21 Tage im «Loch» – Ein Schweizer erlebte in Dubai einen Albtraum

Von Monica Müller. Aktualisiert am 24.04.2009 44 Kommentare

Ein Zürcher Unternehmer wurde in Dubai zu Unrecht ins Gefängnis gesteckt. Drei Wochen vegetierte er mit 390 Männern in überfüllten Zellen – als Opfer einer Horrorgeschichte.

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Dubais glanvolle Seite: Das 1,5-Milliarden-Dollar-Projekt Jumeira Palm Island, eine künstlich ins Meer gebaute Riesenanlage in Form einer Palme.
Bild: Keystone

   

Schweiz und Dubai

Schweizer in den Arabischen Emiraten

Dubai ist nach Abu Dhabi mit 1,5 Millionen Einwohnern das zweitgrösste der sieben Emirate. Die Zahl der Schweizer, die in den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) leben und arbeiten, hat sich in den vergangenen zwölf Jahren fast verfünfzehnfacht. 1997 umfasste die Schweizer Community rund 120 Personen, heute sind es etwa 1600. Laut dem Swiss Business Hub in Dubai gibt es in den VAE rund 580 Schweizer Firmen. 150 davon haben ihren Sitz in Abu Dhabi, 200 Schweizer Firmen sind in Dubai und den nördlichen Emiraten tätig. Weitere 230 Schweizer Firmen werden von lokalen Vertretern geführt. 2008 stiegen die Schweizer Exporte in die Emirate im Vergleich zur Vorjahresperiode um 44 Prozent auf 3,07 Milliarden Franken, die Importe von den Emiraten in die Schweiz stiegen um 36 Prozent auf 0,47 Milliarden Franken. Das EDA hat seit Anfang 2007 in den Vereinigten Arabischen Emiraten in 12 Fällen Begleitungen im Rahmen des konsularischen Schutzes gemacht. Davon betrafen zwei Fälle Abu Dhabi und zehn Dubai.

VAE

Die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) sind seit 1971 unabhängig und eine konstitutionelle Monarchie. Beobachter beschreiben das politische System als «patriarchalisches Präsidialsystem mit traditionellen Konsultationsmechanismen». Die Verbindung von traditionellen und modernen Werten zeigt sich auch im dualen Rechtssystem, das weltliches Recht mit der islamischen Scharia kombiniert. Medien und Internet werden zensuriert.

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Beat Meier*, seit vielen Jahren Unternehmer in der Schweiz und den Arabischen Emiraten, hatte eben in Dubai eingecheckt und freute sich über sein Upgrade in die erste Klasse und den Flug nach Zürich. Er schrieb seiner Frau ein SMS «Wir sehen uns morgen!», ging zur Passkontrolle und zeigte seinen Ausweis. Der Beamte schaute sich das Dokument an, griff zum Telefonhörer, und kurz darauf nahmen ihn drei Uniformierte ohne jede Erklärung fest. Meier konnte seiner Frau und einem befreundeten Anwalt in Dubai noch «Es gibt Probleme» simsen, dann wurde er in Handschellen abgeführt. Von der Polizeistation, wo seine Fragen ebenfalls unbeantwortet blieben, wurde er mitten in der Nacht im Kastenwagen ins Al-Rashidiya-Gefängnis gefahren. Man nahm ihm die persönlichen Gegenstände ab und sperrte ihn ins «Loch».

Dealer, Mörder, Unschuldige

Das Loch, wie Meier die Räume ohne Tageslicht nennt, hätte Platz für 75 Insassen, doch 390 Männer sind dort inhaftiert. Dealer, Vergewaltiger, Mörder – und Unschuldige. Wenige Männer liegen, sitzen oder kauern auf Matratzen, die meisten auf Karton, Zeitungen oder dem Boden. Die Männer dösen in den Zellen, auf dem Küchenboden, im Gang – Inder und Pakistaner der niederen Kasten auf dem Toilettenboden, der von Kot überschwemmt ist. Nur zwei WCs und eine Dusche funktionieren. Geputzt wird nie. Es stinkt erbärmlich und ist um die 35 Grad warm, auch nachts. Einmal im Tag gibt es Reis und Wasser. Die Häftlinge, die das Sagen haben, verteilen nach Gutdünken und geleisteten Gefallen.

Meier spricht mit kaum jemandem, versucht nicht aufzufallen, hat das Glück, nicht belästigt zu werden. Er muss aber mitansehen, wie Polizisten oder Häftlinge Mitinsassen schikanieren. Er wartet. Döst. Versucht, nicht zu denken: «Wie geht es weiter?» Er hält sich an Zahlenreihen fest. 9, 18, 27, 36, 45. Subtrahiert, addiert, multipliziert. Obwohl er sich nie besonders für Mathematik interessiert hat, schafft er es bis zu den Tangentialrechnungen. Und er erinnert sich an Schönes, lädt Episoden und Erinnerungen herunter wie Filme aus dem Internet. Schöne Momente mit seiner Frau, sportliche und unternehmerischen Erfolge. Die Tage und Nächte sind lang. Er weiss seit fünf Tagen nicht, warum er hier ist.

Am Anfang war ein Checkbetrug

«Er war plötzlich verschwunden», sagt seine Frau. Anna Meier*. Sie sucht das Eidgenössische Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA) auf, erzählt, was sie weiss. Mit einem befreundeten Anwalt in Dubai recherchiert sie, was geschehen sein könnte. Über seine Kontakte finden sie heraus, dass ihr Mann im Al-Rashidiya-Gefängnis ist. Der Schweizer Konsul will sich nicht einmischen, erzählt Anna Meier. Sie lässt nicht locker, erinnert den Konsul an seine Pflichten und erreicht, dass dieser kooperiert. Niemandem ausser dem Konsul ist es erlaubt, ihren Mann zu besuchen. Das EDA bestätigt, «diese Person im Rahmen des konsularischen Schutzes begleitet zu haben», will aber auf keine Details eingehen.

Der gut vernetzte Anwalt aus Dubai kümmert sich rund um die Uhr um den Fall seines Freundes, recherchiert, lobbyiert, und langsam fügen sich die Mosaiksteinchen zu einem Bild: Ein Iraner stahl aus Beat Meiers Büro einen Check, trug einen Betrag in Millionenhöhe ein und fälschte Meiers Unterschrift. Wie es zum Diebstahl kommen konnte, ist bis heute nicht restlos geklärt. Da Meier keinen derart hohen Betrag auf dem Bankkonto hatte, konnte das Geld auch nicht eingezogen werden. Checks sind ein wichtiges Zahlungsmittel in den Arabischen Emiraten. Ein ungedeckter oder missbrauchter Check gilt als strafrechtlich relevant und wird als schweres Delikt von der Polizei geahndet. Um von seiner Dokumentenfälschung abzulenken, bestach der Iraner zwei Polizisten, Meier mit einem falschen Eintrag im Polizeisystem zu diskreditieren. So kategorisierte die Datenbank Meier als bereits überführt und schuldig.

Tagezählen mit selbstgebastelter Papieruhr

Obwohl der Anwalt schliesslich nachweisen kann, dass Meier unschuldig inhaftiert wurde, und die Behörden dies bestätigen, soll er bis zum ordentlichen Prozess – Minimum 6 Monate ab Inhaftierung – im Gefängnis bleiben. Nach zähen Verhandlungen erreicht der Anwalt, dass Meier auf Kaution (ein Fünftel der fiktiven Deliktsumme) freigelassen werden kann. Zusätzlich muss ein Dubaier mit guter Bonität mit Hinterlegung seines Passes für Meier bürgen. Freunde und Familie überweisen die Kaution ans Gericht, und ein Freund hinterlegt seinen Pass. Sechs Tage nach seiner Inhaftierung können Konsul und Anwalt Meier erstmals besuchen. Jetzt weiss Meier, dass er innerhalb eines Monats freikommen müsste. Mit einer selbst gebastelten Papieruhr zählt er die Tage rückwärts. Jetzt erst beginnt er, mit anderen Insassen zu sprechen. Dabei lernt er einen Engländer und einen Amerikaner kennen, die ebenfalls unverschuldet und seit mehr als acht Monaten im Loch sind. Einmal am Tag isst er etwas Reis. Er will höchstens einmal pro Woche durch den Kot zur Toilette waten müssen.

Drei Wochen später, 10 Kilo leichter

Am Tag, als Barack Obama zum Präsidenten der USA gewählt wird, kann Meier das Al-Rashidiya-Gefängnis verlassen – nach drei Wochen. Das Tageslicht blendet ihn. Er wird vom Anwalt abgeholt und zu einem Luxushotel gefahren. Als er die Lobby betritt – mit Vollbart, dreckigen Kleidern und 10 Kilo leichter –, wird ihm von den Düften und dem Geplätscher schwindlig. Im Zimmer weiss er nicht, was er machen soll. Er steht zwei Stunden unter die Dusche. Am Abend kommt seine Frau aus Zürich in Dubai an. Heute bezeichnen beide den Moment des Wiedersehens rückblickend als unbeschreiblich – und schauen sich dabei lange wortlos an. Sie sagt: «Das Ganze hat unser Leben in ein Vorher und Nachher geteilt.» Er nickt.

Zurück in Zürich wird Meier krank. Er hat ein Virus aufgeschnappt und muss eine Kur machen. Einen Monat lässt er sich Zeit, dann nimmt er die Arbeit wieder auf. Zurück im Geschäft, drohen ihm zwei langjährige Kunden rechtliche Schritte an, weil sie ihn nach der langen Abwesenheit für kriminell halten: «Für die Schweizer hat jemand, der im Gefängnis war, Unrechtes getan.» Weil die topmoderne, luxuriöse, leuchtende Fassade der Arabischen Emirate über deren archaisches Rechtssystem hinwegtäusche, hat Meier dem «Tages-Anzeiger» seine Geschichte erzählt. «Ich möchte», sagt er «auf die Zustände hinweisen und einen Beitrag zur Sensibilisierung leisten.» Meier ist seit vielen Jahren Kenner der Vereinigten Arabischen Emirate, spricht die Sprache, kennt die Sitten und war sich immer bewusst über das Restrisiko, dort zu geschäften und zu leben. «Was mir passiert ist, kann jedem zu jedem Zeitpunkt passieren.»

«Zu viel gesehen in Dubai»

Mittlerweile ist er wieder nach Dubai gereist – «mit viel Respekt und Personenschutz» – und hat als Zeuge gegen den Iraner ausgesagt, der ihn ins Gefängnis brachte. Seit dem Prozess träumt er nicht mehr vom Gefängnis und kann wieder Tram fahren, ohne im Stossverkehr Platzangst zu bekommen. Bei Agentenfilmen erschrickt er jeweils, wie realistisch die fiktiven Bilder und Szenen sind. Meier führt seine Geschäfte in Dubai weiter, nimmt aber keine neuen Mandate mehr an. Mittelfristig will er seine Zelte in den Arabischen Emiraten abbrechen und sich wieder nach Westeuropa ausrichten. «Ich habe zu viel gesehen.»

*Namen der Redaktion bekannt (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.04.2009, 07:30 Uhr

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44 Kommentare

Bruno Waldvogel

24.04.2009, 10:32 Uhr
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Wozu die Aufregung? Dieses Schicksal erleiden täglich unzählige Christinnen und Christen in allen arabischen und islamischen Ländern. Dort macht keiner den Mund auf. Natürlich tut mir das für Herr Meier leid. Aber das sind die alltäglichen Realitäten in vielen der Staaten, die sogar im Menschrechtsrat der UNO sitzen. @ Werdmüller: Dies mit den USA zu vergleichen, ist eine bodenlose Dummheit. Antworten


Max Wartenberg

24.04.2009, 10:36 Uhr
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1. Respekt vor all den Schweizern, die im Ausland unter erhöhtem Risiko arbeiten und so Arbeitsplätze in der Schweiz schaffen und erhalten. 2. In vielen Ländern Asiens / Amerikas ist es ähnlich, sowohl Bau als auch Haftbedingungen. Die UNO Menschenrechtskommission wie auch ONGs schliessen beide Augen, man möchte mit den Regierungen auf gutem Fuss stehen. Europäische Proteste sind viel zu harmlos. Antworten