SBB: Die 1. Klasse ist ihr Geld nicht wert

Von Roger Keller. Aktualisiert am 21.03.2009 15 Kommentare

Die SBB richten im Zürcher Hauptbahnhof einen bedienten Warteraum für Vielreisende der 1. Klasse ein. Das ist gut so. Aber was tun SBB und Verkehrsverbund für ihre übrigen Vielzahler? Viel zu wenig.

Wio liegt der Unterschied, der 67 Prozent Aufschlag rechtfertigt?: 1. Klasse (oben) und 2. Klasse (unten) in der Zürcher S-Bahn.

Wio liegt der Unterschied, der 67 Prozent Aufschlag rechtfertigt?: 1. Klasse (oben) und 2. Klasse (unten) in der Zürcher S-Bahn. (Bild: Reto Oeschger)

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Wer in einen Doppelstockzug der Zürcher S - Bahn einsteigt, muss gut aufpassen, um die richtige Klasse zu erwischen. Von aussen signalisiert nur ein gelber Streifen über den Fenstern die 1. Klasse. Und drinnen der Spannteppich, aber meist nicht schon auf der Plattform, sondern erst im Abteil. Wer dies und die etwas grosszügigeren Sitzabstände übersieht, landet in der 1. Klasse und hält sie für die 2. Klasse. Deshalb haben die SBB vor einigen Jahren die Kopfbezüge der Sitze mehrfach mit dem Schriftzug 1. Klasse versehen. Weil man es sonst nicht ohne weiteres merkt.

Das spricht nicht für die 1. Klasse. Hätte sie diesen Namen verdient, würde man den Unterschied sofort sehen. Besser sichtbar wird der Unterschied dagegen bei den Tarifen: Ein Ticket der 1. Klasse kostet 65 bis 67 Prozent mehr als für die 2. Klasse. Das mag im Fernverkehr durchaus in Ordnung sein: Dort sind im Wagenquerschnitt nur drei Sitze angeordnet - nicht vier wie in der 2. Klasse. Und es gibt Businesswagen.

Im Regionalverkehr sind die Unterschiede hingegen marginal geworden, seit die SBB die Sitzzahl der 1. Klasse im Wagenquerschnitt von drei auf vier erhöht und den Komfort der 2. Klasse über die Jahre stetig ausgebaut haben. Gleich geblieben ist nur etwas: der prozentuale Zuschlag für die 1. Klasse.

Wenig stichhaltige Argumente

Natürlich gibt es eine Menge von Gründen, mit denen die SBB dies zu rechtfertigen versuchen können. Aber sie sind alle wenig stichhaltig:

Im Flugverkehr sei der Zuschlag von Economy zu Business im Kurzstreckenverkehr noch viel grösser als im Bahnverkehr, ohne dass der Komfort massiv grösser wäre. Das mag so zwar stimmen, aber der Kurzstrecken-Luftverkehr lässt sich nicht mit einer nur 15 bis 20 Minuten dauernden S - Bahn -Fahrt vergleichen. Und der höhere Preis für die Business Class umfasst noch viel mehr als die reine Beförderung (Buchungsfreiheit, Verpflegung, Sitzzahl, Lounges, Meilen, Gepäck usw.).

Im Fernverkehr sei der Zuschlag in Franken grösser, weshalb auch ein grösserer Komfort angezeigt sei als im Regionalverkehr. Dieses Argument der SBB ist nicht wirklich eines: Zahlt ein Fahrgast zwischen Zürich und Bern (und zurück) mit Halbtax 30 Franken mehr, lässt sich im S - Bahn -Verkehr mit einem mehrfachen Verkauf eines Sitzes etwa zwischen Zürich und Winterthur in der gleichen Zeit annähernd derselbe Ertrag erzielen.

Mit dem teureren Billet kauft man auch mehr Ruhe

Die Fahrgäste kauften mit dem Ticket für die 1. Klasse auch eine bessere Ambiance und mehr Ruhe. Das mag in den Fernverkehrszügen der Fall sein. Aber gerade im Zürcher Regionalverkehr nicht, wo die SBB mit Vorräumen und Treppen, die für alle offen sind, exakt das Gegenteil dessen anbieten, was sie versprechen und was Fahrgäste der 1. Klasse erwarten dürfen.

Die 1. Klasse sei ihr Geld immer noch wert, weil die Wahrscheinlichkeit grösser sei, dort auch in den Stosszeiten noch einen Sitzplatz zu finden. Und niemand sei gezwungen, in der 1. Klasse zu fahren. Das stimmt und ist in der Tat das beste Argument der SBB. Es legt aber gleichzeitig die wenig kundenfreundliche Haltung eines Monopolbetriebes offen, der hohe Passagierzahlen nur als Verdienst des eigenen Produktes und weniger als Folge des überlasteten Strassennetzes sieht. In der Konsequenz bedeutet es, dass die SBB kein Interesse daran haben, die 1. Klasse im Regionalverkehr attraktiver zu machen - weil sonst plötzlich auch dort nicht mehr allen ein Sitzplatz zur Verfügung stünde.

Der ZVV hat es in der Hand

Nicht alles lässt sich jedoch den SBB in die Schuhe schieben. Noch viel stärker ist der Zürcher Verkehrsverbund (ZVV) für den Komfort in der 1. Klasse verantwortlich: Er ist der Besteller der SBB-Leistungen, und er redet mit, wenn es darum geht, den Komfort in neuem Rollmaterial zu bestimmen. Dabei hat er bisher wenig unternommen, damit sich die 1. Klasse wieder vermehrt von der 2. Klasse abhebt und zufriedene Fahrgäste zurücklässt, die auch dann einmal den Zug nehmen, wenn sich auch das Auto anbieten würde.

Im Gegenteil: Der ZVV kassiert einen noch höheren Zuschlag für die 1. Klasse als die SBB. Der Aufpreis beträgt im ZVV-Netz prozentual berechnet zwar ebenfalls 65 bis 67 Prozent. Aber weil die Fahrgäste der 1. Klasse diesen Zuschlag auch dort bezahlen müssen, wo es gar keine 1. Klasse gibt - in Trams, Bussen oder in der Forch- und der Sihltalbahn -, ist er faktisch höher. Damit steht der ZVV besonders in der Schuld, sich etwas einfallen zu lassen, um seinen Kundinnen und Kunden der 1. Klasse einen besseren Service zu bieten. Die bevorstehenden Beschaffungen und Sanierungen von Rollmaterial bieten dazu ausreichend Gelegenheit. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 21.03.2009, 09:37 Uhr

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15 Kommentare

Balz Ehrensperger

21.03.2009, 10:01 Uhr
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Die SBB sind aus ihrer Tradition viel zu egalitaristisch, um einen echten Unterschied zwischen 1. und 2. Klasse machen zu können. Hinzu kommt noch eine Fortschrittsfeindlichkeit bzw. die Langsamkeit der Beförderung (im Gegensatz z.B. zu Japan): Seit jeher tuckern wir mit den selben Zeiten durchs Land. Wenigstens genug Angebot in Stosszeiten? Fehlanzeige. Milliardendefizit? Aber sicher. Antworten


Peter Broger

21.03.2009, 09:46 Uhr
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Beruflich reise ich viel in der ersten Klasse, aber leider muss ich auch hier allgemein bemerken zum Fernverkehr, dass dieser verglichen mit dem Ausland TGV, ICE auf unterstem Niveau ist. Die grösste Frechheit und ungerechtfertigte Bereicherung (gem. OR und der SBB etc. bekannt), ist das mit den Trams, Busen und dem ZVV in der ersten Klasse. Erste Klasse Fahrer werden hier über den Tisch gezogen! Antworten