Professor kämpft gegen Klimawandel

Von Nadja Belviso . Aktualisiert am 12.08.2010

Der Männedörfler ETH-Professor Atsumu Ohmura hat nicht resigniert. Es sei immer noch möglich, die globale Erwärmung in den Griff zu bekommen.

Der Klimawandel sei noch zu stoppen, ist er überzeugt, doch die Ignoranz vieler Skeptiker macht ihm Sorgen:ETH-Professor Atsumu Ohmura.

Der Klimawandel sei noch zu stoppen, ist er überzeugt, doch die Ignoranz vieler Skeptiker macht ihm Sorgen:ETH-Professor Atsumu Ohmura.

Als der Männedörfler Klimaprofessor Atsumu Ohmura feststellte, dass sich der Himmel weltweit verdunkelt, glaubte ihm kein Mensch. Seinen ersten Vortrag zu diesem Thema hielt er 1988 beim International Radiation Symposium. Ein Jahr später wurde dieser auch veröffentlicht. Reaktionen auf beides blieben aus. Die Erkenntnisse wurden schlichtweg ignoriert.

Dabei ist das Phänomen des «global dimming» alles andere als unbedeutend: Lange hatten sich Wissenschaftler gefragt, warum die Klimaerwärmung langsamer als berechnet vonstattenging und es zwischen 1950 und 1990 sogar zu einer Abkühlung kam. Erst Ohmuras Entdeckung brachte eine Erklärung: Aerosole, die bei der Verbrennung entstehen, reflektieren das Sonnenlicht. Gleichzeitig kondensiert an ihnen das Wasser. Es bilden sich Wolken, die Atmosphäre verdunkelt sich.

Der Professor zweifelte selbst

Dieses Phänomen war unter Fachleuten zwar bekannt, aber niemand glaubte, dass es den Treibhauseffekt dämpfen könnte. Aufgrund der Luftreinhaltemassnahmen ist die Atmosphäre inzwischen wieder am Aufhellen. Zusammen mit den zunehmenden Treibhausgasen führt das «global brightening» zur stärksten Erwärmung seit 10?000 Jahren.

Erst Jahre nach Ohmuras Vortrag griff ein Journalist des «Guardian» das Thema auf und löste damit ein Erdbeben aus. «Plötzlich klingelte mein Telefon pausenlos», erinnert sich Ohmura. Manche Anrufer wollten mehr über die globale Verdunkelung wissen. Andere behaupteten, sie hätten die Entdeckung zuerst gemacht. Der emeritierte Professor lacht. Ihm war es egal, wer der Erste war. Es war dann jener Journalist, der herausfand, dass vor Ohmura noch keiner das Phänomen beschrieben hatte.

Trotz Ablehnung dranbleiben

Dass er zuvor ignoriert wurde, habe ihn nicht verletzt, sagt der Männedörfler. Das sei die normale Reaktion auf neue Erkenntnisse. «Ich zweifelte zunächst selbst an meinen Beobachtungen und Berechnungen.» Dennoch sei die Zeit zwischen dem Symposium und dem Zeitungsartikel hart gewesen, gibt er zu: «Es braucht viel Energie, trotz der Ablehnung weiterzuforschen.»

Rückschläge gehören für den gebürtigen Japaner ebenso zum Leben wie Höhenflüge. Seine erste Enttäuschung erlebte er mit 24?Jahren. Nach seinem Studium an der naturwissenschaftlichen Fakultät der Universität Tokio packte ihn die Abenteuerlust. Er bewarb sich für eine Expedition in die Antarktis. Sein Professor allerdings befand ihn dafür zu jung und zu unerfahren. Stattdessen vermittelte dieser ihm eine Doktorandenstelle in arktischer Forschung in Kanada beim Schweizer Glaziologen Fritz Müller. Als dieser Heimweh bekam und eine Stelle an der ETH annahm, folgte ihm Ohmura in die Schweiz.

Ein Freund von Koizumi

Und er blieb: Aus den geplanten zwei Jahren sind inzwischen 40 geworden. Der 68-Jährige fühlt sich wohl in Männedorf. Anders als seine kanadische Frau und die drei erwachsenen Kinder hat er sich aber nicht einbürgern lassen, denn dafür hätte er den japanischen Pass abgeben müssen. «Daran kann ich nicht mal denken», sagt er. Zu viel verbindet ihn mit der Heimat. Nicht zuletzt die Freundschaft mit dem ehemaligen Ministerpräsidenten Junichiro Koizumi, mit dem er ins Gymnasium ging.

Auf ihn setzte Ohmura seine Hoffnungen, nachdem das Kyoto-Protokoll verabschiedet war. Darin vereinbarten 188 Nationen, die Treibhausgase bis 2012 zu reduzieren. «Die Schweiz kann es knapp schaffen», sagt Ohmura, «doch Japan ist weit davon entfernt.» An seinem Schulfreund liege das aber nicht. Dieser sei sehr umweltbewusst und reformfreudig. «Doch die meisten Politiker in Japan sind – anders als in der Schweiz – dumme Leute.» Koizumi habe sich gegen sie nicht durchsetzen können.

Der Wahl-Männedörfler kämpft auch nach seiner Emeritierung gegen die Klimaerwärmung. Wenn man nichts unternehme, sei die Konzentration der Treibhausgase bis 2100 gegenüber dem Jahr 1800 verdreifacht. Die antarktischen Eisschilde würden schmelzen, wodurch der Meeresspiegel stiege. Der Prozess sei dann nicht mehr umkehrbar. Weltweit käme es zu Flüchtlingswellen, prophezeit Ohmura. Auch die Goldküste sähe anders aus: durchschnittliche Jahrestemperaturen wie in Süditalien, sehr trockene Sommer, sehr feuchte Winter, weniger Schnee und stärkere Stürme. Über diese Gefahren hat Ohmura als wissenschaftlicher Berater an der Konferenz in Kyoto aufgeklärt.

Ignoranz bereitet ihm Sorgen

Nur sind solche Informationen manchen Leuten ein Dorn im Auge. Unter den Skeptikern gebe es drei Sorten, sagt Ohmura. Jene, die zu wenig wissen und nachdenken, machen ihm wenig Sorgen. Bedenklicher findet er, dass sich Wissenschaftler von grossen Konzernen kaufen liessen, um falsche Tatsachen zu verbreiten. «Das sind die Feinde der Menschheit», sagt der Klimaprofessor, «sie handeln nur im eigenen Interesse.» Prominenteste Vertreter seien die Mitglieder der Familie Bush, die das Volk bewusst in die Irre geführt hätten, um die eigenen Interessen im Erdölgeschäft zu wahren. Verärgert ist Ohmura auch über die dritte Gruppe: Darin seien jene Wissenschaftler vertreten, die aus Publicitygründen Meinungen vertreten, die nicht dem Mainstream entsprechen.

Da letztlich aber das Volk über die Zukunft der Erde entscheide, sei es am vernünftigsten, wenn man Aufklärungsarbeit betreibe. Selbst vor Primarschülern hat Atsumu Ohmura schon gesprochen, um deren Umweltbewusstsein zu fördern. Gerade die Kinder bewahren ihn davor, zu resignieren. «Noch ist nichts verloren», sagt er, «die Kinder wissen heute viel mehr über globale Zusammenhänge als deren Eltern oder meine Generation.» Wenn sie als Erwachsene das Ruder übernähmen, blicke er zuversichtlich in die Zukunft.

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Erstellt: 11.08.2010, 19:58 Uhr