofa niederliess und scheinbar zufällig seinen politischen Horizont skizzierte. Tito fragte ihn, ob er denn 2013, zum Ende der Legislaturperiode, noch einmal als Spitzenkandidat des rechten Lagers antreten werde: «Ganz sicher nicht», antwortete Berlusconi mit überraschender Entschlossenheit, «assolutamente no. Wenn ich könnte, würde ich heute aufhören.» Etwas später sagte er noch: «Mit 77 Jahren kann ich nicht mehr Präsident des Ministerrats sein.»

Innerlich zerfranst

Nun sollte man sich vor Zufälligkeiten in Acht nehmen bei Berlusconi, von dem man weiss, dass er besser taktiert als die meisten Gegner und dass auch seine vermeintlichen Fauxpas meist wohlvermessene Kommunikationsschritte sind. In diesem Fall mutet es so an, als wollte Berlusconi das laute Gerede über vorgezogene Neuwahlen oder über die Einsetzung einer technischen Regierung mit einem Kracher zu seinem freiwilligen Rückzug übertönen.

Die zentrale Frage ist nicht, ob Berlusconi in zwei Jahren noch einmal antritt, sondern ob er sich bis dahin an der Macht halten kann: Sein politisches Lager schlingert. Es ist nur noch mehrheitsfähig dank einem Dutzend gekaufter Deputierter, zerfressen von Querelen unter Ministern, durchzogen von einer Affäre um eine mysteriöse Geheimloge, gebremst von den Prozessen des Premiers, deren Abwehr einen beträchtlichen Teil des Regierens beansprucht. In der Lega Nord, der Partnerpartei, rumort es gehörig – wegen Berlusconis schwindender Popularität und wegen der Kollateralschäden für sie selbst.Alle Probleme im Regierungslager hängen mit dem Patron zusammen. Das ist normal: Berlusconi beherrscht und prägt das Centrodestra seit bald zwanzig Jahren. Es ist seine Kreation. Nun dämmert es im Gleichschritt mit dem Chef.

Die Auserwählten

Nachgezogen hat er niemanden. Als seinen Nachfolger designierte Berlusconi nun einen jungen Sizilianer, Angelino Alfano (40), Justizminister seit drei Jahren, dessen bisher grösste Leistung als «Lodo Alfano» bekannt ist. Dieses Gesetz war der forsche Versuch, den Premierminister immun zu machen gegen jede Art von Strafverfolgung. Das «Lodo Alfano» scheiterte am Verfassungsgericht. Seit kurzem ist Alfano Sekretär des Popolo della Libertà, Berlusconis Partei. Ob auch die Wähler der Lega Nord mit dem Sizilianer als Spitzenkandidaten leben könnten, ist fraglich.

Eine Vorstellung hat Berlusconi auch für die Besetzung des Staatspräsidiums, das er nicht anstrebe: «Das ist nichts für mich», sagte er der «Repubblica» so deutlich wie nie. Er sähe in dieser Rolle Gianni Letta (76), seine rechte Hand, den Kabinettssekretär und stillen Strippenzieher. Der frühere Vizepräsident von Berlusconis Medienkonzern weiss alles: Er kennt alle politischen und geschäftlichen Geheimnisse, die sich um den Aufstieg des Chefs ranken – und er gilt als wandelndes Geheimnis.Doch bei allen Planspielchen: Berlusconi versucht damit wohl vor allem, die Thesen über seinen baldigen Sturz aus der Agenda zu drängen. 2013 ist weit weg, eine politische Ewigkeit entfernt. Bis dahin bliebe jedenfalls genügend Zeit für einen Rückzug vom angekündigten Rückzug. Assolutamente.

Berlusconi und sein Wunschnachfolger Angelino Alfano. Foto: Pier Paolo Cito (Keystone)

Erstellt: 08.07.2011, 17:55 Uhr